Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 270 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 16 den Wunsch, als recht guter Christ zu erscheinen, seinen Uebertritt als einen Akt der Ueberzeugung darzustellen. Er verdoppelt und verdreifacht seinen Eiser. Ja, der Judenhaß der Täustinge überträgt sich merkwürdigerweise ai'f die folgenden Geschlechter. Nachkommen getaufter Juden find die heftigsten, oft auch grausamsten Judenfeinde gewesen. 3. Der Kampf Israels in der Geschichte ist nicht beendet, er ist in den letzten Jahrzehnten heftiger denn je entbrannt; — wir führen noch immer denselben Kampf gegen Tyrannei und Zwangsherrschast, für Recht und Freiheit. Das Wort, welches wir vor 25 Jahren geschrieben, hat noch heute seine Geltung: „Es ist eine Gunst des Geschickes, daß, indem wir für uns kämpfen, wir zugleich für göttliches und menschliches Recht kämpfen; für die Freiheit des Geistes und Gewifiens; daß wir, mit der Notwendigkeit eines Kampfes beladen, für etwas kämpfen, was mehr ist als wir, was höher steht, als jede einzelne Nationalität; ein Kampf für uns, aber zugleich für die höchsten Prinzipien des Rechtes, für jene Ideen, welche die elementare Bafis jedes Fortschrittes bilden." Sind die feigen Verräter, die aus dem Judentum sich geflüchtet, sei es offen durch Uebertritt zur Kirche oder verschämt durch das Gebüsch der Konfessionslosigkeit sich davonschlichen, find diese Deserteure die geeignetsten Führer in diesem Kampfe? Wen« z. B. ein Wiener Bürgermeister — wie gerade gestern — in öffentlicher Sitzung des Gemeinderates von „semitischem Hasse" spricht, den jüdischen Namen verunglimpft, und ein Mann, der selber dem Judentum die Mißachtung bezeugt und der Gemeinschaft den Rücken gekehrt hat, zum Schutze unserer Ehre sich erhebt: muß und wird das nicht auf allen Bänken quietschendes Kichern auslöse», ein höhnisches Lachen sein Erscheinen auf der Tribüne begrüßen, der Hohn über seine erstaunliche Vielseitigkeit und unsere tiefe Erniedrigung? Dr. v. Fürth war Träger eines Mandates in einem Wahlbezirk mit überwiegender jüdischer Majorität; Juden haben ihm die Vertretung ihrer Jntereffen, die Verteidigung ihres Namens und ihrer Ehre anvertraut. Er ging dann hin und erklärte seinen Austritt aus dem Judentum; er wurde konfessionslos, seine Kinder führte er zur Taufe. Er besitzt die sonderbare Naivität, neuerdings um das Vertrauen der jüdischen Wähler zu werben, die darum in der unangenehmen Lage find, über die Gründe seines Verhallens sich ein Urteil bilden zu müssen. Haben etwa jüdische Kirchenbehörden einen Gewiffenszwang gegen ihn versucht, daß Dr. v. Fürth ihrer Gewalt sich entziehen mußte? Wollte man ihn zurTeiluahme an religiösen Uebungen und rituellen Bräuchen nötigen, die seinen modernen Lebensgewohnheiten widersprechen? Daß die Zahlung einer sogenannten „Kultussteuer" zur Erhaltung des jüdischen Spllals, der jüdischen Altersversorgungs- und Siechenhäuser, zur Unterstützung armer notleidender Juden, die von den staatlichen und kommunalen Wohltätigkeilsämtern hilf- und schutzlos gelassen werden — mit einer freisinnigen Weltanschauung sich nicht vereinen laffe, wird man bei gesunden Sinnen kaum zu behaupten wagen. Herr Dr. von Fürth trat aus unseren Reihen, weil die Bürde unseres viertausendjährigen Erbes seinen Schultern zu schwer geworden, weil er nicht mittragen will an unserem Leid, nicht teilhaben an unseren Verfolgungen, und er soll ein Führer in unserem Kampfe sein? Wir erzichen unsere Kinder zu Streitern für Gewissens- und Geistesfreiheit, Dr. v. Fürth berellet seinen Kindern ein ruhiges Heim im Machtbereich der Kirche! Er verleugnet unsere Vergangenheit, er will auch nichts gemein haben mit unserer Zukunft; nur in der Gegenwart möchte er der Mandatsträger jüdischer Wähler sein. Eine Zumutung, über welche man wie über eine Naivität lächeln könnte, wenn sie nicht eine empörende Jnsulle bildete. 4. Seine ex ollo-Verteidiger reden von einer prinzipiellen Abneigung gegen jeden Konfeffionalismüs, und man spekuliert mit List und Schlauheit auf die suggestive Macht eines antiklerikalen Schlagwortes. Das Staatskirchentum mit seinen übermächtigen Zwangsgewatten, speziell in Oesterreich, zermürbt den Charaller, knechtet die Gewiffen, erdrückt jede Regung freiheitlichen Geistes, bildet das eigentliche Hindernis des menschlichen Fortschrittes. Haben die Herren Führer der Sozialpollliker also dämm ihren Austritt aus dem Judentum erklärt und im Schoß der Kirche Zuflucht gesucht? Die Existenz religiöser Minoritäten im Staate ist ein lebendiger Protest gegen ein herrschendes Staatskirchentum, das, wie einen Pfahl in seinem Fleische, z. B. die gesetzliche Stellung der jüdischen Gemeinde seit je empfunden hat. Freisinnige Männer arischer Abkunft haben aus diesen Gründen die jüdische Gemeinde stets gerne gefördert; erst vor wenigen Jahren hat ein echter Apostel des Freisinns, Professor Süß in Baden, in seinem Testament die jüdische Gemeinde mit einem ansehnlichen Legat bedacht, weil, wie er in seiner letztwilligen Verfügung ausdrücklich hervorhebt, der Bestand einer jüdischen Gemeinde allein schon einen wirksamen Protest gegen das Staatskirchentum bildet. Darum ist aber jeder Abfall vom Judentum eine Förderung der Reaktion, wie denn auch alles, was die Stellung einer religiösen Minorität schädigt, ihr Gedeihen untergräbt, ihren Bestand erschüttert, einen Machtzuwachs für die Kirche bedeutet. Der Abfall vom Judentum — das soll sich auch Herr Baron Hock gesagt sein lassen — ist eine wesentliche Dienstleistung fürdieKirche, eine Stärkung des Staatskirchentums. 5. In dem Kampfe für unsere Gleichberechtigung im Staate bilden die Renegaten ein schweres Hindernis. Der jüdische Beamte, welcher sein Vorwärtskommen nicht durch einen Meineid erkaufen will, wird umso eher präteriert, wenn sein Kollege ohne Gewiffensskrupel den Uebertritt vollzieht. Eine jede solche Taufe erleichtert dem Staate und der Gesellschaft, das Unrecht gegen die Juden fortzusetzen. Indem der Staat einen oder zwei der jüdischen Täuflinge anstellt und avanzieren läßt, glaubt er — dem Judentum gegenüber die Pflichten der Verfassung erfüllt zu haben. Schreiber dieser Zeilen, als er gerade bei dem verstorbenen Justizminister Prazak wegen der Versetzung eines jüdischen Gerichtsadjunkten nach einem anderen größeren Orte Fürsprache einlegte, erhielt einmal zur Antwort: „Lieber Herr Abgeordneter, das wird schwer gehen; der Bezirksrichter dort ist schon ein Jude und zwei Juden kann ich aus Rücksicht für die Bevölkerung dorthin nicht geben." Als aber der Minister daran erinnert wurde, daß der betreffende von ihm genannte Bezirksrichter vor Jahren bereits seinen Uebertritt zur Kirche vollzogen hat, zuckte er mit den Achseln und sagte: „Herr Doktor, es ist doch so." Das ist zunächst eine schwere, materielle Benachteiligung des Judentums, dann aber auch eine empfindliche Schädigung der ethischen Idee des gleichen Rechtes, für welche alle Männer der Freiheit seit Jahrhunderten den Kampf führen. Wie die Anstellung und Beförderung des Angehörigen einer religiösen Minorität, in diesem Falle des Juden, ein Sieg der Rechtsidee ist, so bedeutet die Beförderung des Renegaten eine Trübung und Verdunkelung der Rechtsidee, den Triumph des Staatskirchentums. Haben Männer wie Baron Hock sür diese zwingende Logik der Tatsachen gar kein Verständnis? Als der Abgeordnete Stand im österr. Parlamente die empörende Verfaffungsverletzung durch die konsequenteZurückweisung jüdischer Aspiranten zur Sprache brachte, rief ihm der gewesene Finanzminister Koritowskizu: „Mischemudim sind genug angestellt." Die Renegaten nehmen den Juden ihre Stellungen weg. Je größer die Zahl der Renegaten, je geringere Aussicht hat der Jude, sein Recht zu finden, angestellt oder befördert zu werden. Sollen wir uns nicht dagegen wehren, sollen wir solche Praxis durch unser Verhalten fördern? In einem Wahlbezirk, in welchem jüdische Stimmen nur eine Minorität bilden, wenn auch eine recht ansehnliche, wagt kein Jude als Kandidat aufzutreten; dort aber, wo die Juden eine unbestrittene überwiegende Majorität besitzen — da präsentiert sich ihnen nun Bruder Täufling als Mandatswerber. Arische Bezirke meidet er ängstlich! Für die Anschauung christlicher Kreise ist eben der getaufte Jude noch immer Jude geblieben. Das hat oft für uns die peinlichsten Konsequenzen, denn erweist sich irgendwo oder irgendwie sein Wirken und Gebühren als schädlich, so