Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 290 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 17 so hat er es doch nicht nötig gehabt, die Religion zu wechseln. Dann ist er eben ausgetreten, um einen Vorteil zu suchen, oder aus Verachtung der Juden, weil er ihre Gesellschaft zu gering fand. Woher nimmt dieser Mann die Stirne, jüdische Stimmen zu verlangen, nachdenl er. durch seinen llebertritt die Juden als minderwertig erklärte? Kein Klerikalismus, keine Kultusjuden stehen gegen ihn. Die jüdische Ehre mutz solche Leute zurückstäupen, der letzte Christlich-Soziale ist besser als ein solcher Kandidat. Wenn dieser unbekannte Herr Dr. Neumann reden könnte wie Cicero und reich wäre wie Midas — wie kann ein Mann die jüdischen Interessen vertreten, der die jüdischen Interessen schon einmal um einen Vorteil preisgegeben hat? Wie kann ein Mann ein Programm vertreten, dessen Programm die persönliche Berechnung ist? Er hat uns Juden einen Tritt gegeben — wer Mut hat, drehe sich um und küsse ihm die Hand. Jüdische Wähler des ersten Bezirkes! Prostituieret euch nicht für den zweiten Kandidaten des famosen Wahlkomitees, für diesen ausgetretenen Dr. Emil v. Fürth. Er hat das Judentum verlassen, für das ihr leidet, für das ihr kämpft, in dessen Geist euch euere Eltern erzogen haben. Es war ihm zu gemein, zu schmutzig bei euch. Ist er ein armer Teufel, der den Vorteil nötig gehabt hat? Er hat ihn doch genommen und hat euch damit bewiesen, daß er euch aufs tiefste verachtet. Jetzt seid ihr ihm gut genug, jetzt als Stimmvieh bei den Wahlen, jetzt sollt ihr ihm euer politisches Vermögen, euer Vertrauen, euere Sicherheit Nachträgen! Tut es doch! Er wird sich Glacehandschuhe anziehen, damit er mit diesen schmutzigen Juden nicht in Berührung kommt und wird euere Stimmen gnädig annehmen! Jüdische Wähler des ersten Bezirkes! Wählet den verdienstvollen Herrn Maaß einstimmig! Er hat es um euch verdient, denn ihm habt ihr es hauptsächlich zu verdanken, wenn der mit wenig Stimmen durchgedrungene Bielohlawek Reichsratsabgeordneter im ersten Bezirk wurde. Es ist eine Frechheit sondergleichen, daß man es gewagt hat, den Juden einen solchen Kandidaten überhaupt zu bieten. Glaubt man denn, sie seien Knechte und man könne ihnen befehlen, ihrem Feinde die Wange hinzuhalten? Ist es denn nicht sicher, daß die Sympathien des Herrn Maaß für die Christlich-Sozialen ihn noch weiter führen werden? Haben wir noch nicht genug Schlechter- und Klotzberggeschichten, müssen denn die Juden noch einen Christlich-Sozialen wählen? — Nein, man hat keinen Zorn über eine solche Kandidatur. Die Verachtung der Leute, welche die jüdische stumpfsinnige Gemeinheit für so groß gehalten haben, daß dieser Mann aufgestellt wurde, überwiegt alle anderen Gefühle. Der Mann, der die Kandidatur des Antisemiten Maaß in die innere Stadt brachte, wollte damit sagen, daß er alle Juden auf einmal zu ohrfeigen wünsche. Juden der Inneren Stadt! Man hält euch für einen charakterlosen Abschaum der Menschheit. Zur Antwort, Juden, auf diese Gemeinheit! Juden, eilet zur Urne! Eine Kundgebung des Uereins zue Abwehr des Antisemitismus. A« die löbliche Redaktion der „Oesterr. Wochenschrift". Hochgeehrte Redaktion! Ihr vorzüglicher Leitartikel „Renegaten als Mandatswerber vor jüdischen Mahlern" in Nr. 16 der „Oesterr. Wochenschrift" — gleich vorzüglich in Inhalt wie in der Form — hat uns aufrichtig Freude bereitet. In der Tat liegt in Ihrer Darlegung und 'Beweisführung so viel Kerniges, so viel Wahres, dem wir unbedingt zustimmen, daß wir uns nicht versagen können, unsere vollste Befriedigung zum Ausdruck zu dringen. Selbst die hohe Verehrung, die wir sonst dem unerschrockenen, unermüdlichen .Kämpfer für die „Freie Schule", Baron Hock, zollen, kann uns nicht abhalten, feinen Standpunkt in dieser Frage, jener der abtrünnigen Gomeinderatskandidaten, als unrichtig zu bezeichnen. Mit der Vogel-Strauß-Politik, und mag sie noch so. vornehm erscheinen, ist eben gar nichts getan. Es wird damit nur Vorschub den Feinden geleistet, die — nicht mit Unrecht — höhnend als Feigheit und eigennützigen Rückzug stigmatisieren, was die sogenannten Freigeister als „Erhabenheit über den Formelkram" ausposaunen. Gewiß mag auch für dieses Hinwegsetzen einmal die Zeit kommen. Allein gegenwärtig ist sie eben ferner denn je, auch wenn der Antisemitismus den Rock gewechselt hat. Was soll es heißen, „sich nicht zu erkennen geben", wenn immer wieder mit Fingern auf die Juden gezeigt wird? Wenn sogar der neugewählte Bürgermeister den Geschmack hat, ein „Hepp-Hepp"-Geschrei anzustimmen. Zugegeben, daß er selbst nicht an dbn Unsinn vom „semitischen Haß" glaubt, dann hat gerade er von seinem Platze aus nicht diese agitatorische Bombe zu schleudern! Wäre es unter diesen Umständen übrigens ein Wunder, wenn sein Ausspruch zur Wahrheit würde? Gleichzeitig kandidiert als Gemeinderat ein aktiver Minister, der — wenn er auch den Judenhaß nicht offen predigt, so doch vor den gläubigen Gemütern seiner zahlreichen Zuhörerschaft das inhaltslose Schlagwort vom „christlichen Germanentum" herfabelt, was auf dasselbe hinausläuft. Und da soll man nicht offen und ehrlich zum angestammten Judentum halten, in einer Periode, wo der Vollstrecker des Erbes Dr. Luegers sein ungarisches Herz entdeckt und die Schuld der trennenden Kluft auf die „Ein-Kronen-Magyaren" — soll heißen „Juden" — schiebt — als ob die Apponyis, die Tiszas, Justs und wie sie alle heißen, Juden wären! In dieser Zeit der öffentlichen Lüge, der plumpen Entstelluns der Tatsachen, soll der Jude nicht stolz erhobenen Hauptes einhergehen können im Voklbewutztsein seiner sauer erworbenen Stellung? Im Vollbewußtsein, daß nicht er es ist, der durch professionsmäßiges Verleumden, durch bewußte Entstellungen und niedrigste Verdrehungen ein Millionenvermögen sich zusammengesudelt hat, daß nicht er als einstiger — sehr simpler — Marktgeher, sich erlauben kann, seine Töchter mit ansehnlicher Mitgift auszustatten, daß nicht er binnen kurzer Zeit vom einfachen Schulrequisitenhändler zum Millionär aufrücken kann, — daß ihm der Schutz der Gesetze recht erschwert und das Leben nach allen Richtungen hin sauer gemacht wird. Nicht er, der „Ein-Kronen- Magyar", sondern der „kaisertreue", „christlich-soziale Germane" ist es, der die Autorität des Staates und der Dynastie untergräbt und alles aufs brutalste unterjocht oder vergewaltigt, was nicht seinen selbstsüchtigen Zwecken sich unterwirft. Nicht er ist, der mit kaltem Blute ein Todesurteil auf Grund eines Beweisverfahrens fällt, das geradezu als Karikatur eines solchen sich darstellt. Daher die Heuchelei und Selbsterniedrigung den „christlichen Germanen" — die alles sind, nur keine Christen und keine Germanen — und ihren Drahtziehern! Wien, April 1910. Verein zur Abwehr des Antisemitismus.