Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 276 Dr. Blochs Wochenschrift. 31 c. 16 Präsidium der „Union" gefolgt waren, der Herren Anninger.Ruzicka, Paul-Schiffund Sigmund Mayer. Abgeordneter Dr. Julius Ofner betonte in seinem Triukspruche, daß die Juden kein Sonderrecht und keine Sonderstellung, sondern nur das gleiche Recht mit den übrigen Bürgern des Staates anstreben müssen, und leerte sein Glas auf die Verwirklichung des Gedankens, daß alle Menschen ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung Brüder seien. Damit schloß der offizielle Teil des schönen Festes, welches allen Teilnehmern in unverwischbarer Erinnerung bleiben wird. SeberImprrflion. Von Oskar Glaser. Der zweite Abend!-— Noch immer dieselbe Weihe. Aber nicht mehr jener unvermittelte Uebergang vom Wochentäglichen in's Feiertägliche. Nicht mehr jene Wucht, die den gestrigen Abend zu einem Ereignis machte. Die Taufrische ist bereits dahin und die Keusche hat einen Stich in's Duselige. Aber dieselbe Festlichkeit. Und Licht, viel Licht, als ob der dunkelste Teil der Seele erhellt werden sollte. Die Kerzen flackern heute so jauchzend, als ob sie den Segensspmch der Hausfrau verstanden hätten. Der gedeckte Tisch mit dem zeremoniellen Rituale, die Weinflasche und die blankgeputzten Gläser . . . Als ob man das heute zum erstenmal sehen würde! Man lächelt in sich hinein, wenn man in's Zimmer tritt. Vater kommt vom Beten. Wie freundlich er grüßt! Eine selige Stimmung auf dem Antlitz. Keine Sorgen, keine Lasten, so losgelöst von den Kleinlichkeiten des Lebens, daß ich als Kind meine rechte Freude daran habe. Wie frei und stark der Mensch austreten kann, wenn er die Schwere des Daseins für eine Zeit abgeschüttelt hat! Solche Tage bringen ihn dem göttlichen Wollustgefühl der Hvherwertigkeit näher. Nicht mit Unrecht vergleicht der Volksmund den Sederherrn mit einem König. Ja, er ist ein König, ein glücklicher und seliger. Ich grüße dich Vater! Ei, Bruder, Schwester! Auch ihr? Auch auf euren Gesichtern das Leuchten des Tages? Das muß Wohl schon Ansteckung sein, Feiertagsbazillen. Nur ich allein bin ernst, fast mürrisch. Vor mir liegt die Hagada und ich lese zu ungezählten Malen die Worte: „Avodim hojinu — —“. Die Buchstaben wandeln sich langsam und erhalten menschliche Gesichter, menschliche Formen: Juden, über denen die Peitsche schwebt, Sklaven aus physischem Zwang. Aber jedenfalls Aristokraten des Geistes, mit der inneren Empörung gegen die Uebermacht, mit der souveränen Freiheit der Träume und Hoffnung! „Avodim-“. Ich projiziere die Vergangenheit in die Gegenwart: Sklaven. Ein Leben für das Heute. Kein Sinn für das Morgen. Keine Zukunftssaat. Nur Zufall! — — Vater kommt näher. Er strahlt im ganzen Gesicht. Er tätschelt leise meine Wange, denn er hat Wolken auf meiner Stirne gesehen. Ich fühle, daß ich als Freudenstörer wirken muß und werde ungehalten über mich. Mutter ist in der Küche. Das Effen ist ja in diesen Tagen so wichtig. „Vater, der Seder ist bereitet! ruft die Schwester, und Vater nimmt lächelnd diese Nachricht zur Kenntnis. Und nun beginnt das Rituale. Die Rezitation der Hagadah wird oft unterbrochen, denn es werden Fragen gestellt und Antworten gegeben, so daß der Seder oft einer Prüfung ähnelt. Ich senke meinen Kopf tiefer in das Buch und balle unter dem Tisch die Faust. Ich Haffe in diesem Augenblick die Intelligenz. Ich will naiv sein. Ich will Glück und Glauben und Kritiklosigkeit. Ein Moment des Ringens — aber ich kann mich der Gedanken nicht erwehren. Kinematographisch fliegen die Bilder der Geschichte an mir vorüber. Die Phantasie arbeitet mächtig. Das alte Pharaonenland. Die Hyksos als Könige. Josef als Minister: Einzug der Söhne Jakobs. Besiedelung des Landes Gosen. Dann Umsturz der Verhältnisse. Neid der Völker, Intoleranz — das erste Ghetto. Sklaverei, Frohndienst, — Finsternis. Da taucht mitten im Purpur der Dunkelheit ein kleines Flämmchen auf, das Flämmchen wächst, es wird zur Flamme, zur lodernden Sonne: Moses! Moses, der Sohn Amrams und der Jochebed, der Adoptivsohn der Prinzessin, der Liebling seiner ägyptischen Lehrer. Triumph des Intellekts. Wissen ist zeugende, belebende Macht! Moses wird Ansporn, treibende Idee. Er lehrt die Heiligkeit des Menschen. Von seiner überschäumenden Liebe zum Ich werden Bettler reich und so wird er aus inniger Verehrung seines eigenen Wesens zum Altruisten. Moses, der Volksbefreier, der Gesetzgeber, der Staatengründer — groß, imponierend, eine Persönlichkeit. Die Gestalt, wie sie Michel Angelo gemeißelt- Die Verwirklichung seines Gedankens soll er nicht mit eigenen Augen schauen. Und das ist sein feines, sein erlesenes Glück. Die Entwicklung ist in allen Phasen interessant. Sie hat in sich Attribute des Ewigen, Göttlichen. Aber die Vollendung ist geistlos. Sie hat immer etwas Klägliches, Klagendes in sich: Chetossi . . . An der Schwelle des Landes, im Angesicht des Zieles legt Moses sich zum Sterben nieder. Eine verklärte Freude umleuchtet sein Antlitz. Sein Lebenswerk ist getan. Er ahnt Glück und Freude und weite Möglichkeiten. Wettkampf und Entfaltung. Israel als Zentrum für die Herztätigkeit der Menschheit. Er lächelt selig und selig lächelnd empfängt er den Kuß des Todesengels. Kein Mensch kennt seine Grabesstätte . . . ... Da werde ich aufgescheucht. Wie aus einem Traum. Ich bekomme das unangenehme Gefühl der Wirklichkeit. Der erste Abschnitt der Hagadah ist zu Ende gelesen und man rüstet zum Essen. Das Effen erzeugt eine behagliche Stimmung. Man verrichtet bloß eine notwendige Funktion, aber durch Raffinement hat man sich diese zum Genüsse gemacht. Man plaudert, lacht scherzt. Das Mahl nähert sich dem Ende und der Vater gibt der Schwester ein Zeichen. Sie versteht ihn. Sie soll Feuer anmachen. In unserer Familie ist es Brauch, daß alljährlich am zweiten Sederabend in allen Wohnräumen geheizt wird. Und wenn es in allen Oefen ausflackert, erzählt Vater alljährlich dieselbe Geschichte. Eine Hagadah, die wir schon seit langem kennen, die uns aber immer wie neu erscheint: Vor vielen Jahren lebte ein Vorahne von uns innerhalb einer größeren Judengemeinde. Es war am zweiten Passahabend, er saß gerade auf dem Seder, da bat er seine Frau, sie möchte den Ofen heizen, denn er fühlte ein Frösteln. Der Ofen wurde dort vom Hausflur und nicht, wie bei uns, vom Zimmer aus mit der Feuerung versorgt. Als die Frau sich nun dort zu schaffen machte, schrie sie plötzlich wild auf. Der Mann eilte erschreckt herbei und fand sein Weib totenbleich. Mit ausgestreckter Hand wies sie nach dem Ofen. Dort lag eine blutbedeckte Kindesleiche. Zu dieser Zeit ging eben das Blutmärchen wieder etwas konkreter um und es kam nicht gerade selten vor, daß einer jüdischen Familie in diesen Tagen ein totes Kind in das Haus geschmuggelt wurde. Was dann folgte, war nur zu bekannt. Der aufgescheuchte Sederherr verstand rasch die Situation. Er ergriff die Leiche und eilte mit ihr zum Fluße, wo er sie den Wellen übergab. Zuhause angelangt, hatte er die Selbstbeherrschung wiedergewonnen. Er setzte sich auf das Sederbett und hatte kaum mit der Hagadah wieder begonnen, als man