Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 292 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 17 Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Am 14. März fand eine Plenarversammlung dieses Vereines mit einem Vortrage von Dr. Max G r u n w a l d: „Aus alten Prozeßakten" statt. Der greise Präsident des Vereines, Superintendent Professor Dr. Szeberenyi, eröffnete die Versammlung mit nachstehender Ansprache: Hochgeehrte Versammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus! In den kurzen Wintertagen und langen Winterabenden dieses Jahres ward mir ein Geistesgenuß von lehrreicher und herzerhebender Art zuteil. Was einst Jmanuel Kant, dieser größte Philosoph seit Platos Zeiten, als er Moses Mendelssohns Buch „Jerusalem" durchlas, an den Berfasier dieses Buches schrieb: „Es ist nur e i n Mendelssohn", möchte auch ich sagen, nachdem ich die Schrift Dr. Zollschans: „lieber das Raffenproblem" durchstudiert hatte: „Es ist nur ein Zollschan!" Aber mit dem Ausklang des Buches können wir uns nimmermehr einverstanden erklären! Er behauptet, das Judentum, wenn es nicht repartiert wird — was kaum möglich sein dürfte — werde im Westen sich auflösen, im Osten aber verkümmern, verschlammen! Nein! Das stimmt schon mit Goethe's Urteil nicht überein, der da schreibt: „Das Judentum ist, war und wird ewig sein, damit es den Namen Gottes durch alle Zeiten trage." Ich füge hinzu: „überhaupt wegen seiner ewigen Mission!" Diese besteht nicht etwa bloß in dem Dekalog. Zwar sind diese zehn Gebote, gleich ficherstehenden Felsen im Meere der Zeiten, die ethische Grundlage aller Konstitutionen der Welt, von der absoluten Monarchie an bis zur sozialen Republik, und der Gesetzgeber von Sinai hat wohl nicht geahnt, daß seine zehn Gebote alle Konstitutionen der alten und neuen Welt überleben werden. Die ewige Mission des Judentums besteht in der Geistigkeit, Reinheit, alle polytheistischen Allüren verabscheuenden Monotheismus; hierin verwandt mit der ewigen Mission des Christentums in seiner von Jahrhundert zu Jahrhundert steigenden Veredlung, Vertiefung, Vergeistigung und Verinnerlichung des religiösen Geistes. Unter dem Eindrücke solcher Ueberzeugung von dem brüderlich einträchtigen Neben- und Miteinanderwirken des Christentums und des Judentums in liebevollem Wetteifer ersuche ich den schon von seinen Vorträgen in der israelitischen Kultusgemeinde rühmlichst bekannten und beliebten Herrn Dr. G r u n w a l d, seinen Vortrag zu halten. (Leb' Hafter Beifall.) Die Versammlung lauschte den anderthalb ständigen Ausführungen des Redners in gespanntcster Andacht, begleitete dieselben oft mit Beifallsäußerungen und bereitete ihm am Schluffe eine begeisterte Ovation. Schlußwort des Vorsitzenden: Was die wortlosen Laute der Zuhörerschaft symbolisieren, habe ich in kurzen Worten zum klaren Ausdruck zu bringen. Dank und bewundernde Beftiedigung zollen wir Ihrer Beredsamkeit, lieber Herr Doktor, die uns zwar ein düsteres Bild der Finsternis der Herzen und Geister vergangener Zelten entrollte, zu dem auch ich als Protestant manches Nebenstück erzählen könnte — Protestanten und Juden find ja historische Schicksalsgenoffen; wir danken Ihnen im Namen unseres Vereines, dessen edlen Ziel und Zweck gedient zu haben, Ihnen die schönste und beglückendste Genugtuung sein mag! Wenn ich die Humanität und Fortschritt in der Kultur, namentlich einen edlen Kosmopolitismus unserer jüdischen Mitbürger ins Auge faffe, der sich besonders in der großherzigsten Freigebigkeit für Werke der Barmherzigkeit, für wohltätige oder patriotische Vereine zeigt, ohne Unterschied des Herkommens und Glaubens der Begründer solcher Vereinigungen; wenn ich ferner die Tendenz ins Auge faffe, wie unsere jüdischen Mitbrüder jedem himmelschreienden Unrecht mit Entrüstung entgegentreten und für die Majestät des Rechtes jubelnd eintreten, so möchte ich das Wort des Klosterbruders: „Nathan, Ihr seid ein Christ, ein besserer Christ war nie" auf alle intelligenten Juden anwenden. So habe ich denn auch dem heute zu Grabe getragenen Bürgermeister auf sein erstes mir zugesandtes Wahlprogramm geantwortet — und die damaligen Tagesblätter berichteten darüber — daß ich bei bürgerlichen Wahlen nur darauf sehe, ob man guter Oesterreicher sei, der Religion nach mag er Hottentott sein; äuch stünden die ungetauften Christen näher zu Gott und Christus, als die getauften Heiden! Ihnen, meine Damen und Herren, für Ihr zahlreiches Erscheinen dankend, bitte ich zugleich um Ihre fernere Teil» nähme an unserem Verein, denn es gilt noch immer das Wort des verstorbenen General-Konsuls von Scherzer: „Das Gedeihen der Vereine zur Abwehr des Antisemitismus kommt einer Kulturrettung unseres Jahrhunderts gleich." Eine jüdische Schauspielerin. Es gibt Menschen, die ironisch lächeln, wenn man vom jüdischen Theater spricht. Natürlich sind es gewöhnlich Juden. Diesen Menschen fehlt der herrliche Idealismus für etwas, das nicht gerade den konkreten Wert eines harten Thalers hat, eine Lanze zu brechen, sie sehen nur die äußere Form der Dinge und ihrer flügellahmen Krämerphantasie bleibt es versagt, ihnen einen bunten Schimmer zu geben. Sie vergeffen, daß der Anfang aller Kunst so war, primitiv und urwüchsig und daß sie, wenn sie von Hans Sachs und deutscher Kunst schwärmen, im Grunde auch das Prinzip dieser Entwicklung anerkennen. Aber auch das Billigkeitsgefühl, das sie den „Tegernseern" oder „Schlierseern" gegenüber haben, verschwindet beim Jargontheaier. Denn in jenen Gegenden, wo gejüdelt wird, darf nicht jüdisch gesprochen werden. Tatsächlich gibt es ein jüdisches Theater und seit mehreren Jahren strebt eine kleine Gemeinde, es auf ein höheres Niveau zu bringen und setzt viel Hoffnung auf seine Entwicklung. Doch damit hat es noch seine gute Weile nnd das jüdische Theater ist noch immer nicht als ein Surrogat für unsere Sehnsucht, künstlerische Eigenart zu produzieren. Der Zwiespalt zwischen den Anforderungen eines modernen Juden und dem Kulturbedürfnis dieser Bühnen ist zu arg, die Distanz zwischen Publikum und Darstellung zu groß. Solange noch eine „Tragödie mit Gesang und Tanz" den einfachsten dramatischen Gesetzen Hohn spricht, wird man seelisch unbeteiligte Kreise schwer heranziehen können. Es fehlt an guten Stücken, es fehlt an allen technischen Requisiten, an allen künstlerischen Mitteln. Also an allem? Nein, an Darstellern fehlt es nicht. Es fehlt nicht an Talenten, die die speziell jüdische Note aus diesem Chaos von Fünfkreuzerromantik und Pathos herauszuschälen wissen und die Typen auf diese paar Bretter stellen voll prachtvoller Charakteristik. Dieser auffallend und ursprünglich hervortretenden Begabung mancher Darsteller zuliebe lohnt es sich, auch einmal ein wirkliches Volksstück mit all seinen durchsichtigen Konflikten und primitiven Empfindungen anzusehen. Während sonst Talente mit den schweren Weg zur Bühne überstanden haben müssen, um sich frei zu entfalten, beginnt bei jüdischen Schauspielern der eigentliche Kampf erst auf der Bühne. Es ist der schwere Kampf mit der Armseligkeit einer Regie, die kindlich naiv ist, mit der Fadenscheinigkeit einer Handlung, die zum schwersten Fluche des Schauspielers, zur Lächerlichkeit führen kann. In diesem billigen und schlechten Nahmen aber gibt es manchen markanten Schauspielertypus. Das letzte Jahr brachte uns eine wirkliche und echt dramatische Begabung nach Wien. Eine zierliche, kleine Gestalt, mit großen, schwarzen, jüdischen Augen. Sie kommt aus dem Lande des Judenleides, aus Rumänien. Wenn sie in diesem atemlosen Wechselspiel eines jüdischen Stückes von burlesker Komik zur höchsten Verzweiflung auf die Bühne tritt und ihre großen, melancholischen Augen aufschlägt, dann geht ein leises Wispern durch den Saal — „die Weintraub". So heißt sie nämlich und diejenigen, die für jüdische Kunst Interesse zeigen, werden sich diesen Namen merken müssen. Ihre Hingebung an dieses bischen Kunst ist so groß, die Macht ihrer rein intuitiven Begabung so zwingend, daß man diese ganze elende Szenerie vergißt und an einer ihrer Gesten hängt, die groß und schön genug wäre, an einer würdigeren Bühne zu fesseln. Dieses schmächtige junge Mädchen hat den Sprung vom Leben auf die Breiter ohne jede künstlerische Vorbereitung gemacht, und was sie spielt, ist ganz ihr Eigentum, nichts Angelerntes, Routiniertes, es sind Töne, die sie aus der Tiefe ihrer Brust holt, Schreie einer wirklichen Verzweiflung; und so naiv die Handlung auch ist, sie holt genügend Kraft aus ihr, um in ihr aufzugehen, mit ihr zu leben. Es gelingt ihr zu rühren. Das ist viel, wenn man die Wirkung eines gewissen Ach und Oh - Pathos auf skeptische Zuhörer bedenkt. Sie hat große Liebe zur Kunst, wie sie nur begabte Naturen haben und wäre der Traum einer wirklichen jüdischen Bühne der Erfüllung nahe, sie hätte auch eine Zukunft. Aber was können wir.einem ausgesprochen jüdischen Talent bieten, wenn es sich nicht auch auf Börsegeschäfte erstreckt? So gehen an dem Elend des