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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-04-22 · 16 (22.4.1910) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 273 Brünn, Dr. Paul Nathan aus Berlin, Rektor Professor Dr. Schwarz, die Rabbiner Dr. Grunwald und Chacham Papo, Kultusvorsteher Dr. Leopold Ko hu, Rechtsanwalt Doktor Arthur Nußbaum aus Berlin, Alexander Schorr aus Karlsbad und fast sämtliche Kultusgemeindeu Oesterreichs, sowie Hunderte von Vertrauensmännern der Union! Präsident Sigmund Mayer begrüßte die Versammlung mit herzlichen Worten und führte aus: „Das 25jährige Jubiläum eines Vereines ist ein Anreiz, den Blick nach vorwärts und rückwärts zu wenden. Nach der Richtung der Vergangenheit soll festgestellt werden, was die „Union" erreicht hat und w lche Erfolge ihr nur anzustreben vergönnt waren. Nach der Richtung der Zukunft soll erwogen werden, welche Aufgaben der Verein in weiterer Folge zu erfüllen, welches Schicksal er mit den Juden selbst teilen wird. Aber allen diesen Betrachtungen liegt gleichsam ein ernster Gedanke vorgelagert. Wir feiern ein Jubiläum, aber wir müssen bekennen, daß zum Jubilieren kein Anlaß vorhanden ist, denn schon die Existenz, die bloße Notwendigkeit unseres Schutzvereines ist eine Anklage gegen den Staat und die Gesellschaft, ist eine Schande für das Land, in welchem ein solcher Verein notwendig geworden ist zur Erkämpfung von Rechten, die selbstverständlich sind. Auch in Anbetracht der Zukunft ist zum Jubilieren kein Anlaß, denn wir dürfen uns dadurch, daß die äußere Form des Antisemitismus eine gewisse Verflachung zeige, nicht über den wahren Stand der Bewegung täuschen. Solche Betrachtungen auzustellen, hätten wir wohl keinen Berufeneren und Würdigeren finden können, als den heutigen Festredner, der hervorragend ist, nicht nur durch das, was er spricht, sondern mehr noch durch das, was er ist. Ich erteile Herrn Professor Dr. Ehrmann das Wort." Herr Universitäts - Professor Dr. S. Ehrmann hielt hierauf folgende Festrede: Die Festrede des Prof. Dr. Ehrmann. Die freundliche und ehrenvolle Einladung, bei diesem feierlichen Anlasse in der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" zu sprechen, verdanke ich wohl der guten Sache und dem Umstande, daß es mir gegönnt war, ihr im Vereinsausschufse zu dienen. Fünsundzwanzig Jahre find im Leben eines menschlichen Individuums ein Abschnitt, der ihn vom Kinde zum Manne, vom Manne an die Schwelle oder mitten in das Greisenalter hineinführt. Im Leben einer Korporation bedeuten fie bescheidenen Anfang, dem nicht immer die Blüte folgt, häufig genug die Dekadenz. Nur eine Korporation, die das Leben erfaßt, dort wo es am lebhaftesten sprudelt, kann von ihm emporgetragen werden und nach einem Vierteljahrhundert noch jede Spur des Verfalls vermissen lassen. Wie und ob die „Union" dies verstanden hat, möchte ich hier kurz untersuchen. Zu diesem Zwecke muß ich einigermaßen weit ausholen, um die Situation, in welcher die Tätigkeit der „Union" einsetzt, klarzulegen. Es wird dies zugleich die beste Erklärung für die Mission sein, die fie zu erfüllen hatte. Die österreichische Judenschaft, bis zum Ende des XVIII. Jahrhunderts nicht bloß rechtlos, sondern auch auf das Peinlichste von allen Quellen des neuzeitlichen Wissens und Strebens ferngehalten, auf Schritt und Tritt mit Ausnahme Galiziens und Ungarns, in jeder Erwerbsmöglichkeit reglementiert und beschränkt sogar im primitivsten Rechte, eine legitime Ehe einzugehen, legitime Nachkommen zu hinterlassen, beginnt im Anfänge des XIX. Jahrhunderts in einzelnen Personen zwar, aber soweit die Umstände es gestatten, sehr intensiv moderne Bildung in sich aufzunehmen. Ein Streben, das nur beschränkt ist, durch die Unmöglichkeit, es im offiziellen und praktischen Leben zu verwerten, weil öffentliche Stellen ihm noch unzugänglich sind und der Zutritt zu den liberalen Berufen möglichst eingeengt ist. So findet es der Sturm der Jahre 1848 und 1849, in denen schon zahlreiche begeisterte Volksredner, Schriftsteller und Dichter (Fischhof, Kuranda, Kompert, Moritz Hartmann) mitten in den Reihen des um eine moderne Staatsverfassung kämpfenden österreichischen Gesamtvolkes stehen. Dem kurzen Traum der Gleichberechtigung, von Freiheit und Volksverbrüderung folgt ein schmerzliches Erwachen. Wieder werden die Fesseln enger geknüpft, welche die geistige und zum Teil auch körperliche Bewegungsfreiheit der Völker, am meisten aber der Judenschaft einschnüren. Wieder find sie von der Erwerbung von Liegenschaften ausgeschlossen, wieder ist der Zutritt zu öffentlichen Stellungen erschwert, ja unmöglich gemacht, aber ein Rest ist doch geblieben, ein spärliches, aber für die Weiterentwicklung sehr wichtiges Recht — das der Freizügigkeit. Die Ghetti öffnen sich nach nahezu 400 Jahren wieder und die zusammengepreßte Schaar beginnt sich auf den freien Fluren des Vaterlandes auszubreiten, die Städte zu bevölkern, in welchen die nationalen Heiligtümer emporragen. Die höheren und höchsten Lehranstalten beginnen sich zu füllen mit den Abkömmlingen jener, welchen der ärztliche Beruf nur in seinen unteren Graden, der Beruf des Rechtsanwaltes gar nicht, der Beruf des Schusters und Schneiders nur mit einer gnädigen Bewilligung der hochlöblichen Zeche möglich war. Aber der alte Druck hat sich dem Geiste und dem Körper eingeprägt. Das Haupt wird nicht aufrecht, der Rücken nicht gerade getragen, die Rechte werden nicht als Rechte verlangt, fie werden als Gnade erfleht. Die Situation ändert sich in dieser Beziehung auch dann nicht, als durch den Gnadenakt des Monarchen eine Verfassung dem Volke gegeben wird, und bleiben bestehen, als auch die letzte Spur der gesetzlichen Unfreiheit fällt und die Sanktion der Staatsgrundgesetze von den Stufen des Allerhöchsten Thrones erfließt. Doch den Zaghaften, an ihre Gleichberechtigung stlbst nicht recht glauben Wollenden streckt sich die Haud der übrigen Staatsgenoffen entgegen. Der Geist des Humanismus aus der Blütezeit der deutschen Literatur und Philosophie, dem auch die nichtdeutschen Völker sich kaum entziehen konnten, schuf eine Atmosphäre, in der kein Raum war für scharfen konfessionellen Haß. Nicht nur der gemeinsame Kampf hatte die Kämpfer für Freiheit und Recht brüderlich geeint. Auch die Prinzipien, auf Grund deren er geführt wurde, hatten eine einigende Kraft. Das Bürgertum bekämpfte die Vorrechte der Geburt und des Standes auf Grund der von Rousseau propagierten Lehre von den natürlichen angebornen Menschenrechten, die in den Erklärungen des amerikanischen und französischen Volkes ihren urkundlichen Ausdruck fanden. (1776 bis 1782.) Es hätte seinen eigenen Boden unterwühlt, wenn es nicht die Gleichheit aller Bürger ohne Unterschied der Abstammung und des Bekenntnisses zur Richtschuur seiner Handlungen hätte nehmen sollen. Dies war nun wenigstens offiziell die Signatur der liberalen Aera, wenigstens offziell in unserem Vaterlande, die noch unterstützt wurde von einem kräftig pulsierenden, vielfach von der Judenschaft getragenen, wirtschaftlichen Leben unmittelbar vor und nach dem Jahre 1866. Ein Aenderung in der liberalen Anschauung wird zunächst von außen suggeriert. Das gewaltige Ringen zwischen Deutschland und Frankreich, in seinem Ziele der Einigung Deutschlands unter den Hohenzollern geltend, gestaltet sich zu einem Kampfe der Völkerschaften. Wer die Tagesliteratur, die Poesie, zum großen Teile ^auch die bildende Kunst und Musik der damaligen Zeit kennt, der weiß, daß man ihn, um seine Volkstümlichkeit und seinen Elan zu steigern, zu einem Kriege zwischen Germanen und Welschen, mithin zu einem Raffenkriege stempelte. Der grandiose, die Landkarte Europas umgestaltende und in seinen Konsequenzen auch auf die anderen Weltteile übergreifende Erfolg des Krieges mußte natürlich im deutschen Volke die Vorstellung von dem außerordentlichen Werte und der Bedeutung der sieghaften Rasse festigen, eine Vorstellung, die von allen Kreisen, den höchsten und den untersten, genährt und gepflegt wurde und den ungeheueren materiellen und

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