Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-04-29 · 17 (29.4.1910) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
17 (29.4.1910)
Date
1910-04-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021891--19236-3044207
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 17 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 3S3 jüdischen Theaters prächtige Talente zu Grunde, aus denen man unter besseren Verhältnissen einen herrlichen, jüdischen Künstlerschlag züchten könnte. Komische Talente, Künstler von ganz hervorragender Bedeutung babe ich schon bei diesen Theatertrupp'n gesehen. Das dramatische Fach wies weniger Begabungen ans. Den Wenigsten gelang es, eine dramatische Szene zu tragieren, ohne die Zuhörer zum Lachen zu bringen. Vor der Ernsthaftigkeit und Innigkeit der jungen Weintraub müßte selbst ein Cyniker verstummen. Von diesem jämmerlichen, alle Illusion zerstörenden Hintergründe hebt sich diese kleine Gestalt ab, in heroischer Begeisterung, eine wirkliche Schauspielerin, die über die Herzen ihrer Zuhörer gebietet. Gewiß, es ist Meles an ihrem Spiel auszusetzen, aber nichts, was nicht durch die Nachhilfe einer guten Schulung beseitigt werden könnte. Was wir hier bewnndernswert finden, ist eben diese ungebändigte Kraft, dieser Strom der Begabung noch nicht eingedämmt, aber elementar und ursprünglich. Ein ganz eigenartiges Talent, wie es nur ein Volk hervorbringen kann, das in den Leiden seiner Geschichte den Quell aller Begabung birgt, ein Talent, das im Lande des Judenhasses durch Verfolgung und Unterdrückung seine Schulung erhalten hat. Wenn sie ihre Stimme erhebt und von Not und Qual erzählt, dann fallen alle Schranken und wir wissen, daß dies Kunst ist, wirkliche Kunst, die zu uns gehört und von uns gepflegt werden sollte. TheklaBlech-Merwin. Ueber die Quellen des Deutschenhasses in Rußland stellt der ständige russische Mitarbeiter des „Tag", G. Prosoroff, in Nummer 68/69 des Blattes eine interessante Untersuchung an. Er greift drei Kategorien von Deutschen heraus, die dem russischen Volke in hohem Grade unsympathisch find: den baltischen Adel, der die vornehmsten Stellen im Offizierskorps und die einträglichsten Aemter in der Zivilverwaltung bekleide, die deutschen Gewerbetreibenden, deren Konkurrenz dem einheimischen Handelsstande immer lästiger werde, und die deutschen Bauern. Ueber letztere sagt er das folgende: „Nicht allein.größerer Fleiß und größere Rührigkeit brachten im Süden den Deutschen in die Höhe. Es stellte sich bald auch eine größere geschäftliche Betriebsamkeit ein, die häufig schlimme Formen annahm. Wie stets und überall das Leben innerhalb eines Milieus von minderentwickelten Stämmen die höheren zu Exploitatoren erzieht, so auch den Deutschen. Bald machte er seine Ueberlegenheit dahin geltend, daß er sich auf Raubbau verlegte: Raubbau am Land, Raubbau an den Arbeitern. Nirgends nimmt der Arbeiter so ungern Stellung wie bei einem Deutschen. Nichts fürchtet der Bauer so sehr wie den deutschen Nachbar. Als am Beginn der letzten Unruhen meine Bauern nicht mehr zur Raison zu bringen waren, da drohte ich ihnen mit etwas ganz Furchtbarem: ich würde meinen Besitz den Kolonisten verkaufen! Das half — als hätte ich mit dem leibhaftigen Gottseibeiuns gedroht. Besonders seit den letzten dreißig Jahren nimmt diese unliebsame Tätigkeit der Deutschen, die sich auf Pachtens.hacher und Raubpacht, auf Ländspekulation und Hypothekenwucher erstreckt, ungeheuer zu; und je mehr ihre Ländereien sich ausbreiten, desto enger und verzweifelter wird dem russischen Bauer seine Lage. Früher wurden noch allein durch Arbeit und Strebsamkeit große Vermögen gemacht; so waren zum Beispiel die Begründer des auch in Deutschland bekannten gewaltigen Besitzes der Falz-Fein noch in der vorigen Generation einfache Bauersleute, die nur ihrem ehrlichen Fleiß, ihrer Umsicht und Tüchtigkeit das Erblühen ihres Geschlechts verdanken. Die heute emporstrebenden Kolonisten sind anders geartet. In raschem Kauf und Wiederverkauf suchen sie als Güterschlächter große Gewinne zu machen; als Zwischenpächter machen sie zwischen den Gutsherren und den nachpachtenden russischen Bauern ihren Schnitt. Beiden sind sie durch Regsamkeit, Unternehmungslust, Arbeitsamkeit und Sparsinn gleich überlegen. Aber rücksichtslos nützen sie ihre Fähigkeiten aus und genau wie der Jude die indolentere Rasse mit Geld bewuchert, so dient dem Deutschen als Mittel zur Macht das Land. So erklärt sich auch, daß hier eine Quelle des Hasses besteht, die ins Herz gerade des niederen Volkes mündet." Hier finden wir also einmal schwarz auf weiß von einem waschechten Antisemiten, als welchen Herr Prosoroff sich stets bekannt hat, bestätigt, was ein anderer deutscher Russe, Schmidt, vor einigen Jahren in einer Broschüre über die deutschen Landwirte in Rußland ebenfalls mit starkem Nachdruck hervorgehoben hat: der deutsche Landwirt in Rußland hat sich je länger je mehr auf Bodenwucher und Güterschlächterei gelegt. Den Antisemiten und Deutschvolklichen wird diese Feststellung jedenfalls sehr interessant sein. Selbstmord eines Münchener Wuchererhäuptlings. Unter dieser Spitzmarke schreibt die „Münchener Post": „Sämtliche Münchener Wuchererbörsen haben ihre Schmutzflaggen auf Halbmast gehißt. Einer der größten der edlen Zunft hat sich, wie nun amtlich festgestellt wird, selbst in ein besseres Jenseüs befördert. Vor einiger Zeit wurde gemeldet, daß der wegen Wechselfälschungen steckbrieflich verfolgte Kaufmann Marzellin Horn, der Geschäftsführer „einer kleinen Münchener Jmmobiliengesellschaft", in einem Hotel in Marseille verstorben sei. Nun ist der Münchener Staatsanwaltschaft auch die offizielle Todesurkunde übermittelt worden, weshalb die gegen Horn anhängige Untersuchung eingestellt wurde. Bei dem Verstorbenen, der durch Erhängen freiwillig aus dem Leben schied, wurde nur ein geringfügiger Geldbetrag vorgefunden. Die Wechselfälschunaen, deren Horn sich schuldig machte, belaufen sich auf etwa 15.000 Mark. Der wackere Marzellinus, der Sohn eines hessischen Zentrumsabgeordneten, war früher in München der Kommandant einer bedeutenden Wechselbörse. Er vermittelte Geldbedürftigen gegen ansehnliche Provisionen bei einem Freunde bereitwillig Darlehen auf Wechsel, wobei aber in der Regel höchstens die Hälfte der Summe in bar gegeben wurde, während für den Rest Waren — meist Majolika, Wein, Zigarren und auch „prima" Weißwaren — genommen werden mußten. In den Jahren 1898 bis 1902 gab es in München infolgedessen fast jede Woche eine große Majolika-Auktion." Verein für jüdische Geschichte und Literatur in München. Vortrag des Herrn Prof. Dr. S. Günther. Aus München wird berichtet: Donnerstag, den 17. Februar, abends, hielt im Verein für jüdische Geschichte und Literatur Herr Landtagsabgeordneter Dr. Sigmund Günther, k. Professor an der Technischen Hochschule und ordentl. Mitglied der Königlichen Akademie der Wiffenschaften, einen Vortrag über das Thema: „Der Einfluß der mittelalterlichen Juden auf arabische und abendländische Kultur". In seinen Ausführungen erbrachte Redner den Nachweis, daß das mittelalterliche Judentum trotz der ungeheuren Bedrückungen, welche besonders in einzelnen Zeitperioden auf ihnen lasteten, einen bedeutenden Einfluß in kultureller Beziehung auf seine Umgebung ausübte. Zu diesem Beweise zog der Redner die mittelalterlichen Juden nur insoweit heran, als sie unS in ihrer spezifisch jüdischen Eigenart entgegentreten, während er die Periode, da uns Juden, ihrer Umgebung angepaßt, in wiffenschaftlichem Wettbewerb mit den Gelehrten der Länder ihres Aufenthaltes begegnen, außerhalb seines Themas liegend bezeichnet. Je länger das Exil der Juden dauerte, desto mehr verloren sie ihre Eigenart, bis sie schließlich nicht mehr in hebräischer Sprache schrieben. In der Ausführung seines Themas betonte der Redner vor allem den Einfluß der Juden auf dem Gebiete der Arithmetik und Mathematik. Juden brachten dies indische Rechen- und Zahlensystem zu den Arabern, wodurch sich die bedeutendsten Fortschritte auf diesem Gebiete ergaben, die sich bald über die ganze Kulturwelt verbreiteten. Auch die Einführung des Systems der Dezimalbrüche, welche sich verhältnismäßig spät vollzog, wurde durch Juden vermittelt. Mit Anerkennung sprach der Redner von den in hebräischer Sprache verfaßten Schriften über Geometrie, Astronomie und mathematische Geographie, welche für den damaligen Stand der Wiffenschaft hohe Bildung und großen Scharfsinn der Verfasser verraten. Vermöge ihrer Sprachgewandtheit eigneten sich die Juden ganz besonders dazu, die Wiffenschaft eines Volkes an ein anderes zu vermitteln. Diese Vermittlerrolle spielten sie zunächst in Spanien, indem sie griechisch-philosophische Schriften übersetzten und dadurch die Araber mit der griechischen Kultur bekannt machten. In einer späteren Periode übermittelten Juden die arabische Wiffenschaft an daS Abendland, indem sie arabische Schriften ins Lateinische, die damalige Weltsprache, übersetzten, wobei ihnen die Verwandtschaft der arabischen Sprache mit der hebräischen besonders zu statten kam. Bedeutendes leisteten die mittelalterlichen Juden auf dem Gebiete der Geographie und Völkerkunde. Es sei erstaunlich, führte der Redner auS, wie viele geographische Schriften in hebräischer Sprache existierten, so daß diese eine Hauptquelle der Völkerkunde deS Mittelalters bildeten. Diese geographischen Werke find eine Folge deS damals noch be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.