Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Scite 294 Dr. BloKs Wochenschrift. Nr. 1? sonders starken Zusammengehörigkeitsgefühles der Juden, welches einzelne Juden veranlaßte. alle Länder aufzusuchen, wo sich Glaubensgenossen befanden, wozu bei den damaligen Verhaltnifsen und der Schutzlosigkeit der Juden der größte Persönliche Mut gehörte. Die meisten dieser Reisen hatten als Ziel das heilige Land, manche erstreckten sich jedoch aus die ganze damals bekannte Welt. Als bedeutende Geographen hob der Redner vor allem hervor, Benjamin von Tudela, sowie Pethachja aus Regensburg. Mit besonderer Wärme gedachte der Redner der wissenschaftlichen Leistungen des Maimonidcs. Er bezeichnet dessen Werke „Moreh Rebuchim" als eine wahre Fundgrube von wertvollen Schätzen auf philosophischem, mathematischem, astronomischem und medizinischem Gebiet. Aus den Ausführungen des Redners ergab sich, daß die Juden des Mittelalters trotz der furchtbaren Verfolgungen, die so oft ihr Eigentum, ihren Wohnsitz, ihren Glauben und ihr Leben bedrohten, in vielen Zweigen der Wissenschaft bahnbrechend wirkten, indem überall, wo ihre Lebensverhältnisse nur einigermaßen erträglich waren, die Flamme der Wissenschaft aufleuchtete. Das leider nur in mäßiger Zahl erschienene Publikum folgte dem interessanten Vortrag mit gespannter Aufmerksamkeit und zollte ihm regen Beifall. Ein „russischer" Erfinder. Ein junger, russischer Jude, Lundine, hat auf dem Gebiete der Farbenphotographie eine aufsehenerregende Erfindung gemacht. „Es ist in der Tat kaum mehr zu bezweifeln," schreibt die „Straßburger Zeitung", „daß dem jungen, kaum dreißigjährigen Russen die endgültige Lösung des bisher wohl kaum überwiegend für unlösbar gehaltenen Problems der kopierbaren Farben - Photographie gelungen ist, was, wenn die Sache einmal technisch in der Praxis ausgeführt werden kann, eine wahre Umwälzung in unserer ganzen Photographie mit sich bringen wird." Auf einmal ist Lundine „Russe". Daß er wahrscheinlich Rußland hat verlassen müssen, um studieren zu rönnen, wird verschwiegen. Es ist immer dasselbe: Leistet ein Jude etwas, so heißt es: der „Deutsche", der „Franzose" oder der „Russe". Läßt er sich aber etwas zu Schulden kommen, gleich fallen alle über die „Juden" her. („Jüd. Rundschau".) Pariser Hausierhandel. Von Rosa Feigenbaum, Paris. Die Herren von Wien holen jetzt zum letzten Schlag gegen die Wiener Hausierer aus. Einigen hundert Familien soll das Brot entzogen, Männer, die sich durch Hausieren kümmerlich ernährten, soll der Erwerb geraubt werden und da sie zu alt sind, um einen neuen zu suchen, werden viele von ihnen mit ihren Familien der öffentlichen Wohltätigkeit anheimfallen, werden dem Pauperismus neue Elemente zugeführt werden. Auf dem flachen Lande ist das drakonische Gesetz schon durchgeführt worden. Was ist wohl aus den armen Hausierern geworden, die ich gekannt, als ich dort zur Sommerfrische weilte, die ich in ihrer Tätigkeit bewundert und bemitleidet hatte. Freitag nachmittags kam er heim mit dem Bündel Waare am Rücken, müde und bestaubt von der sechstägigen Wanderung von Haus zu Haus durch die kleinen Ortschaften, aber doch glücklich, wenn es ihm gelungen war, den kärglichen Wochenbedarf für sich und seine Familie zu decken. Nachdem er eine Weile geruht, ging er daran, den Sabbath zu feiern. Er wusch sich, kleidete sich um. Die kleine Bauernstube mit den rotverhängten .Fensterchen erglänzte in feiertäglicher Sauberkeit. Auf dem mit einem weißen Tuche überdeckten Tisch leuchteten die Kerzen, welche die Hausiererfrau in weihevoller Weise entzündet hatte, dufteten die appetitlichen Barches: dann gab es auch Fleisch zu essen, dessen man während der ganzen Woche entbehren Mußte. Hell erklang der Kidusch des Hausierers, das Preislied zur Ehre Gottes. Freitag abends und Samstag war er ein König, und in der Sabbatruhe schöpfte er die Kraft für die Mühen der Arbeitswoche. Dann kam der Samstag abend heran, die letzten Gebete wurden verrichtet, Abdullah entzündet, und als das kleine Lichtlein verlöscht war, dann war auch die Feiertagsruhe für unseren armen Hausierer zu Ende. Er zog seine Werktagskleider an, nahm das schwere Bündel Waare auf den Rücken, und noch in der Nacht ging's fort auf die Wanderschaft, bis wieder der Samstag kam und ein Ausruhen ermöglichte. So ging es jahraus, jahrein fort, bis ein Machtspruch diese armen Hausierer auf dem Lande brotlos machte. Und jetzt soll die Wiener Hausierer dasselbe Schicksal ereilen, denn was gilt in der Wiener Gemeindestube ein Judenschicksal? Diesem grausamen Kastengeiste gegenüber mag es vielleicht interessieren, zu hören, wie es in der Weltstadt Paris mit dem Hausierhandel beschaffen ist. Paris ist eine der schönsten, aber auch eine der schmutzigsten Großstädte der Welt. Das klingt paradox, gber der Fremde braucht nur einen Spaziergang über die großen Boulevards zu machen, und er wird das letztere Faktum bestätigt finden. Denn diese Boulevards, über die sich in ihrer ganzen großen Ausdehnung von früh bis in die späte Nacht der kolossale Menschenstrom von fremden und einheimischen Spaziergängern wälzt, sind in ihrer ganzen Länge mit Hunderttausenden vielfärbigen ^Reklamezettel besät, die von zahlreichen Camelots in aufdringlichster Weise dem Spaziergänger fast gewaltsam in die Hand gedrückt und von diesem, meistens ungelesen, sogleich aufs Trottoir geworfen werden. Allein, nicht nur die großen Boulevards erfreuen sich dieses bunten Teppichs, auch sämtliche Hauptstraßen von Paris werden zum Zwecke der Verteilung von Reklamezetteln von den Camelots heimgesucht und auch diese bedecken sich bald mit den vielfärbigen Zettelchen. Kommt dann regnerisches, feuchtes Weiter hinzu, was in Paris sehr oft der Fall ist. so bieten diese Hauptverkehrsadern mit den in den breiigen Kot eingestampften Papierzetteln einen recht häßlichen Anblick. Viel wurde schon über diesen Schmutz der Pariser Straßen geschrieben und gesprochen, allein der Gemeinderat will diesen Unfug nicht abstellen, denn von der Verteilung dieser Zettel leben in Paris hunderte von Familien, die man nicht brotlos machen will. Auch sonst ist der Hausierhandel in den Straßen pon Paris großartig und vielseitig, und zu Tausenden zählen die Camelots, die mit ihrem betäubenden Geschrei hie Straßen durcheilen. Was alles da von Hausierern feilgeboten wird, wie es da schreit, brüllt und tutet, davon kann sich ein Wiener Spießbürger kaum einen Begriff machen. Da ist vor allem das Heer der Marchands, des Quatre Saisons, die ihre kleinen Obst-, Gemüse- und Blumenkarren von früh bis spät durch die Straßen ziehen. Da sieht man Männer und Frauen, Greise und Greisinnen, darunter oft die rührende Gestalt Crainquebilles, hie Coguelin cadet s. Zt. auch den Wienern vorgeführt hat, und wer sich nicht bis zum Besitz eines Karrens äufgeschwungen hat, der trägt in einem Körbchen die armselige Waare zu Markt. Dann kommt der marchand dchabits mit seinem langgezogenen Ruf, der Camelot, der Me Fässer und altes Eisen kauft, der Hundescherer, der die Hunde gleich auf der Straße schert, die Männer mit den Kartons, den Lampenschirmen und Fliegenfängern, der