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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-04-29 · 17 (29.4.1910) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
17 (29.4.1910)
Date
1910-04-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Str. 17 Dr. Blochs Wochenschrift. Seile 291 An die jüdischen Wähler des erste« Wahlkörpers! Zur Gemeinderatswahl im ersten Wahlkörper der Inneren Stadt empfehlen wir allen unseren Freunden und Gesinnungsgenossen die Herren: Max Frank, Handelsgesellschafter, IX., Berggasse 19. Alfons Herold, Gemeinderat, I., Stubenring 20. Josef Stein, Fabriksbesitzer, I., Wollzeile 24. Dr. Robert Granitsch, Advokat, I., Wollzeile 9. Dr. Oskar Hein, Gemeinderat, I, Gonzagagasse 1. Dr. Alfred Mittler, Gemeinderat, I., Salzgries 21. Josef Klandy, Professor, IX, Viriotgasse 6. * * * Die Gemeinderatswahlen in der Leopoldstadt. Die jüdischen Wähler im II. Bezirk machen wir besonders darauf aufmerksam, daß Herr Dr. Josef Winternitz, Hof- und Gerichtsadvokat und Hausbesitzer in Wien, II, Praterstaße 13, auch in der Kultusgemeinde seit vielen Jahren die Ehrenstelle des Obmannes der Bezirkskommission für den II/XX. Bezirk bekleidet, sein Wirken nicht allein in seiner Berufssphäre, sondern auch bei jeder Wohltätigkeitsakrion im Bezirke bestens bekannt ist. Dr. Winternitz hat sich immer als glaubenstreuer Genosse unserer Kultusgemeinde bewährt, so daß wir die Wahl dieses Kandidaten besonders den jüdischen Wählern wärmstens empfehlen können. Vom Aabrmarkt des Lebens. Was soll ich stiften? Es gibt wirklich und wahrhaftig noch heute Gegenden, in denen diese Sorge wie ein Alpdruck das Herz begüterter Hebräer beklemmt. In vielen Gemeinden sind die mit Testamentsplänen Beschäftigten dieser Frage dadurch überhoben, daß es dort seit Menschengedenken ererbte Sitte ist, unter jeder Bedingung im letzten Willen die Gemeinde zu bedenken und dieser die Verfügung über den hinterlassenen Betrag anheimzustellen. Um aber doch Jedem für individuelle Neigung und Vorliebe einen möglichst weiten Spielraum zu lassen, empfiehlt es sich, daß eine jede jüdische Gemeinde von Zeit zu Zeit, am einfachsten im Anhang zum Rechenschaftsbericht, eine Ueberficht veröffentlicht unter dem Titel: „Was uns nottut!" Eine Kultus gemeinde darf die für Kultuszwecke erhobenen Beiträge nicht ausschließlich oder zum unverhältnismäßig großen Teil für Wohlfahrtspflege verausgaben. Dieses Gebiet muß nach altbewährter und altgeheiligter Ueberlieferung vielmehr der privaten und Vereinstätigkeit überlassen werden. Wer auf die Entschließung hochmögender Geldbeutel Einfluß zu nehmen in der Lage ist, wie Hausärzte und juristische Gewissensräte, . deren es in jedem Kultusvorstande etliche geben dürfte, sollte mit dem ganzen Aufgebote seiner Ueberredungskunst jüdische Klienten und Patienten zu Stiftungen für jüdische Zwecke zu bestimmen suchen. An den Fingern herzählen läßt sich eine lange Liste von Gemeinden, in denen fich zum Beispiel ein Fr eiwohn n n g s ft i f t an das andere reiht. Man blicke nur einmal in diese sinn- und segensreichsten Denkmäler jüdischer Wohltäter hinein und man wird mit tiefer Bewegung die Ueberzeugung gewinnen, wie uns in Wien solche Stifte nottun. Und welche Woltat daraus ersprießt! Den Armen nicht allein, die hier unentgeltlich oder zu ganz mäßigem Zins ein menschenwürdiges Heim finden. Sondern nicht minder den Gemeinden, die mit Nöten und Elendserscheinungen zu kämpfen haben, wie fie zum weitaus größten Teile aus dem Mangel an gesunden Wohnräumen fich ergeben. Der Arzt wird zum Kranken gerufen. Er findet eine Höhle vor, die den Gesündesten zu unmerklich langsamem Siechtum verurteilt und für Ansteckungen einen wahren Musterherd darstellt. Der Kranke muß — die Rücksicht auf die Umgebung wie auf ihn selbst gebietet es — ins: Rothschildspital. Das Kind wird in diesen Brutstätten leiblichen und sittlichen Elends zum Krupp,'l. Man schreit nach Kinderhorten, Ferienkolonien und dergleichen. An fich höchst löbliche Anstalten, die aber doch das Kind seinem Nährboden, der Familie, dem Hause, wenn nicht entfremden, so gewiß zur Last Anderer in vielen Fällen entziehen, die bei nachdrücklicherer Wohnungspflege sich nicht als so dringend erweisen würden. Ein in Ehren ergrauter Beamter tcitt mit einer winzigen Pension in den Ruhestand. Im Versorgungshaus, auch im besten, müßte er mit einem anderen Insassen das Zimmer teilen. Der alte, würdige Herr hat sein Leben lang, das wir sein Stolz, am eigenen T-sche gespüst. Ec treibt wissenschaftlich: Studien. E n bess.rer Mensch, den jede Roheit verletzen muß FIc bescheidene Selbstbeköstigung reichen seine krappen Bezüge. Nur die Wohnungsmiete kann er nicht erschoingen. We gewissenlos gerade diese kleinen Mieter ausgewuchert werden, ist doch so „gerichtsnotorisch", daß zahlreiche Stadtverwaltungen planmäßig einen Feldzug dagegen eröffnet haben. Wie willkommen wäre einem solchen Pensionisten ein Kämmerchen in einem Freistift! Und welche Entlastung für die Versorgungs- und Al ershäuser, deren Statuten mit ihren Altersgrenzen und Zustäadigkeitsrückfichten so oft gerade die Würdigsten ausschließen müssen. Wie oft bleiben da alte Ehepaare ausgeschlossen, wenn nur der eine Teil Aufnahme finden darf. Man kann doch nicht auf seine alten Tage, wo fich, mehr als je, eines auf das andere angewiesen sieht, darum von einander gehen. Lieber Hungers sterben! Ein Obdach I Das ist das Allererste und Allerwichtigste! Für Nahrung und Kleidung läßt fich bei Verwandten, läßt fich von fremder Milde etwas aufbringen. Wer aber will und kann zum Beispiel bei den W jener W o h - nungsverhältnissen so leicht einen oder gar mehrere derartiger H lfsbedürftiger in Quartier nehmen? Der Zins! Das fürchterliche Memento für Unzählige, die mit fiebernden Pulsen dem Erste» oder dem Onartal entgegenzittern! Die. Delogierung, vor der mit zufälligen Ruhepausen die Mehrzahl unserer jüdischen Bevölkerung fast ständig steht! Wie gellen sie den Ae.msien in die Ohren, wie treiben fie verzweifelte Mütter bettelnd vor fremde Türen, die so häufig sich ruc öffnen, um rohe Abweisung hinausspeien zu lassen. Und nun vollends die Umgebung in den Unterschlupfen des Elends, dieser Kasernierung moralischen Unflates — und auf der anderen Seite die gehobene freie Stimmung in den jüdischen Stiften! Man gehe an einem Sabbat in ein solches Heim und man wird fich des Eindruckes erfreuen, hier ist einer Sintflut jüdischer Grund und Boden abgerungen! „Mein Heim ist meine Burg!" „Achtet auf den Nachwuchs der Armen, fie tragen das Judentum!'* Doch wozu diese Perlen reifster Erfahrungsweisheit mehren! Wer die Scheu jüdischer Eltern kennt, ihr Kind in „ein fremdes Haus" zu geben, wer aus der jüdischen G-schichte die Erkenntnis geschöpft hat, daß die Zelle unseres Stammesorganismus das jüdische Heim ist, die Zelle, die das Ganze aus den Stürmen und Nöten ohnegleichen gerettet und heil erhalten hat, weilkeine Macht der Erde an sie zu tasten vermochte, — der wird als Mensch und ganz besonders als I u d e, dem die Erhaltung des Judentums am Herzen liegt, immer und immer wiederholen und überall zu betonen nicht müde werden: „Schaffet Freistifte für nufere jüdischen Armen!" G-.

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