Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 278 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 16 In überzeugender Weise schilderte und verurteilte Redner die Vorgänge im offiziellen Wahlkomitee und berief sich auf seine langjährige Tätigkeit in der fortschrittlichen Partei. Großen Eindruck machte sein Hinweis auf die Tatsache, daß seine Partei ihn, wie immer, auch im Jahre 1907 als Gegenkandidat des Dr. P a t t a i auf den exponiertesten Kampfesposten ins Treffen schickte. Er habe sich im Laufe seiner politischen Tätigkeit mit den Wünschen aller Bevölkerungsschichten, so auch der jüdischen, eingehend befaßt, sie kennen und verstehen gelernt und ist fest entschlossen, ihre berechtigten Wünsche im Gemeinderate zu vertreten, falls ihn das Vertrauen der Wähler in diese Körperschaft entsendet. In seinen weiteren Ausführungen warf Herr Stein unter gespannter Aufmerksamkeit der Zuhörer einen Rückblick auf die Korruptionswirtschaft der christlichsozialen Clique, die jetzt vor den drohenden Enthüllungen ihres Gefinnungs- und Parteigenoffen H r a b a zittert. Auch das sorgfältig ausgearbeitete kommunalpolitische Programm des Herrn Stein fand den lebhaftesten Beifall der Versammlung. Hierauf erbat sich Herr Siegfried Fleischer, Sekretär der „Oesterreichisch - Israelitischen Union", zur Verlesung und Begründung der nachfolgenden Resolution das Wort: Resolution. Die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" weist es zurück, daß das freiheitliche Wahlkomitee den Empfindungen der großen Mehrheit der Wähler des ersten Wahlkörpers der Inneren Stadt nicht Rechnung getragen hat und derselben zumutet, zweien vom Judentum abgefallenen Kandidaten ihre Stimmen zu geben. Ebenso müssen wir es als einen Mißgriff bezeichnen, daß das genannte Komitee in der Person des Herrn Rudolf M a a ß einen Kandidaten aufgestellt hat, der selbst öffentlich bekannte, für die Verleihung des Sekretärpostens einer Stiftung, welche allen Staatsbürgern ohne Unterschied der Konfeffiou zugute kommen soll, an ein führendes Mitglied der christlichsozialen Partei gestimmt zu haben. Wir erklären uns bereit die Aktion des Wahlkomitees fortschrittlicher Bürger zu unterstützen, verlangen aber von diesem, daß es auch von der Aufstellung des Herrn Maaß Umgang nimmt und an seiner Stelle einen Mann von bewährter fteiheitlicher Gesinnung, ohne Rücksicht auf seine Konfeffion, nominiere. In diesem Sinne wird der Vorstand der „Union" auch auf die Wählerschaft einwirken. Unter allgemeiner Zustimmung begründete Sekretär Fleischer die Stellungnahme der „Union" und stellt es dem Komitee, beziehungsweise der Wählerversammlung anheim, den den Standpunkt der „Union" sich zu eigen zu machen. Stürmisch akklamiert erhält jetzt Herr Präsident Doktor Alfted Stern das Wort. Dr. Stern erklärt zunächst, daß er nicht ums Wort gebeten habe, da er nicht Wähler des ersten Bezirkes sondern der Leopoldstadt sei, und der Ansicht war, daß in dieser Versammlung nur Wähler des ersten Wahlkörpers der Inneren Stadt sich zum Worte melden sollten. Da er sozusagen zu reden gezwungen wurde, so halte er es vor allem als seine Pflicht, zu erklären, daß die zwei Kandidaten, die sich soeben vorstellten und ihr Programm entwickelten, zu empfehlen seien. Er könne bestätigen, daß Gemeinderat Herold, mtt dem er Jahre hindurch im Gemeinderate gemeinsam tätig war, seine fortschrittliche Gesinnung niemals, auch dann nicht verleugnet hat, als es viele Andere für dankbar gehalten haben, ins reaktionäre Lager überzugehen. Was den zweiten Kandidaten, Herrn Josef Stein, betrifft, so sehe er ihn heute zum ersten Male, aber das, was er hier gesagt und wie er es gesagt hat, berechttgt wohl zur Hoffnung, daß er seinen hier entwickelten Prinzipien treu bleiben werde. Auf die Bewegung selbst reflektierend, die die Ablehnung zweier Kandidaten, die dem Judentum den Rücken kehrten, zur Folge hatte, führte Doktor Stern von ununterbrochenem Beifall begleitet folgendes aus: Die Ablehnung von Kandidaten, die aus dem. Judentum ausgetreten find, ist nicht, wie von mancher Seite behauptet wird, eine konfessionelle Frage oder Sache des Klerikalismus. Wenn dies der Fall wäre, würde ich eine solche Bewegung niemals befürworten. Meine ganze politische Vergangenheit, . meine innerste politische Ueberzeugung würden mir es verbieten, einer ° klerikalen Sache das Wort zu reden oder Gemeinderatswahlen vom Gesichtspunkte des Konfessionalismus zu beurteilen. Jeder ehrlich freisinnig denkende Mann, dessen Gefinnungstreue lauter und verläßlich ist, ob er nun Jude oder Christ ist, kann auf meine Unterstützung zählen. Aber das, um was es sich hier handelt, ist etwas ganz anderes: Wenn in einem Wahlbezirke, in dem 70 Perzent der Wähler Juden find, also durch ihre Stimmen gewissermaßen über die Mandate verfügen, Männer abgelehnt werden, die, nennen Sie es Religionsgesellschast öder sonst eine andere, durch irgendwelche gemeinsame Interessen miteinander verbundene Gesellschaft, in der Zeit, der größten Verfolgung, der ärgsten Bedrückung, der schrecklichsten gesellschaftlichen Not verlassen, durch ihren Austritt erklären, daß sie mit dieser Gesellschaft nichts gemein haben wollen, sie durch einen solchen Schritt schädigen, wenn, wie gesagt, diese selben Männer dann von derselben durch sie verlassenen, arg geschädigten Gesellschaft ein Vertrauensmandat verlangen, so ist deren Ablehnung keine konfessionelle Frage, sondern eine Charakterfrage. Die jüdischen Wähler find berechtigt, daran zu zweifeln, daß ein Mann, der sein Judentum verleugnet hat, jemals in der Lage sein werde, für das geschmälerte Recht eines Juden mit Erfolg einzutreten, denn gerade in solchen Dingen gilt das englische Prinzip, daß nicht immer das das Richtige sei, was jemand vertritt, sondern wie er etwas vertritt. Hierauf nimmt Herr Max Frank das Wort. Er führte aus: In den 40 Jahren, seit welchen ich diese Stadt bewohne, habe ich nie von einem Wahlkampfe im I. Wahlkörper in der Inneren Stadt gehört. Man war gewohnt, daß stets alles in Ruhe und Frieden verläuft, daß das Wahlkomitee auf die Wünsche der einzelnen Gruppen die möglichste Rücksicht nehme und man hatte so volles Vertrauen zu demselben, daß von einer eigentlichen Wahlbewegung nichts zu merken war und erst am Wahltage das Interesse ein höheres wurde. Wie ist es nun gekommen, daß gerade diesmal sich eine so große Auftegung unter den Wählern gezeigt hat? Die Innere Stadt, die gegenwärtig das einzige uneinnehmbare Bollwerk der freisinnigen Partei ist, ist gewiß dazu berufen, daß gerade von diesem Bezirke aus einstmals die Wiedereroberung Wiens erfolgen soll. Gerade deshalb sollte man denken, daß dieser Bezirk mit besonderer Sorgfalt gewahrt werden muß und daß insbesondere hier nur solche Männer in den Gemeinderat entsendet werden, welche in jeder Beziehung die Gewähr bieten, daß die Wählerschaft an ihnen nicht das Mindeste auszusetzen hat. Das alte Wahlkomitee hat aber, trotzdem schon aus der Mitte desselben protestiert wurde, trotzdem es in der Wählerschaft sichtlich gährte und man sich über die Stimmung derselben nicht einen Moment im Unklaren sein konnte, unter anderen zwei Herren aufgestellt, welchen ein großer Teil der Bewohner dieses Bezirkes Widerstand entgegensetzte. Es find dies zwei Herren, welche aus dem Judentume ausgetreten find, und dieser Umstand ist es. der die Wählerschaft zu einem Widerstand reizt; es ist zweifellos, daß, wenn man aus einer Religionsgenoffenschaft austritt, dies Privatsache ist und Niemanden etwas angeht; aber ebenso sicher erscheint es mir, daß man dies in einer Zeit, wo die jüdische Bevölkerung so furchtbaren Angriffen ausgesetzt ist, in einer Zeit,, wo das Judentum der einzige, wirklich leidende Teil der Bevölkerung ist, als Desertion betrachten muß, wenn man seine Mitbrüder verläßt. Ich wiederhole, es ist reine Privatsache; aber keine Privatsache ist es mehr, wenn man sich an dieselben, die man verlassen hat, wendet und von ihnen die Stimmen zur Führerschaft erhalten will. Ein Deserteur kann im eigenen Vaterlande nie Offizier werden, aber allerdings auch nicht in dem neuen Vaterlande, in welches er sich geflüchtet hat.. Es gibt verschiedene Ansichten darüber, ob es charakterlos sei oder nicht, in solch trüben Zeiten, wie sie die Juden jetzt mitmachen, aus ihren Reihen zu treten. Aber ich glaube nicht, daß verschiedene Ansichten darüber herrschen können, ob es charaktervoll