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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-04-22 · 16 (22.4.1910) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 16 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 277 ein heftiges Rütteln an der Haustür vernahm. Die Kommission war da. Man durchstöberte jeden Winkel. Schließlich mußten die Leute abziehen — die Bilbulgefahr war vorüber. Das erzählt sich so kurz, so schlicht. Aber der Ahn muß darunter viel gelitten haben, wenn er diesen Abend zum Gedenktag der Familie machen und alljährlich am zweiten Sederabend die Oefen untersuchen und Heizen lassen konnte und ein Gleiches seinen Kindern und Kindeskindern befahl! Jedesmal, wenn ich sie hörte, machte diese Geschichte auf mich einen tiefen Eindruck. Jedesmal konnte ich mir hinterher etwas anderes denken- Dieser Ahnherr war bald ein junger, starker Mann, der ein blühend schönes Weib zur Seite hatte, um das ihn die andern beneideten. Bald stand er in der Blüte der Jahre und war von einer hohen Gelehrsamkeit und einer abgeklärten Selbstbeherrschung.«Bald wurde er wieder zum Greise mit einem ehrfurchtgebietenden Bart. Immer mußte ich mir ein anderes Bild formen, weil ich so wenig Anhaltspunkte hatte. Der Jude verachtet das körperliche Beiwerk: „Du sollst dir kein Bild machen . Ihm genügt bloß die Tatsache, die er vergeistigen darf. Die Errettung meines Ahnen war nach der Anschauung der Frommen ein Werk Gottes und wen Gott zum Vollzieher seines Willens macht, ist für den Menschen nebensächlich. Die Tatsache steht fest, sie ist durch Tradition verbürgt, der Mensch als Werkzeug Gottes hat seiner Bestimmung gehorcht — er wird vergessen. Aber Gott lebt ewig. Das ist die Psychologie des Falles. Taten, Ereignisse, alles schwindet vor der Allmacht Gottes. Selbst Moses ist noch nicht der höchste Triumph. „Jeder kann ein Moses werden —" nur muß Gott es wollen. Korrespondenzen Wählerversammlung in der Inneren Stadt. Am 16. d. M. fand im Festsaale des Restaurant Tischler in der Schauflergafse die erste vom Wahlkomitee fortschrittlicher Bürger der Inneren Stadt einberufene Wählerversammlung statt. Die überaus große Zahl der Wähler des ersten Wahlkörpers, die dem Rufe des Komitees gefolgt find, war ein deutlicher Beweis dafür, daß eine gute, gerechte Sache in Wien noch immer gesunden, fruchtbaren Boden findet. Alte, erfahrene Politiker, Männer von Ansehen, deren Namen überall guten Klang haben, haben es als ihre Pflicht angesehen, zu erscheinen und durch ihre Anwesenheit gegen das Vorgehen des offiziellen Bezirkswahlkomitees in der Inneren Stadt bei der Ernennung der Kandidaten zu protestieren. Es trat in dieser Versammlung deutlich und klar zutage, daß die jüdischen Wähler des ersten Bezirkes die Unterstützung des oppositionellen Wahlkomitees fortschrittlicher Bürger als eine Ehrensache ansehen, der sich kein charakterfester Wähler ohneweiters entziehen kann. Aber auch die vielen erschienenen nichtjüdischen Wähler konnten sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Schwung und der Enthusiasmus, mit dem diese ernsten, unabhängigen Männer nach so vielen Jahren geduldigen, resignierten Schweigens in einen Wahlkampf gegen das offizielle Wahlkomitee eintreten, dem sie bisher blinde Gefolgschaft leisteten, einer inneren, tief wurzelnden Ueberzeugung entsprungen, die auch die charakterstarken, vorurteilsfreien nichtjüdischen Wähler für sich gewinnen muß. Nach einer Begrüßung der Versammlung durch den Obmann des einberufenden Wahlkomitees, Herrn Dr. Gustav Stransky, wurden zur Leitung der Wählerversammlung einhellig gewählt: zum Vorsitzenden Herr Dr. G. Stransky, zu deffen Stellvertreter Herr S. Goldmann, zum Schriftführer Herr Klavierfabrikant Rudolf Kohn. Der Vorsitzende dankt in seinem und im Namen seiner Kollegen in der Leitung für ihre Wahl und gibt in längerer, von Beifall unterbrochener Ausführung die Ursachen bekannt, die zur Gründung des Komitees und zur Bekämpfung eines Teiles der vom offiziellen Bezirkswahlkomitee aufgestellten Kandidaten führten. Hauptsächlich waren hiefür zwei Gründe maßgebend. Zunächst die Art, wie diese Kandidaturen zustande kamen. Das offizielle Wahlkomitee habe, ohne die Wählerschaft um ihren Willen zu befragen und infolge nicht ganz einwandfreier Zusammensetzung des Nominierungskomitees teils um die fortschrittliche Sache hochverdiente und im Gemeinderate bereits bewährte Männer, wie zum Beispiel Gemeinderat Alfons Herold, fallen gelaffen und andererseits Männer nominiert, die der Wählerschaft nicht genehm sein können. Wie wenig das offizielle Wahlkomitee der Stimmung und den Anschauungen der Wähler der Inneren Stadt Rechnung trug, beweist der Umstand — und das war der zweite und ausschlaggebende Grund zur oppositionellen Haltung des überwiegenden Teiles der Wählerschaft — daß das offizielle Wahlkomitee an Stelle bewährter und gefinnungstüchtiger Kandidaten zwei Männer, es find dies die Herren Dr. v. Fürth und Doktor Wilhelm N e u m a n n, zu Kandidaten ernannte, die durch ihren Austritt aus dem Judentume von vornherein als ungeeignet erscheinen, in einem Wahlbezirke, in dem 70 Perzent der Wähler der jüdischen Konfeffion angehören, um ein Mandat zu werben. Das Wahlkomitee fortschrittlicher Bürger steht auf demselben programmatischen Standpunkt, wie das offizielle freiheitliche Wahlkomitee, es nimmt bei Empfehlung der Kandidaten auf die konfeffionelle Zugehörigkeit derselben gar keine Rücksicht, was es von seinen Kandidaten fordert, ist: Charakterfestigkeit, Gefinnungstüchtigkeit und unbedingte Verläßlichkeit ihrer freiheitlichen politischen Betätigung. Das Komitee fortschrittlicher Bürger unterscheidet sich in einem, allerdings wichtigsten und maßgebendsten Punkte vom offiziellen Wahlkomitee u. zw. darin, daß es keine Kandidaten ernennt, sondern von der Wählerschaft entgegennimmt, weil es nur darin die Gewähr erblickt, daß dieser wichtigste Wahlbezirk unserer Stadt durch von den Wählern gewählte und nicht von einem Komitee aufoktroyierte Männer im Gemeinderate vertreten sein werden. Redner teilt zum Schluffe mit, daß zwei Herren beim Komitee fortschrittlicher Bürger ihre Kandidatur angemeldet haben. Es find dies der Gemeinderat Alfons Herold, ein Mann, der während seiner 19jährigen Tätigkeit im Gemeinderate sich als gefinnungstüchtiger, fortschrittlicher Manu und als ausgezeichneter Kenner sämtlicher kommunaler Fragen bereits große Verdienste erworben habe. Der zweite Kandidat, Herr Fabriksbefitzer Josef S t e i n, hat sich durch sein unerschrockenes, mutiges Einschreiten für die fortschrittliche Sache als ein Mann bewährt, der von der Partei stets auf die gefährlichsten Posten gestellt wurde. Das Komitee fortschrittlicher Bürger hat nach Fühlungnahme mit den Wählerkreisen die Ablehnung der vom offiziellen Wahlkomitee nominierten zwei Kandidaten Doktor v. Fürth und Dr. Wilhelm Neumann beschloffen und empfiiehlt an deren Stelle die Kandidatur der Herren Gemeinderat Alfons Herold und Fabriksbefitzer Josef Stein. (Lebhafter Beifall.) DaS Wort ergreift jetzt der Kandidat Alfons Herold. In klaren, offenen Worten setzt Redner sein kommunales Programm auseinander, verweist auf die zahlreichen Gebiete der kommunalen Politik, auf denen er während seiner 19 jährigen Tätigkeit im Gemeinderate mit Erfolg tätig war, obgleich er das bittere Brot der Opposition gegeffen. Mit Entrüstung wies er die von gegnerischer Seite ausgestreuten verleumderischen Gerüchte zurück, daß er geneigt sei, seinen fortschrittlichen Prinzipien untreu zu werden. Unter großem Beifalle betonte Redner, daß er ein gläubiger Christ sei,, der, frei von klerikalem Einfluffe, seiner Religion treu bleibt und es als einen Defekt des Charakters empfinden würde, seinen Glauben zu wechseln. Er bittet um das Vertrauen der Wähler und verspricht, das in ihm gesetzte Vertrauen als fteifinniger Mann, als Förderer des Wohles der Stadt und der Interessen seine: Wähler zu rechtfertigen. Nachdem sich der Beifall über die Ausführungen des Kandidaten Herold gelegt hatte, kam der zweite Kandidat Herr Fabriksbefitzer Josef Stein, lebhaft akklamiert, zu Worte

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