Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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«I 16 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite. 281 Massenausweisung -er Juden aus Kiew. Podwoloczyska. Mit jedem Zuge treffen zahlreiche jüdische Familien, deren Ausweisung aus ^iew verfügt wurde, hier ein. Die Mehrzahl derselben reisen nach Lemberg und Krakau, wo sie sich teils dauernd niederlaffen, teils bloß bis nach dem Passahfest aufhalten wollen. Nach den übereinstimmenden Aussagen der Angekommenen sind die Schikanen der russischen Behörden gegenüber den Juden im Gouvernement Kiew in letzter Zeit rücksichtsloser denn je. Namentlich die Minderbemittelten der jüdischen Bevölkerung haben unter der Brutalität der Behörden namenlos zu leiden. Die Korruption feiert Orgien wie nie zuvor. Polizisten und höhere Funktionäre drohen mit Pogroms, falls ihnen die verlangten Summen nicht sofort gegeben werden. Auch lichtscheues Gesindel treibt in den Judenvierteln unter den Augen der Polizei sein Unwesen. Bewaffnete Individuen gehen von Haus zu Haus und verlangen von den jüdischen Bewohnern Wertsachen oder Geldgeschenke als „Andenken" vor der Abreise. Die „Czornia Sotnia" feiert wieder ihre Auferstehung. Nicht weniger als 651 jüdische Familien find vom Gouverneur angewiesen worden, am 28. d. M., also gerade am jüdischen Osterfeste, Kiew zu verlassen. Die Massenausweisungen erstrecken sich auf 2700 Personen, darunter auch auf solche, die bereits seit Dezennien in Kiew wohnten. In den Ausweisungsbefehlen ist ein Paffus enthalten, der ausdrücklich besagt, daß selbst Kranke dem an sie ergangenen AuÄveisungsbefehle unter allen Umständen spätestens am 28. April Folge leisten müssen. Die Rabbinerkomwission darf -re Inden nicht verteidigen. Im Petersburger „Rjetsch" findet sich folgende merkwürdige Notiz: In der allgemeinen Sitzung der jetzt in Petersburg tagenden Rabbinerkommiffion wurde die Frage diskutiert, in welcher Form die tagende Rabbinerkommission als einzige legale jüdische Körperschaft gegen die Beschimpfung der jüdischen Religion und besonders des „Schulchan Aruch" seitens des Dumadeputierten Markow in öffentlicher Dumafitzung protestiert werden solle. Der Vertreter des Ministeriums des Innern Platonikow, der bei allen Sitzungen der Rabbinerkommission anwesend ist, unterbrach jedoch die erregt geführte Debatte mit der Bemerkung, daß ohne höhere Erlaubnis nicht nur ein Protest, sondern selbst die Debatte über die Frage, ob protestiert werden solle oder nicht, untersagt sei. Platonikow setzte sich nach Unterbrechung der Sitzung mit seiner Vorgesetzten Behörde und dann mit Stolypin selbst in Verbindung. Der Ministerpräsident erklärte, daß, wenn die Rabbinerkommission über diese Frage auch nur ein Wort verlieren sollte, der Regierungsvertreter bevollmächtigt sei, die Tagung der Rabbinerkommission sofort zu schließen und die Rabbiner heimzuschicken. Nach einer diesbezüglichen Meldung an den Präsidenten der Tagung, Baron David Ginzburg, verfügte der Regierungsvertreter die Eliminierung derjenigen Stellen aus dem Protokolle, welche auf diese Debatte Bezug haben. Professor Metschnikow «nd sein jüdischer Mitarbeiter. Die ganze Welt spricht jetzt von der Erfindung des Typhus-Serums durch Professor Metschnikow in Paris. Ueberall werden die Verdienste Metschnikows um die Menschheit gepriesen, aber nirgends wird des Anteils gedacht, den der treue Mitarbeiter Metschnikows, der jüdische Forscher Dr. A. M. Besredka an diesen Verdiensten hat. Es gehört mit zum Ruhme Metschnikows, daß er selbst in einem Artikel im „Rußkoje Slovo" auch seines gelehrten Mitarbeiters in Anerkennung gedenkt. Nach eingehender Beschreibung der verschiedenen Experimente an einem Schimpansen, dem die Typhuskrankheit eingeimpft wurde, erzählt Professor Metschnikow: „So wurde es uns klar, daß bei menschenähnlichen Affen Bauchtyphus erregt werden kann. Sobald wir nun wissen, auf welche Weise die Krankheit entsteht, wissen wir wir auch den Weg, auf welchem sie geheilt werden kann. Aber-die Bearbeitung dieser wissenschaftlichen Frage ist nicht leicht und kann von einer Person nicht bewältigt werden. Zum Glück hatte ich neben mir einen Kollegen und Freund, Dr. B. Dieser Dr. Besredka hat bereits eine große Anzahl interessanter wissenschaftlicher Forschungen, so auch über den Bauchtyphus, mit Erfolg durchgeführt. Er selbst ein Odessaer, kam nach Paris, um Medizin zu studieren. Nach Absolvierung der Univerfitätsstudien kam er zu mir ins Laboratorium als Volontär-Praktikant. Später wurde er mein Assistent und wurde dann zum Professor ernannt. Dr. Besredka — schreibt Metschnikow weiter — nimmt eine der ersten Stellungen im Pasteur-Institut ein, während er, wäre er in Rußland geblieben, trotz seiner hervorragenden Fähigkeiten mit seiner geradezu verehrungswürdigen Begeisterung für die Wissenschaft als einfacher, unbekannter Arzt hätte fortvegetieren müssen. Und das alles deshalb, weil Besredka Jude ist, dem man in Rußland den Weg zur wiffenschaftlichen Forschung und zum Katheder mit allen Mitteln verlegt hätte. Vereint mit meinem Kollegen Besredka gingen wir mit Energie an unsere Arbeit, die nicht erfolglos blieb und wir geben nicht die Hoffnung auf, aus dem Kampfe gegen den Bauchtyphus als Sieger hervorzugehen." So spricht über seinen jüdischen Mitarbeiter Professor Metschnikow, der, obgleich er mütterlicherseits von Juden abstammt, bekanntlich sich niemals als besonderer Judenfreund rwiesen hat. Die Familie Montag« in der englischen Regierung. Wie das „Londoner Amtsblatt" meldet, wurde Hon. Edwin S. Montagu zum Unterstaatssekretär für Indien ernannt. Montagu war ehedem parlamentarischer Sekretär des Ministerpräsidenten, eine Stelle, der große politische Bedeutung innewohnt. Mr. Montagu ist der zweite Sohn des Lord Swaythling und ist seit 1906 Mitglied des englischen Parlaments. Interessant ist, daß mit Staatssekretär Montagu das zweite Mitglied der hochangesehenen, englisch-jüdischen Familie Montagu in der englischen Regierung Platz nimmt, da Minister Herbert Samuel, ein Cousin des Montagu, gleichfalls der Familie angehört. Das Testament eines jüdischen Wohltäters. Vorige Woche wurde in London ein ganzer Häuserblock seiner Bestimmung' übergeben, dessen Entstehung der Menschenliebe eines Juden zu danken ist. Es ist eine Kolonie billiger, gesunder Wohnungen, deren Errichtung der vor einem Jahre verstorbene jüdische Eskompteur Sam. Lewis sein ganzes Vermögen von 12 Millionen Kronen letztwillig gewidmet hat. Für zwei Shilling die Woche kann eine unbemittelte Witwe eine Wohnung, bestehend aus zwei Zimmern samt Bad, bewohnen. Um einen etwas höheren Betrag stehen auch größere Familienwohnungen zur Verfügung. Sämtliche Wohnungen find den modernsten hygienischen Anforderungen entsprechend eingerichtet. Die Stiftungskolonie ist für 15 Personen berechnet, Inden in den Philippinen. In Manila gibt es bloß eine verhältnismäßig kleine, jüdische Gemeinde, die jedoch dadurch an Bedeutung gewinnt, daß Manila eine große Garnison hat, in welcher auch zahlreiche jüdische Soldaten sich befinden. Trotzdem besitzt die jüdische Gemeinde von Manila keine ständige Synagoge. Die jüdischen Soldaten wandten sich nun an die amerikanische Synagogen-Union mit dem Ersuchen, diesem Uebel abzuhelfen, und es ist Aussicht vorhanden, daß auch in den Philippinen bald eine" Synagoge erstehen wird. Intensivere Judenansiedelung in Texas nnd Mexiko. Der Präsident der Federation jüdischer Farmer in Amerika, Samuel B. Becker ist soeben von seiner Studienreise durch Texas und Mexiko zurückgekehrt. Mr. Becker, ein ausgezeichneter