Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 298 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 17 „Wer im Kampfe die Fahne verläßt, ist ein Hundsfott!" Und die Versammlung antwortet ihm mit dem minutenlangen Rufe: „Jawohl Herr Doktor, ein Hundsfott, ein Hundsfott!" Dr. Karl Lifczis sagt: „Wir stehen auf einem prinzipiellen Standpunkt. Ob Einer sich ganz getauft hat oder für seine Person konfessionslos geworden, wohl aber — aus Ueberzeuguug — feine Kinder getauft und so zuhause eine konfessionelle Gemischtwarenhandlung errichtet hat, ist uns gleichgültig für die Beurteilung des Charakters." Redner erklärt unter allgemeiner Zustimmung, daß die Juden keinen Abtrünnigen wählen werden. Der Anhang des Baron Hock hatte längst die für feine Schützlinge trostlose Situation erkannt und durch wüstes Lärmen und Schreien auf die Sprengung der eigenen Versammlung hingearbeitet. Der Spektakel veranlaßte den Wirt, das Licht abzudrehen. Es gelang jedoch, die Ruhe so weit herzustellen, daß noch Dr. Weisengrün und Dr. v. Fürth sich Gehör verschaffen konnten. Der letztere stammelte einige wirkungslose Worte zu feiner Verteidigung, worauf die Versammlung sich auflöste. Die feierliche Einweihung des Kaiser Franz Josef-Jubiläumstempels in Wien. ward zu einem Ehrentage für den Tempelverein Wieden- Margarethen, dessen Vorstand den Bau dieses schönen und würdigen Gotteshauses durch jahrelange, zähe und rastlose .Arbeit ermöglichte. Se. Majestät der Kaiser gab in einem, durch den Generaladjutanten Grafen Eduard Paar übermittelten huldvollen Schreiben seinem allerhöchsten Danke für die Einladung zur Feier Ausdruck und betraute Se. Exzellenz den Statthalter Grafen Kielmansegg mit seiner Vertretung. Die am 21. d. M. stattgehabte Feier nahm einen glanzenden Verlauf. Der Statthalter, empfangen von dem Präsidenten der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, dem Obmanne des Vereines Adolf Hofmann, dessen Stellvertreter Ignatz Tautzik, dem Vorstandsschristführer Franz Frankl und den Vorstehern kais. Rat Wilhelm Pollak, Kommerzialrat Moritz Hacker, Gremialrat Friedr. Wien er, Gust. Marburg, E. Wieselthier, Josef Sonnenschein und den übrigen Vorstandsmitgliedern, wurde in den im reichsten Blumenflor prangenden Sitzungssaal geleitet und dort, umgeben von einer Schar weißgekleideter Mädchen, Töchter der Vorstände und Mitglieder des Vereines, durch den Obmann Adolf Hofmann begrüßt, welcher den tiefgefühlten Dank des Vereins für die Anwesenheit des hohen Vertreters Sr. Majestät zum Ausdrucke brachte. Hierauf richtete der Präsident der Kultusgemeinde an den Statthalter folgende Ansprache: „Als Präsident unserer Gemeinde habe ich die Ehre, Se. Exzellenz den Herrn Statthalter als Vertreter Sr. Majestät unseres Kaisers ergebenst zu begrüßen und ihm für sein Erscheinen herzlichst zu danken. Ich begrüße auch die anderen Festgäste, ich begrüße den Vereinsvorstand und ich statte ihm den Glückwunsch und Dank unseres Kultusvorstandes und unserer Gemeinde ab. Es ist vielen von Ihnen, vielleicht Ihnen allen, bekannt, daß die Mittel unserer Kultusgemeinde, da wir allein auf unsere Glaubensgenossen angewiesen sind, nicht ausreichen, um in allen Bezirken Wiens für unsere Glaubensgenossen Stätten der Gottesverehrung zu errichten, und so geschieht es da und dort, daß sich Männer zusammenfinden, einen Verein bilden, Gleichgesinnte werben und nach langwierigen, meist jahrelangen Mühen unter unseren Glaubensgenossen, die Mittel zur Errichtung eines würdigen Gotteshauses zusammenbringen. Es ist selbstverständlich, daß sie in ihrem Bemühen von Seiten des Vorstandes moralisch und, soweit die Mittel der Gemeinde reichen, apch materiell reichlich gefördert werden, gefördert werden müssen, da es ja eine Aufgabe unserer Kultusgemeinde, für den öffentlichen Gottesdienst zu sorgen, ist, welcher Aufgabe sie sich unterziehen. Solche Männer sind die Mitglieder dieses Vereines, seines Vorstandes, welchen ich für ihre Mühe meinen herzlichsten Dank und ob des gelungenen Werkes meine herzlichsten Glückwünsche abstatte. Nicht zu vergessen den genialen Architekten, welcher in selbstloser Weise seine Kunst, seine Mühe eingesetzt hat. Der Psalmvers: „Im engen, bedrängten Raume richtete ich mein Gebet zu Gott empor, er erhörte mich." In weitem Raum hier wird dieser Psalmvers zu greifbarer wahrer Wirklichkeit. In bedrängter, beängstigender Enge war, Ihre bisherige Betstätte und nun treten Sie ein in die weite Halle, in das herrliche Gotteshaus, welches Sie errichteten mit Gottes Beistand, der Sie nun in diese Halle geleiten möge." Der Statthalter wurde sodann zu dem auf der Estrade des Tempels zur rechten Seite der Bundeslade errichteten Ehrensitze geleitet. Die Feier begann mit dem vom neubestellten Oberkantor Simon Weiß in geradezu vollendeter Weise und mit überaus klangvoller Stimme intonierten Mah towu. Bei dem Anzünden des ewigen Lichtes durch Oberrabbiner Dr. Güdemann zeichnete dieser in schwungvollen Worten die hohe Bedeutung dieses ewigen Lichtes aus und erläuterte das religiöse und ethische Moment des Errichtens von Gotteshäusern. Unter den melodischen Klängen des Psalm 24, vom verstärkten Tempel-Chore unter seinem Dirigenten, Chor- und Kapellmeister Samuel Braslawsky, welcher auch die Harmoniumbegleitung besorgte, in wirkungsvoller Weise gesungen, fand, der Einzug der Thora-Rollen statt. Weißgekleideten Mädchen, dem Zuge voranschreitend und Blumen streuend, folgten die von den Rabbinern und Vorstehern getragenen 8 Thora-Rollen, welche in die Bundeslade eingestellt wurden. Hierauf hielt Gemeinderabbiner Dr. Heinrich Reich die Festpredigt. Er führte aus: Als der Kaiser seine Zustimmung erteilte, daß der Tempel seinem Regierungsjubiläum zu Ehren erbaut werde und seinen Namen tragen dürfe, half dieser Name mit Zaubergewalt, das Gebäude errichten und vollenden. Hierauf wurde bei offener Vundeslade das Gebet für den Kaiser gesprochen und die Volkshymne gesungen. Der kaufmännische Gesangverein sang dann „Die Ehre Gottes" von Beethoven. Am Schluffe der Feier, deren Leitung in den Händen des Schriftführers Franz Frankl lag, zeichnete der Statthalter den Oberrabbiner Doktor Güdemann, Präsident Dr. Alfred Stern, Obmann Ad. Hofmann, Schriftführer Fr. Frankl, Architekt I. Gärtner, Baumeister Arnold Varber, Vereinsrabbiner Dr. Reich, Oberkantor Simon Weiß durch Ansprachen aus. Der neue, im V. Bezirk, Siebenbrunnengaffe 1, erbaute Tempel ist ein überaus stattlicher, architektonisch Wohlgelungener Bau, im romanischen Stil nach den Plänen des bekannten Architekten I. Gärtner (welcher damit das 24. Gotteshaus vollendet) vom Baumeister Arnold Barber erbaut. Er faßt zirka 500 Personen und besitzt vorzügliche Akustik. Der Anblick des in allen Räumen überfüllten, durch die Munifizenz des jungen Freiherrn Alfons von Rothschild im reichsten und kostbarsten Blumen- und Pslanzenschmucke prangenden Gotteshauses war.ein überwältigender und die Glückwünsche und Anerkennungen