Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Stile 274 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr 16 moralischen Aufschwung des Deutschen Reiches mitbefestigen half. In diesem gewaltigen Aufschwung wollte Jeder im persönlichen Wettbewerbe das bessere Teil erringen. Bismarck, dessen konservativen, wirtschaftlichen und staatspolitischen Bestrebungen die liberalen Kreise fich entgegenstellten, gab nicht nur den Kulturkampf auf, sondern als in den Reihen der um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen kämpfenden Arbeiterschaft Juden als Wortführer und Bannerträger auftraten, benützte er in seiner rücksichtslosen Weise den latenten Antisemitismus der großen Masten für seine politischen Ziele. Da verbreitete sich die antisemitische Lehre mit Windeseile durchs Deutsche Reich. Begreiflich! Sie ist ja so einfach. Der Soldat wünscht die Anwartschaft auf die Stelle eines Offiziers mit möglichst Wenigen zu weilen, ebenso der Beamte seine Ansprüche auf die Stellen im Staatsdienste, der Industrielle will den Unternehmergewinn ungeteilt, die Presse ihre Produkte nicht unterboten sehen, der Gelehrte möglichst viele Mitbewerber um eine einflußreiche, hohe Stelle ausschließen, der Handwerker und Kleinhändler am liebsten allein reichlichen Absatz für seine Ware haben. Wenn er nun die Heilslehre vernimmt, die ihn schon seiner Abstammung wegen zum Besseren, Tüchtigeren, Ehrlicheren stempelt und seine Mitbewerber als inferior, unverläßlich usw. brandmarkt, wie soll er fie nicht benützen und weiterverbreiten. So begann auch die antisemitische Hochflut über unsere Grenzen sich zu ergießen. Bei uns war bisher wie überall die politisch herrschende Partei die liberale, eine rein bürgerliche und deutsche. Ihr gehörte der überwiegende Teil der Juden an aus Dankbarkeit, aus historischer Anhänglichkeit an das Deutsche, die bis tief ins Mittelalter zurückreicht und sie bis in den äußersten Osten hin ein wesentlich deutsches Idiom sprechen ließ; aber gewiß auch aus Klasteninteresse. Ihre offiziellen Vertreter waren großenteils hochgebildete, angesehene, ja vornehme, den obersten Gesellschastsschichten angehörige Männer. Dadurch, sowie durch das von ihr vertretene Klasteninteresse und die von ihr vertretene Theorie vom freien Wettkampf im wirtschaftlichen Leben, in welchem es gar so viele auf der Wahlstatt gebliebene Existenzen gibt, mangelte der Partei der Zusammenhang mit der großen, um ihre Existenz hart kämpfenden und um ihre Stellung im Staate drängenden Volksmasse. Und gerade an diese wendete sich der agitatorische Antisemitismus. Erst viel später steigt er empor auf der sozialen Stufenleiter, und wie gerufen stellt sich auch bald die erwünschte sogenannte — wissenschaftlich, nationalökonomische und naturwissenschaftliche Rechtfertigung der Rassenlehre ein. Der alte G obine au, den niemand recht ernst nehmen wollte, Dühring, Chamberlain und Vogelfang kommen auf den Plan. Hat ftüher Rousseau mit seinem Gesellschastsvertrag und seiner Lehre von den angeborenen Menschenrechten dazu gedient, um die Gleichheit aller Menschen zu begründen, so dienten jetzt die Apostel der Rassenlehre und der Theorie der Herrenraffe dazu, den Gebildeten, denen der Radauantisemitismus eines A h l w a r d t und Stöcker und einiger ihnen gleichwertigen Oesterreich er nicht zusagte, mundgerecht zu machen. Die österreichischen Juden, immer gewöhnt, in Demut ihre Sache von mächtigen Persönlichkeiten verfochten, ihr gutes Recht von vorurteilslosen Gelehrten und Schriftstellern vertreten zu sehen, standen plötzlich einer neuen Erscheinung gegenüber. Nicht bloß der Einfluß der mächtigsten Glaubensgenossen, auch der aller anderen versagte. Da setzt nun dieTätigkeit der Union ein. Es ist wohl kein Zufall, daß ein Politiker wie Dr. I. Bloch, ein Richter Dr. Jakob K o h n, ein Advokat Dr. Z i n s, Aerzte wie Dozent G r ü n f e l d und Dr. Pins und ein Großhändler Herr Berger und deren Berussgenossen, zu den Gründern der Union gehörten. Sie alle fühlten die kommenden Ereignisse noch mehr, als sie sie sahen. Zum erstenmal wurde in Oesterreich der Versuch gemacht, die große Masse der Juden, welche das Unrecht am eigenen Leibe spürte, auch zur Selbstverteidigung aufzurufen. Zum erstenmal wurde auch eingestanden — zum Schrecken aller derjenigen, welche den Tatsachen nicht klar ins Auge blicken können — daß es politische Interessen gibt, die keine Sonderrechte und doch gerade nur den Juden gemeinsam und vonihnen gemeinsam auch zu vertretensind. Die Tätigkeit der „Union" mußte zunächst eine politisch erziehliche sein. Es mußte den Juden klar gemacht werden, daß die theoretisch gegebene Gleichberechtigung nur durch stete Arbeit von ihrer Seite selbst erst wirklich ins Leben treten könne. Vortreffliche Vorträge politischen Inhalts, Diskussionen dienten diesem Zwecke. Im Beginne lehnte sich die „Union" noch immer an die in Oesterreich sehr verdiente liberale Partei, aber in demselben Maße als diese selbst an Boden verlor und die auf dem politischen Plan erscheinenden Männer des deutschen Bürgertums den Juden entweder gleichgiltig oder auch mehr oder weniger offen gegnerisch gegenüberstanden, lockerte sich dieser Zusammenhang von selbst und die „Union" mußte die Verfechtung der politischen und staatsbürgerlichen Rechte der Juden ganz in eigene Regie übernehmen. Damit hat sie sich ein nicht hoch genug zu veranschlagendes Verdienst erworben. Zum erstenmal trat der Jude politisch organisiert seinem politischen Gegner, nicht gedeckt durch den breiten Rücken einer mächtigen Persönlichkeit, sondern von Angesicht zu Angesicht, Aug in Aug entgegen. Fest und ruhig, nicht flehend, sondern auf sein Recht pochend. Ec konnte den Mächten der Zeit, ein richtiger Prometheus, zurufen: „Hat nicht mich zum Manne geschmiedet Die allmächtige Zeit, das eckige Schicksal, Meine Herren und Damen?" Die Reihe der Männer, die an der Spitze der „Union" gestanden, Grünfeld, Anninger. Ruzicka, Paul- Schiff. Sigmund Mayer und ihre Stellvertreter und Kollegen stellten eine ununterbrochene Reihe selbstbewußter, aufrechter Männer dar, die jedem anderen, politisch reifen Volke zur Zierde gereichen konnten. Ihnen vor allem gebührt der Dank der österreichischen Juden. Ich sagte jedem politisch reifen Volk! Wie halten wir eS mit dem Volkstum? Es ist unmöglich, an dieser Frage vorbeizugehen. Ich möchte aber in dieser festlichen Stunde alles vermeiden, was zu einer Mißdeutung führen könnte. Nur das will ich hervorheben, was allgemein anerkannt, und das ist unsere Zugehörigkeit zur Kulturgemeinschaft desjenigen Volkes, unter dem wir leben, und zur modernen Kulturgemeinschaft aller zivilisierten Völker überhaupt. Diese legt wie die Staatsbürgerschaft, wie die Zugehörigkeit zu einer Nation Pflichten und Rechte auf. Die Pflicht, den Besitzstand an Kulturgütern zu heben und zu bewahren, weiter auszubilden und materiell dazu beizutragen, eine Pflicht, der die österreichischen Juden im Westen und Osten, im deutschen und slavischen und romanischen Kulturgebiet getreulich, reichlich, ja überreichlich Nachkommen. Sie können aber und müffen auch verlangen, daß ihnen auch die Rechte werden, welche daraus fließen, die geschriebenen und ungeschriebenen. Daß auch ihre geschriebenen Rechte als Staatsbürger, die Gleichheit vor dem Gesetze aufrecht gehalten werde, liegt wohl im tiefstenJnteresse des Staates selbst begründet. lust-itia regnorum fundamentum. Diesem Grundsätze entsprechend, hat die „Union" gewirkt und geschaffen. Wo immer in den weiten Gauen unseres Vaterlandes das Gesetz verlltzt, das Recht bedroht erschien, war fie in Person unseres Sekretärs Fleischer pünktlich zur Stelle. Ob in einem galizischen Grenzdorf oder in einem Industriezentrum Böhmens oder Mährens, im Norden oder Süden. Aber es harren der „Union" noch große Aufgaben. Die politischen Verhältnisse drängen zu neuen Formen, neuen Gestaltungen. Es wird auch unserem vielgeprüften Vaterlande