Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Blochs Wochenschrift. L>eUe 271 wird das gesamte Judentum zur Anklagebank geschleift. Die Charakterlosigkeit, die sich in den Reihen der getauften Juden breit macht, wird oft genug als Beweis für die Minderwertigkeit der jüdischen Raffe angeführt. 6. Der Austritt aus dem Judentum ist ein Akt der Treulosigkeit, das feige Hinwegschleichen aus den Reihen der Streiter in Zeiten bitterer Not und schweren Kampfes ein ehrloser Verrat, verübt gegen die Brüder. Ein Charakter dieser Art, von Christen verachtet, von Juden verabscheut, ist ungeeignet vor allem zum Träger eines öffentlichen Mandates, ihn wählen, heißt den Verrat und die Treulosigkeit billigen, rechtfertigen, gutheißen, sanktionieren; deßwegen sei es feierlich vor aller Welt als Grundsatz proklamiert: „Dem Renegaten keine einzige jüdische Stimme". * * * Unser Mahnruf wendet sich an die jüdischen Wähler,, einen vernunftverlaffenen Parteigötzen zu zertrümmern, der eine Selbsterniedrigung ihnen zuzumuten wagt; unser Weckruf ergeht an den stolzen und freien Menschen im Juden, der eigenen persönlichen Würde sich nicht zu entäußern, vielmehr den starken Mut zu gewinnen, das Verächtliche mit seinem häßlichen Namen anzurufen; aus dem Tempel hinauszupeitschen die Seelenschacherer, aus deren Stirn das flammende Kainsmal des Brndcrverrates glüht und lodert. Redaktion der „Oesterr. Wochenschrift". Festgrnß von Jda Oppenheim. Es war einmal ein König und eine Königin, denen wurde nach langen Jahren ein Sohn geschenkt. Der Knabe wuchs heran zur Freude seiner Eltern und des ganzen Volkes, das seine edlen Herrscher liebte und besonders die fromme, gute Königin verehrte. Alles wurde aufgeboten, um den Thronfolger zu erziehen, daß er einst zum Heile das Volk führen sollte. Seine Mutter besonders strebte darnach, sein Herz zu bilden, . und pflanzte ihm den Glauben an ein höheres Wesen, das alles Edle, Gute und Hohe in fich vereine, in seine junge Seele. Sie lebte vollständig dem Kinde, während der König seine ernsten Pflichten erfüllte. Der Knabe wuchs heran, und keine Mühe wurde gescheut, um ihn für seinen schweren Beruf würdig vorzubereiten. Die weisesten Lehrer kamen von fernher, um ihn zu bilden. Er wurde in die geheimsten Wissenschaften eingeweiht; nichts sollte ihm dunkel und verschlossen bleiben. So erreichte der Prinz sein dreizehntes Jahr und wurde nun zum Nachfolger seines Vaters ausgerufen, wie es von altersher Sitte war. In all dem Glück und all dem Jubel, der das ganze Reich an diesem Tage erfüllte, lag zitternd und bebend die Königin auf den Knieen. Ihr Herz jauchzte und betete für ihren Liebling. „Hilf Du mir, Du unendliches, unsichtbares Wesen, das ich nur ahne und nicht erkenne, das ich nur fühle und nicht begreife, das allein die Liebe ist und alles in fich vereinigt, was edel, groß und gut ist, auf dessen Wort „erstehe" fich aus dem starren Winterfrost alles zu neuem Blühen und Leben ans Licht drängt und das nach dem mächtigen Wort „vergehe!" Tod und Stille über das ganze Weltreich breitet." Der König mußte in den Krieg und kam nach langer Zeit wohl siegreich heim, aber die Anstrengungen des Feldzuges hatten seine Kraft gebrochen. Ec starb nach kurzer Krankheit. Noch waren die Klagen und die Trauer nicht verhallt, da erkrankte der junge Königssohn. Die Königin-Witwe, die trostlose Mutter, stand an seinem Lager, aufgelöst im Schmerz, und betete für den heißgeliebten Sohn. Er genas, aber ein Schleier trübte die schönen Augen — er war erblindet! Wer kann ganz die furchtbare Bedeutung dieses Wortes ermessen! Dunkel — ewiges Dunkel im Sonnenschein, im Licht. — „Wäre es nicht besser, wenn er gestorben wäre!", so schrie es in dem gemarterten Herzen der Mutter. Voll bitterer Verzweiflung rief ihr der Sohn entgegen: „Bete zu Deinem Gott, daß er mich sehend macht!" Die so Hartgeprüfte rief ihm wieder zu: „Ertrage die Prüfung, mein Sohn, und hoffe auf Ihn, wie ich'. Er, der der Sonne gebietet, zu leuchten; Er, der den Wassecn des Meeres, dem Monde, den Sternen ihre ewigen Bahnen vorzeichnet; Er weiß allein, warum Du leidest — und Er allein kann Dich erlösen!" Die Jahre vergingen. Der junge König machte große Reisen und lernte die Welt und die Menschen kennen, während die Königin daheim für ihn regierte. Doch das Volk war unzufrieden unter der Herrschaft der Frau. Sie verlangten einen männlichen Gebieter und so kehrte der König zurück. Groß, stark und schön kam der Jüngling heim. Man jubelte ihm entgegen und versprach fich trotz seiner Blindheit ein besseres Los unter seiner Herrschaft. Die Mutter empfing ihren heißgeliebten Sohn mit inniger Freude und obgleich seine Augen sie nicht sehen konnten, fühlte er ihre Nähe und den Schlag ihres Herzens, das in unendlicher Liebe über ihn wachte. Die Nacht stieg herauf. Alle hatten sich nach den Freuden des Tages zur Ruhe begeben, nur die Königin blieb wach! Sie betete und weinte. Wohl hatte sie ihren Sohn wieder, doch er war blind und war ihr fremd geworden. Bitternis und Zweifel erfüllten Herz und Sinn. Er wollte den Thron nicht besteigen. Wie sollte ein blinder König herrschen? Endlich schloß der Schlaf ihr die müden Augen — sie träumte! Eine hohe Männergestalt mit weißem Haar und Bart, in einen langen Mantel gehüllt, näherte fich ihr; ein edles Gesicht beugte fich zu ihr hernieder und sagte: „Deine heißen Gebete find emporgestiegen zu Gott — das Maß der Tränen ist voll! Die Prüfungen hast Du in Demut und Geduld ertragen — jetzt soll Dir Dein Lohn werden!" Da lächelte die edle Dulderin und sagte: „Lohn, edler Greis? All meine Gebete und Tränen gipfeln in dem einen Wunsch: mache mein Kind wieder sehend!" „Es sei, doch eine Bedingung knüpfe ich daran: Du mußt sterben!" „Ich bin bereit, wenn mein Sohn das Augenlicht erhält." „Dein Lebensfaden sollte noch 20 Jahre dauern." „Ich gebe sie freudig hin für diesen Preis!" „Doch diese 20 Jahre mußt Du in Nacht und Finsternis verbringen, denn dadurch wird Dein Sohn nicht nur sehend, sondern auch in seinem Innern wird ein strahlendes Licht aufgehen, das des Glaubens und der Liebe!" „Alles, alles für mein Kind!" hauchte die Mutter. Es wurde Licht im Gemache. Eine Hand legte fich segnend auf ihre Stirn und aus der Ferne erklangen wundersüße Töne — Aeolsharfen entlockt — und weiße Tauben umflatterten sie. Dann flogen sie auf zum sternbesäten Himmelszelt — ein mächtiger Adler schoß aus den Höhen hernieder, finster wurde es um sie und ein gewaltiger Donner erdröhnte. Ein Frösteln überkam si: und mit einem Schrei erwachte die Schlafende. Sie stand auf und ließ fich ankleiden, verrichtete ihre Morgenandacht und rief den König. Ec küßte ehrfurchtsvoll ihre Hände und sie erzählte ihm ihren Traum. „Ich bin bereit, zu gehen — ich fühle, es wird gar bald sein." Der König rief entsetzt: „Mutter, Mutter, Du willst fort, jetzt?" Voll Angst und Sorge nahm er sie liebend in seine Arme und heiße Tränen entströmten d-n lichtlosen Augen und netzten das Antlitz der Mutter. Da ließ ein Schauer ihn erbeben, ein heißes Brennen stieg in seine Augen. Plötzlich rief er: „Mutter, bist Du es, ich kenne dich nicht? Du sahst ja nie so aus!" „Du siehst mich, mein Sohn?" „Ja", rief er, „ich sehe Dich, sehe Deine weiße Gestalt, Dein Gesicht, wenn auch ganz anders als in früheren Jahren." „Jetzt, jetzt, mein Sohn, erkenne Gottes Allmacht und Güte!