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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-04-22 · 16 (22.4.1910) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 16 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 385 „Die nächste Generation ist auch unsere Hoffnung.. Sie Wissen nicht, welcher Begeisterung unsere jungen Leute fähig sind. Früher lernten sie bei Tag und Nacht in diesen Motzen, nutzlosen Büchern und der Talmud hat ihnen das Mark aus den Knochen gesogen. Das ist jetzt anders geworden und wir werden auf unsere galizische Jugend bald stolz sein können. Ich bin überzeugt, daß der Mann, der uns not tut, aus dem Osten kommt! „Aus dem Osten kommt das Licht!" Dort ist noch und erbrauchte Kraft. Vielleicht lebt er schon jetzt in irgend einem lehmigen Städtchen und wartet auf den Tag, an dem er uns voranschreiten wird." Sie schwiegen eine Weile. .Plötzlich fragte Markus: „Wissen Sie schon, daß Wieseliier auf dem Wege nach Newyork ist?" „Hat er doch jemand für sich zu interessieren verstanden?" „Ja, die Allianz hat ihm die Schiffskarte gegeben, um ihn los zu werden. Unter so viel Juden wird er es dort zu etwas bringen. Er wird Vereine gründen und Reden halten. Um ihn mache ich mir keine Sorge. Aber ich wollte Ihnen etwas zeigen." Markus zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, entfaltete es und wies auf einen Aufruf eines liberalen Bezirksvereins, der unterzeichnet war: „Sekretär A. Schatz." , u. „Hier haben wir also unfern Freiheitshelden. Er hat den Weg zur Krippe gefunden. Sehen Sie, Wieseltier und Schatz, die verstehen's, jeder auf seine Art, aber wir, was sind wir? Der Eine müht sich als Künstler vergebens ab und der Andere träumt von der Renaissance eines Volkes. Wir erreichen beide nichts, Dawid. Wir sind zu schwach, zu verträumt." „Ich glaube, es ist etwas anderes," versetzte Dawid und ein bitterer Zug spielte um seine Mundwinkel. „Wir schleppen die Ketten des Ghetto nach, und bis wir sie abgestreift, geht unsere beste Kraft verloren." Aber Markus war erbittert und wiederholte: „Wir beide werden es im Leben zu nichts bringen. Wir haben zuviel Herz, Dawid. Andere werden über uns hinweggehen." .. „Adolf wird es gewiß weiter bringen als wir," sprach Dawid. „Von Erfolg zu Erfolg wird es ihn führen. Er wird ein angesehener und gefürchteter Mann werden und mit Spott an die Schwärmereien, an die Träume und Ideale der Jünglingsjahre zurückdenken. Nein, es sind nicht immer die Besten, die ans Ziel gelangen! Was wissen wir von den Vielen, die auf halbem Wege stehen bleiben? Vielleicht sind sie die Vernünftigen. Sie sind, wie die Anderen, vorwärts geschritten und haben keine Mühe gescheut — bis es ihnen eines Tages klar wurde, wie wenig sie eigentlich, erstrebten." Es war jetzt Zeit zum Einsteigen. Die Freunde erhoben sich und gingen auf den Perron hinaus. Menschen liefen hin und her und die Koupeetüren wurden aufgLrissen. Die Freunde umarmten sich, ohne ein Wort zu sprechen: denn beide waren ergriffen. Dawid stieg ein. Er stand beim Fenster und winkle mit der Hand und Markus schwenkte seinen breiten Hut, bis er gewahr wurde, daß er vor dem leeren Geleise stand. Und der Zug sauste in die Ferne! * * -i- Dawid blieb nur kurze Zeit bei den Eltern in Lemberg. Nach einigen Tagen erhielt er eine Einladung von Onkel Benjamin nach Palechov. Der Onkel lebte jetzt allein in dem großen Landhause, denn seine Tochter war verheiratet und wohnte eine halbe Tagereise weit. Dawid ergriff die Gelegenheit mit Freude. All' die Jahre hatte die Sehnsucht nach Palechov still in seinem Herzen gewohnt und nun mahnte sie ihn so laut, daß ihm die Vorbereitungen zu lange dauerten. An einem mondhellen Abend reiste er endlich. Der Bahnzug dröhnte über die Heide und die hellen Fenster zeichneten sich auf dem Schienenwege ab. Dawid blickte in die Landschaft hinaus. Signallaternen blitzten auf und die einzelnen Bäume standen wie vereinsamte Schildwachen da. Die frische Luft strich um seine Schläfen und an seinem geistigen Auge jagten Bilder längstvergangener Tage vorbei. Die Kindheit in Palechov erschien ihm jetzt im rosigsten Lichte, und mit Befriedigung dachte er an die Jahre in Wien und Lemberg. Viel Trauriges lag hinter ihm, aber die Enttäuschungen und Kämpfe hatten ihn nicht zu Boden gedrückt, und wenn er Leid und Freud abwog und verglich, so konnte er mit sich zufrieden sein. Der Pfiff der Lokomotive störte ihn aus seinem Sinnen. Der Zug passierte das Tannenwäldchen und hielt vor dem Stationsgebäude. Onkel Benjamin erwartete ihn. Sie stiegen in den Wagen und fuhren durch das Städtchen und über die .Flußbrücke zur Dorfstraße. Alles lag im Mondschein, wie ein Traumland; kein Laut verriet, daß in diesen Häuschen Menschen wohnten. Wie oft hatte sich Dawid in seiner Großstadtstube die Ankunft in Palechov ausgemalt — und nun fuhr er wirklich durch die altbekannten Eäßchen. Erinnerungen stürmten auf ihn ein und er antwortete nur zerstreut auf die Fragen des Onkels. * , * ’j , * Das waren Wochen voll Jugendfreudigkeit und Sonne! Tagtäglich ging Dawid die Aecker entlang, dem Winde entgegen, durch das Gestrüpp, weit, weit, bis zu den Bergen. Frühmorgens über die taufeuchten Felder zum Flusse: Die Luft ist rein und frisch und die Sonne nur ein roter Klumpen, in den Bergen versteckt. Dawid wirft sich ms Wasser und schwimmt eine wette, Mite Strecke Die Tage flössen ihm jetzt so ruhig dahin! Mittags im Städtchen: die Sonne liegt auf den Dächern und erhitzt das Straßenpflaster. Ein Kramladen reiht sich an den andern. Die Händler stehen auf den Türschwellen und rufen Kunden herbei. Bauern kommen mit ihren Wägelchen auf den Markt. Man schreit und handelt... — — Der Tag geht zur Neige. — — Das Abendrot liegt auf der Au: Dawid geht ins Dorf hinab. So offen und frei ist das weite Feld. Die Sonne sinkt and über die Gräser streicht ein leiser Windhauch... — Die nächtlichen Schleier haben sich über das Feld gebreitet. Er schreitet über die mondbeschienene Fahrstraße. Wie Irrlichter flimmern die Lämpchen in der Ferne. Bald ist er im Städtchen. Vor den Häusern sitzen die Leute und plaudern und aus den Fenstern lassen die Mädchen ihr helles Lachen erklingen. Der Duft von den nahen Feldern dringt bis zum Marktplatze. Es ist so still, daß man das Rauschen der Bäume auf der Landstraße hören kann, und der Mond segelt durch das Städtchen, als wenn er in jede einzelne Stube sehen wollte . . . Wie herrlich waren die Dämmerstunden, di'e Dawid daheim in der Sofaecke verträumte! Aus den Winkeln kriechen die dunkeln Fäden hervor, während draußen die Dämmerung schwer zur Erde fällt. Seine Gedanken bewegen sich in rascher Aufeinanderfolge und Klarheit liegt in seinen Betrachtungen. In die innersten Tiefen seiner Seele sieht er wie in einen offenen See. (Fortsetzung folgt.)

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