Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 296 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 17 mit Hinweis auf einige wenige Posten, die vorauszusehen ganz unmöglich war, erklären. Es sind dies die Posten Kultussteuer mit einem Plus gegen den Voranschlag von ca. K 64.000, das Friedhofs- und Beerdigungswesen mit einer Mehreinnahme von ca. K 96.000, denen allerdings naturgemäß auch Mehrausgaben in der Höhe von ca. K 45.000 gegenüberstehen, das Spital mit einem Plus von Verpflegsgebühren und Zinsen der neuen Stiftungen Per ca. K 21.000, das Versorgungshaus gleicherweise per ca. K 18.000 und die Fleischregie mit einem Mehreiugang an Schächtgebühren per ca. K 8000. Auch die Trauungstaxen und Betsitze wiesen fast durchwegs größere Einnahmen auf, die nahezu L 10.000 betragen, anderseits wurden in den Ausgaben vielfach bedeutende Ersparnisse erzielt, selbstverständlich aber nicht etwa in jenen für Wohltätigkeit und Verabreichung ritueller Kost an Kranke, welche Posten im Gegenteil sogar gestiegen sind. Aber es ist' sicher von Interesse, und ich muß dies besonders hervorhebeu, daß diese Ersparnisse allein schon genügt hätten, um das praliminierte Dtfizit zu vermeiden, und daß wir die unverhofft größeren Einnahmen einzelner Kapitel für das Gleichgewicht unserer diesjährigen finanziellen Gebahrung gar nicht benötigt haben. Unter den Minderausgaben befindet sich ja auch ein allerdings relativ kleiner Betrag, der von den eingestellten Reserven nicht in Anspruch genommen wurde und den man also nicht direkt als Ersparnis bezeichnen kann. Aber abgesehen davon, daß dies in jedem anderen Jahre auch der Fall ist, bietet gerade dieser Umstand unseren Mitbürgern den deutlichen Beweis dafür, daß selbst bei karger Einstellung von Reserven der gleiche Vorgang bei Bewilligung der Ausgaben durchaus nicht etwa platzgreift. Mit großer Befriedigung muß ich diesmal der vorzüglichen Leitung unseres Versorgungs- und Siechenhauses gedenken. Die Ausgaben dieser Anstalt find, wenn man die nicht Präliminierte Post für Aequivaleutgebühr per zirka K 5100 berücksichtigt, um fast K 12.500 gegen den Voranschlag zurückgeblieben und find, trotzdem bekanntlich die bedeutende Erweiterung des Hauses im Vorjahre voll zum Ausdrucke gelangte, gegen das Jahr 1908 im Ganzen um etwa K 8000 gestiegen. Bei unserem Spüal sind die Ausgaben nicht zurückgegangen, sondern eher höher gewesen, aber es ist zu berücksichtigen, daß das Plus an eingegangenen Verpfiegsgebühren naturgemäß auch eine Erhöhung des für Verköstigung budgetierten Betrages bedinge und daß eine Vermehrung von Operationen, welche im Vorjahre tatsächlich erfolgte, einen Mehrbedarf an Licht, Verbandstoffen und des Röntgeninstitutes mit sich bringt. Meine Herren! Als wir im Vorjahre das Ergebnis des Rechnungsabschluffes pro 1908 veröffentlichten nnd ein Defizit von zirka K 176.000 auswiesen, da habe ich, als Jude, mit tiefem Bedauern sehen müffen, daß diese Tatsache dazu diente, daß gerade von jüdischer Seite das Wort von dem finanziellen Zusammenbruch unserer Gemeinde hinausgerufen wurde. Und gierig wurde dieses Wort von den antisemitischen Blättern aufgefangen und höhnend weitergetragev. Da ich böse Absicht unbedingt ausschließe, so muß ich sagen, daß nur vollkommene Unkenntnis der Sachlage es übersehen konnte, daß trotz des Gebahrungsdefizites von zirka K 176.000 — übrigens bei einem 3 Millionen-Budget kein so erschreckender Betrag — die finanzielle Lage unserer Kultusgemeinde »och immer viel kräftiger und konsolidierter ist, als die der meisten großen Städte unserer Monarchie. Wir haben es damals, und ich glaube mit Recht, Unterlasten, uns gegen diese tiefe Schädigung unseres Ansehens zur Wehre zu setzen, und heute kann ich mit aufrichtiger Freude feststellen, daß die Tatsachen «ns eine viel bessere Rehabilitierung brachten, als dies eine noch so lange Polemik vermocht hätte. Das „Deutsche Volksblatt", welches triumphierend den Artikel über den Zusammenbruch nachdruckte, fühlt es freilich ficher nicht, daß es einfache Pflicht dcr Anständigkeit wäre, der unbegründeten Herabwürdigung jetzt eine begründete Richtigstellung folgen zu lasten. Mir aber, und ich denke der ganzen Mischen Bevölkerung genügt es vollauf, zu wiffen, daß unsere Gemeinde gewissenhaft verwaltet wird und gottlob noch in voller, ungeschmälerter Kraft stolz aufrecht steht. Und dies, trotzdem der Staat allen unseren berechtigten Forderungen gegenüber bisher taub geblieben ist. Allerdings muß er darin noch bestärkt werden, wenn dieser unser Anspruch, daß der Staat das an uns begangene Gewohnheitsunrecht endlich gutmachen möge, sogar von Jenen widersprochen wird, die wir zu den unseren zählen. Und ich bin ganz ficher, im Namen des gesamten Vorstandes zu handeln, wenn ich es hier öffentlich und nachdrücklich ausspreche, daß wir auf unser gutes Recht vom Staate, jenen entsprechenden Beitrag zu erhalten, den er den anderen Religionsgenossenschaften gibt, nie und nimmer verzichten und niemals aufhören werden, diesen Anspruch immer wieder zu erheben. Ich litte Sie. den Rechnungsabschluß zur Kenntnis nehmen zu wollen. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Die Vorlage wurde kapitelweise beraten und entwickelte sich dabei eine längere, teilweise recht instruktive Debatte. Der I. Vizepräsident, Herr Dr. Gustav Kohn, zeigte ziffernmäßig, daß der erfreuliche, günstige Rechnungsabschluß nicht auf kosten der Bethäuser erzielt worden ist. Die Subventionen für die Bethäuser wurden wesentlich erhöht, Ersparungen wurden auf andern Gebieten erzielt. Ebenso wurde das Budget des Religionsunterrichts nicht verkürzt, im Gegenteil, der Vorstand geht daran, die Bezüge der R e l i g i o n s l e h r e r zu erhöhen und ihre Stellung namhaft zu verbessern. Herr Kultusvorsteher Dr. Isidor S a m u e l y spricht seine Befriedigung aus über das gelungene Finanzreferat und gibt die Anregung, daß die Gemeinde die Ausschmückung der Gräber aus dem Zentralfriedhos in eigener Regie übernehme und jüdische Gärtner, welche ihre Ausbildung in der landwirtschaftlichen Schule zu Ahlem bei Hannover erhallen, anstelle. In vielen jüdischen Großgemeinden Deutschlands sei die Einrichtung bereits getroffen und habe sich außerordentlich gut hiebei bewährt. Herr Kultusvertreter Dr. Leopold Kohn teilt mit, daß der Vertrag mit Herrn Pallestrini auf 5 Jahre abgeschlossen wurde, jedoch mit der ausdrücklichen Bestimmung, daß wir uns das Kündigungsrecht schon nach 3 Jahren Vorbehalten. In der Kommissionssitzung wird der Plan, den Herr Dr. Samuely angeregt hat, eingehend erwogen. „Wir befinden uns dermalen in einem Uebergangsstadium und wir werden jedenfalls früher oder später die eigene Regie einführen." Beim Kapitel Spital gibt Kultusvorsteher Prof. Dr. P o l l a k seiner Befriedigung Ausdruck, daß trotz der eingetretenen enormen. Teuerung der Zuschuß der Kultusgemeinde keine Erhöhung erfahren hat. Die Preiserhöhung der Zahlstockabteilung ergab einen Mehrbetrag von 17.000 Kronen. Redner verweist darauf, daß das wohltätige Institut der Ambulanz am ist. Spital, die freie Gewährung der Medikamente eine bedeutende Last bilde, und regt dann an, daß wegen llebernahme dieser Kosten mit der „Chewra Kadischa" eine Verständigung anzubahnen sei. I. Vizepräsident Dr. Gustav Kohn teilt mit, daß der Gedanke ventiliert wird, den hilfesuchenden Patienten bei der Ambulanz die ersten Medikamente ohneweiteres auszufolgen, während vor der Verabfolgung weiterer Medikamente ein Nachweis der Dürftigkeit. abzuverlangen sei. Kultusvertreter Dr. Maximilian Steiner protestiert gegen den Versuch, das wohltätige Wirken der Ambulanz nach irgend einer Richtung zu schmälern. Es ist kein Unglück, wenn einmal ein Mensch, der nicht in gänzlicher Armut sich befindet, als Kranker eine Wohltat erhält. An der Debatte beteiligten sich Herr Kultusvertreter Salo Kohn, ka.is. Rat Kanders, Adolf Schramek und Samuel Steiner. Bei dem Kapitel Verforgungshaus ergreift das Wort zweiter Vizepräsident Hofrat Dr. Rapaport. Er