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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-04-29 · 17 (29.4.1910) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
17 (29.4.1910)
Date
1910-04-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 17 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 397 zeigt, daß die Verwaltung, dank der Tätigkeit des Damenkomitees, insbesondere der Präsidentin, Frau Ida Diamant, ein Ersparnis von 12.000 Kronen erzielt hat. Redner erwähnt die überaus traurige Tatsache, datz 160 Gesuche von berüäsichtigungswürdigen Männern und Frauen, deren Ausnahme überaus dringlich wäre, abgelehnt werden mutzten. Sein ideales Ziel, dem er mit ganzer Energie zustreben möchte, ist, ein neues weiteres israel. Versorgungshaus erstehen zu sehen. Ueber Antrag des Kultusvorstehers, Herrn Adolf Schramek, nunmehr „en bloc“ angenommen. Der Präsident Herr Dr. Alfred Stern, spricht dem Referenten Mar Frank für seine fachkundige, mühevolle und erfolgreiche Leitung des Finanzreferates und der Finanzgebahrung den Dank des gesamten Kollegiums aus. (Lebhafter Beifall.) Er gedenkt dankbar der Tätigkeit des Damenkomitees, insbesondere der Frau Ida Diamant, und erklärt, zum Schlüsse der Sitzung schreiten zu wollen. Es erbittet sich noch der I. Vizepräsident, Herr Dr. Gustav Kohn, das Wort, um mit herzlichen Worten für dis ihm anlätzlich seines siebzigsten Geburtstages zuteil gewordenen Ehrungen zu danken und die Bitte an das Kollegium zu richten, diese Sympathien ihm auch in Zukunft bewahren zu wollen. (Lebhafter Beifall.) Wählerversamwlung in der Inneren Stadt. Am 20. April fand im Saale des „Hotel de France" eine Wählerversammlung statt, die so zahlreich besucht war, daß viele Späterkommende keinen Einlaß mehr fanden. Unter den Anwesenden befanden sich zahlreiche illustre Vertreter der Kaufmannschaft und der Industrie. Auch der Präsident der Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, hatte sich eingefunden. Es sprachen zunächst die Kandidaten Max Frank, Alfons Herold und Josef Stein, deren Ausführungen stürmisch akklamiert wurden. Da die Kandidaturen der Herren Herold und Stein schon von einer früheren Versammlung bestätigt worden waren, ließ der Vorsitzende noch über die Kandidatur des Herrn Max Frank abstimmen, welche unter allseitiger Akklamation einstimmig ratifiziert wurde. Es sprachen noch Herr Ingenieur Pollitzer, welcher die Machenschaften des Bezirkswahlkomitees scharf beleuchtete, und Sekretär Siegfried Fleischer, welcher fich energisch gegen dis Zumutung wendet, der jüdischen Wählerschaft Renegaten aufdrängen zu wollen. „Die Herren," rief Redner aus, „haben uns taxfrei Titel und Charakter von Kultusjuden verliehen. Wir find nicht in der Lage, uns vollwertig zu revanchieren. Wir können ihnen nur einen Titel ohne Charakter zurückgeben: „Taufjuden! Abfalljuden!" Die Versammlung endete unter dem erhebenden Eindrücke, daß die Wählerschaft sich endlich kraftvoll erhoben hat, um das Joch einer ebenso unfähigen als unklugen Klique von sich abzuschütteln. Eine sogenannte Wählerversammlung der Deutsch-Demokraten. Am 21. April unternahm der Abgeordnete Baron Hock mit feinem Gefolge getaufter Juden und ungetanster Judenfeinde den ohnmächtigen Versuch, ihren schwer bedrohten Schützling Dr. v. Fürth zu retten. Zu diesem Zwecke hatte man ins „Hotel Post" eine allgemein zugängliche Versammlung des deutsch-demokratischen Vereines einberufen und die Anhänger aus allen Bezirken zusammengetrommelt. Leider assistierte diesem traurigen Beginnen auch der Abgeordnete Dr. Ofner, der damit wohl einer Freundespflicht, nicht aber der Pflicht gegen seine jüdischen Wähler in der Leopoldstadt genügte. Das Wahlkomitee fortschrittlicher Bürger der Inneren Stadt bereitete den Herren eine gründliche und wohlverdiente Niederlage. Seine Anhänger waren in überwältigender Majorität erschienen und die Wortführer des Abfalljudentums erhielten einen Denkzettel, auf den sie nicht gefaßt waren. Gleich zu Beginn der Verteidigungsrede des Baron Hock, der in arger Verlegenheit zugab, daß Mißgriffe geschehen und von den „Feldherren" Fehler begangen wurden, daß aber die Truppen Disziplin halten und die Beschlüffe der politischen Vereine achten müßten, scholl ihm der donnernde Ruf der fortschrittlichen Bürger entgegen : „Nein, die Vereine müssen die Wünsche der Wählerschaft achten!" Und als Baron Hock sein Plaidoyer mit den Worten schloß: „Wenn das Chaos der Wählerschaft fich gegen die Leitung der bestehenden Organisationen auflehnt, so begeht fie ein Verbrechen!" erhob fich der Sekretär der „Oesterr.-Jsrael. Union" und rief ihm unter brausender Zustimmung der Versammlung zu: „War es auch ein Verbrechen, als vor drei Jahren das „Chaos der Wählerschaft" gegen die Leitung des „Donauklubs" die Wahl Doktor Ofners durchsetzte?" Als zweiter Redner sprach Dr. Ofner: Er gestand zu, daßder Religionswechsel einen Rückschluß auf den Charakter zulaffe, man müffe aber jeden Fäll individuell auffaffen. Dr. v. Fürth sei trotz seines Austrittes aus dem Judentum ein Charakter, er sei übrigens nur konfessionslos. (Rufe: „Aber seine Kinder hat er getauft!" — ,.U n d was ist es mit Doktor Neumann? Ist der auch ein Charakter?") Dr. Ofner: „Ich trete hier nur für Dr. v. Fürth ein." Auf den Zwischenruf, betreffend seiner eigenen Wahl gegen den „Donauklub" erklärte Dr. Ofner, es sei richtig, daß damals die Bewegung aus der Wählerschaft herausgewachsen sei, aber er habe damals seinen Überzeugungen gefolgt. (Zwischenrufe: „Und heute?" „Wir folgen auch nur unserer Überzeugung!") Dr. Ofner erklärte weiter, er habe weder in der Schule noch als Advokat den Judenhaß zu spüren bekommen, erst im Landtage habe man seine jMschen Empfindungen verletzt. (Ruf: „Sie haben aber deshalb Ihren Glauben nicht gewechselt!") Dr. Ofner: „Ich tat es nicht, zuerst aus Pietät gegen meine Eltern, dann aus Ehrgefühl!" (Ruf: „Damit verurteilen Sie selbst die A b g ef a l l e n en!") Sekretär Siegfried Fleischer führte aus: Weder er selbst, noch die „Union", noch die gesamte jüdische Wählerschaft stehe in politischen Dingen auf einem konfessionellen Standpunkt. Ob Christ .oder Jude, war uns stets gleich. Das haben wir bewiesen, als wir Dr. Kronawetter gegen Dr. Mittler und vor drei Jahren Dr. Ofner gegen den Bizepräfidenten der Kultusgemeinde Dr. Kohn, der uns auch persönlich nahesteht, durchsetzten. Unter der Flagge des Liberalismus sei aber immer und immer wieder gegen die Juden gesündigt worden. Der Liberalismus sei unvergänglich, seine Formen aber wechseln, und wenn die Organisationen den freiheitlichen Geist verletzen, dann müsse die Wählerschaft aufstehen und neue bessere Organisationen schaffen. Redner ruft Baron Hock zum Zeugen auf, daß er ihm schon vor Jahren wiederholt vertraulich gesagt habe: „A u f dem Wege, den Sie gehen, werden Sie die Juden von sich abstoßen und die Christen nicht gewinnen!" Man habe Kompromisse nach allen Seiten geschloffen, auf die Wünsche aller kleinen Sondergruppen Rückficht genommen und sogar den Antisemiten Maaß akzeptiert, nur auf die Stimmungen und Empfindungen von 70 Prozent der Wählerschaft habe man keine Rücksicht genommen! (Stürmischer Beifall.) Taktische und strategische Fehler darf ein Feldherr machen, aber einen Fehler darf er nicht begehen: Wehe ihm, wenn er das Vertrauen seiner Truppen zu seiner eigenen Fähigkeit erschüttert! (Lebhafter Beifall.) Das haben Sie getan, indem Sie den Juden zumuten, Abgefallene, Renegaten als ihre Führer anzuerkennen. (Stürmische Zustimmung.) Wenn Sie so fortarbeiten, dann wird sich der Wille der Wählerschaft gegen Sie durchsetzen und Ihre Vereine und Organisationen wie Spreu hiuwegsegen!" (Brausender, langanhaltender Beifall.) Der nächste Redner ist Advokat Dr. Hock, auch ein Renegat. Er hat die Kühnheit, der Versammlung zuzurnfen:

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