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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-04-22 · 16 (22.4.1910) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 16 Dl*n Blocll’s IahrgangxLVll Zentralorgan für die gesamten Ilnteressen des Zndentums. -dt—ra—=— Wien, 22. April 1910 - Lrscbetnt jeden Freitag. ) Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahngaffe 15. ® Telegramm-Adreffe: Bloch's Wochenschrift, Wien. oCr-- — - oo p Drrugspreis für Vesterreich: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen : Die 4mal gespal- 2 tene Petttzeile 24 Heller. G nO - ■ - -Oo? N. k. Poflsparkassrnamt Slearlng-Verkebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien »/i. Hahngaffe Nr. 15. 1> Telefon Nr. 14.847. <1 oP ■ .— ■ Oo Inhalt: Leitartikel: Renegaten als Mandatswerber vor jüdischen Wählern. — Festgruß. — Das 25jährige Jubiläum der „Oesterr.- Jsraelitischen Union". — Seder-Jmpression. — Korrespondenzen: Wählerversammlung in der Inneren Stadt. Galizischer Hilfs- Verein. Die Trauung eines jüdischen Offiziers in Preußen. Das Jubiläum der Alliance im Orient. Die Judengesetzgebung in Rußland. Massenflucht der jüdischen Bevölkerung aus Kifchenew. Massenausweisung der Juden aus Kiew. Die Rabbinerkommission darf die Juden nicht verteidigen. Professor Metschnikow und sein jüdischer Mitarbeiter. Die Familie Montag» in der englischen Regierung. Das Testament eines jüdischen Wohltäters. Juden in den Philippinen. Intensivere Judenanfiedlung in Texas und Mexiko. — Vermischtes. — Feuilleton: Jünglingsjahre. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. als Mandatswerber vor jüdische« Wühler«. Der Reichsratsabgeordnete Hofrat Baron Hock hat vor wenigen Tagen seinen Unmut über den erbitterten Kampf der „Oesterreichischen Wochenschrift" gegen die Gemeinderatskandidaturen der beiden Renegaten Dr. Emil Ritter v. Fürth und Dr. Wilhelm Neumann in bewegten Worten zum Ausdruck gebracht. Wenn die uns zugekommenen Mitteilungen ihre Richtigkeit haben, hält Herr Hofrat Baron Hock die große fiebernde Bewegung, welche weite Kreise der jüdischen Wählerschaft über, die Schmach der ihr zugemuteten Kandidaturen ergriffen hat, für ein Werk der „Oesterr. Wochenschrift", und er ist nicht abgeneigt, für alle Kalamitäten, in welchen das offizielle Wahlkomitee und drei seiner bloßgestellten Kandidaten sich befinden, uns verantwortlich zu machen. Es ist nun wohl richtig, daß wir seit Monaten gegen das geplante Attentat unermüdlich protestiert und die verantwortlichen Faktoren vor dem verhängnisvollen Beschluß eindringlich gewarnt und verwarnt haben; daß wir auch bemüht waren, das jüdische Empfinden zu wecken und das öffentliche Gewissen wachzurütteln. Allein es heißt denn doch ein wenig die ethischen Energien, die in der jüdischen Bewohnerschaft Wiens noch immer wirksam sind, ein wenig unterschätzen, wenn man annimmt, die jüdischen Wähler der Inneren Stadt hätten ohne die „aufreizende Wühlarbeit" der „Oesterr. Wochenschrift" die Zumutung solcher Kandidaturen schweigend geduldet. Es ist ein Denkfehler und ein Unrecht zugleich, die moralischen Widerstandskräfte der jüdischen Volksschichten Wiens nach dem Anschauungskreise der rührigen aber kleinen Gruppe der „Sozialpolitiker", einzuschätzen, in deren Reihen alle jüdischen Fahnenflüchtigen, sogenannte Konfeffionslosen und Meschemudim, eine Sammelstätte und einen Bereinigungspunkt sich geschaffen, der einen Infektionsherd für die schlimmsten Formen der Gesinnungs-Verlotterung und Charakterschwindsucht bildet. In England, Frankreich und Italien und auch in Deutschland sind die Juden aufrechte Männer, die mit einer freiheitlichen Gesinnung, mit dem Bekenntnis zum Liberalismus Liebe verbinden für die verfolgten Brüder und Treue dem geheiligten Andenken der Väter. Beim heutigen Wiener Juden vermißt man hie und da die Stärke des Charakters, die Festigkeit der Gesinnung und im Auslande kann man oft gar herbe Urteile über Wiener Juden vernehmen, welche einst den Glaubensgenoffen aller Länder Muster und Vorbild waren. Allein sie haben sich des selbständigen Denkens nicht völlig entwöhnt, das Empfinden nicht eingebüßt für das Gebot der Ehre und ihr Gehör nicht abgestumpft für die Stimmen des Gewiffens und die lauten Mahnungen der Pflicht. 2. Aus grauer Vorzeit unseres Volkes erzählen die Gedenkblätter, daß Tausende von Männern, Weibern und Kindern sich in der Höhle von Machpela ersticken ließen, um nicht den griechischen Götzen dienen zu müssen; daran dürfen jene nicht erinnert werden, die ihren Glauben um ein Geringeres als ein Linsengericht feilbieten. Seit zwei Jahrtausenden stehen wir im blutigen Kampf gegen einen übermächtigen, heimtückischen und unbarmherzigen Feind, der alle Grausamkeiten, die nur eine perverse Phantasie ersinnen kann, gegen uns verübt hat; wir ertragen all die namenlosen Leiden und Drangsale nicht um materieller Güter willen, nicht um Ruhm, Reichtum und Ehre uns zu erringen, — wir führen diesen schweren Kampf nur für eine Idee, für ein ideelles Gut, für die Rechte des Gewiffens, für die Freiheit der Ueberzeugung. Diesen rein ideellen Gütern opferten unsere Väter Freiheit und Vermögen, oft auch das Leben und das ihrer Kinder, trugen sie willig und demütig alle Schmach und alle Entbehrung, welche grausame Gewalten über sie verhängt haben. Das Judentum pries sich nicht „Religion der Liebe", allein sein zweitausendjähriges Martyrium bildet das unvergleichliche, in der Geschichte aller Zeiten und Völker beispiellose hohe Lied der Treue — jener Treue, die auch den Feinden staunende Bewunderung abgerüngen. Der alte Jude im Ghetto war ein armer Hausierer, er handelte mit alten Gewändern, mit Tierhäuten, Gänsefedern; um seine Familie zu ernähren, trieb er Schacher, man schmähte ihn „Handelsjud"; seine Ueberzeugung aber war ihm um keinen Preis feil, die war bei ihm kein Handelsartikel, sondern ein Heiligtum seines Herzens, er hat sie nie verkauft. Die Apostaten verleugnen das Andenken ihrer Ahnen, schänden die Gräber ihrer Väter, verkaufen ihre Ehre, treiben Schacher mit ihrer Seele; ein solcher allein verdient wohl die Bezeichnung „Handelsjud". Aus der zweitausendjährigen Leidensgeschichte des Judentums wiffen wir, daß aus den Reihen der getauften Juden die schlimmsten und verbissensten Judenfeinde hervorgegangen. Bei den gräßlichsten Judenmetzeleien des Mittelalters hatten Renegaten die Hand im Spiele. Das hat seine offenkundigen Gründe. Der Abtrünnige hatte damals und hat noch heute

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