Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 355 Opfer zu beschützen. Die Kosten sollen von den in Betracht kommenden.jüdischen Organisationen zusammen getragen werden. Konferenzen, wie die jetzige, sollen von Zeit zu Zeit wiederholt werden. Die nächste soll von der englischen Organisation einberufen werden. Ebenso werden auch die Vorschläge Dr. Moretzkis betreffend die Schaffung jüdischer Komitees in den exponiertesten Städten, Organisierung des Schutzes alleinreisender Mädchen, Kooperation mit den Schiffahrtsgesellschaften und schließlich als Mittel hierzu Schaffung eines Verbandes aller jüdischen Organisationen, in deren Arbeitsprogramm die Bekämpfung des Mädchenhandels enthalten ist. Lebhafte Debatte erweckt Israel Zangwill mit seiner Rede, in welcher er seinen Pessimismus gegen die Erfolge der Konferenz ausspricht. Er wiederholt, die Frage sei keine speziell jüdische. Die Hauptursachen des Ueberhandnehmens des Mädchenhandels unter den Juden seien, daß die Juden ihrer Religion gegenüber immer gleichgültiger werden und daß sie kein eigenes Land besitzen. Wenn der Jude, der gewöhnt ist, den Sabbath zu Hallen, in ein Land kommt, wo ihm dies unmöglich gemacht wird, verliert er sein religiöses Gleichgewicht, das die Grundlage jeder Moral ist. Die Not reifet sozusagen ein Stück Heiligtum aus seiner Brust und reifet oft nicht nur ein Stück, sondern das ganze Heiligtum mit sich. In einem eigenen Lande, in dem der Jude nach alter Tradition leben könnte, könnte auch der Mädchenhandel nicht Wurzel fassen. Er greift die „Jca" an, die die Juden nach der ausgelassensten Stadt der Welt, nach Vuenos-Aires, gebracht habe, ohne ihnen dort die Möglichkeit zu schaffen, ihr altes jüdisches Leben fortzuführen. In Buenos-Aires werden von den notorischen Mädchenhändlern die Orthodoxie, die zur Erhaltung der breiten jüdischen Masse unerläßlich sei, in niederträchtigster Weise verunglimpft, indem sie eine eigene Bethausorganisation schufen, der sie den Namen „orthodox" gaben. Dagegen müsse jeder gute Jude protestieren. Schließlich beantragt er, daß die zu schaffende internationale Organisation, soll sie überhaupt welche Erfolge erzielen. sich nicht ausschließlich mit der Frage der Bekämpfung des Mädchenhandels, sondern mit der Emigrationsfrage im allgemeinen befassen, da die Frage des Mädchenhandels eigentlich ein Problem im Emigrationsproblem ist. In diesem Sinne schließt er sich dem Anträge Dr. Moretzkis an. Nach langen, erregten Debatten, Berichtigungen und persönlichen Bemerkungen wird der Antrag Zangwills abgelehnt. Der übrige Teil der Konferenz wurde mit Tätigkeitsberichten der in der Konferenz vertretenen Vereine ausgefüllt. Die Judenpogrome i« Rußland. Just in dem Augenblicke, da Stolypin der vor ihm erschienenen Rabbinerdeputation und ihrem Führer Baron Ginzburg erklärte, „man müsse die Juden erst erziehen, daß sie dem Kaiser und dem Vaterlande treu seien", Baron Ginzburg aber schlagfertig darauf erwiderte, es gehe den Juden sehr schlecht, und. wenn man von ihnen fordere, daß sie sich gut aufführen, müsse man sie auch dementsprechend behandeln, gerade jetzt, da dieses merkwürdige Zwiegespräch geführt wurde, erscheint, gleichsam um die Worte des tapferen Vertreters der Juden zu illustriere«, ein Werk, das die ganze Leidensgeschichte der Juden Rußlands in den letzten 29 Jahren mit einer furchtbaren Naturtreue schildert, ein Werk, das den alten Marthrologien, Nekrologien und Memorbüchern gleicht und beweist, daß das Mittelalter für unsere Brüder in Rußland noch lange nicht zu Ende ist. In der Tat ein Stück zeitgenössischer Kulturgeschichte enthalten diese beiden Lexikonbände, welche „Die Judenpogrome in Rußland"*) schildern. Man mag zuerst vor den beiden dickleibigen Bänden, von *) Herausgegeben im Aufträge des Zionistischen Hilfsfonds in London von der zur Erforschung der Pogrome eingesetzten Kommission. I. Allgemeiner Teil. II. Einzeldarstellungen. Köln und Leipzig. Jüdischer Verlag, 1910. »zusammen nahezu 1000 Seiten, einen gelinden Schrecken fühlen, je Wmehr man sich aber der Lektüre dieses hervorragenden Quellenwerkes Wngibt. desto mehr wird das Interesse gefesselt. Das ist kein trockenes i Geschichtswerk, das uns vorliegt, wir erleben vielmehr gleichsam die blutigen Vorgänge wieder, die sich in Rußland von Riga bis Odessa, von Warschau bis Jekaterinoslaw, besonders in dem furchtbaren Jahre 1903 und in den Oktobertagen von 1905, abfpielten. Die Untersuchungen über die Pogrome in Rußland liefern aber zugleich einen wichtigen Beitrag zur Aufhellung der Situation der Juden in Rußland. Zwanzig Spezialvertreter befaßten sich damit, im Aufträge des Zionistischen Hilfsfonds die Po rome zu untersuchen, ihre Ursachen, die treibenden Persönlichkeiten, die gesellschaftlichen Erscheinungen und die furchtbaren Wirkungen dieser in der Geschichte vielleicht einzig dastehenden Metzeleien, gegen welche die Pläne Hamans im alten Perserreiche, die Greuel der Kreuzzüge und der Zeit des „schwarzen Todes" fast wie Kinderspiele anmuten. Hunderte von freiwilligen Mithelfern förderten das Werk der Untersuchungsenquete, die juristischen Kommissionen, die Hilfskomitees, darunter der Hilfsverein der deutschen Juden, überließe» ihre Materialremammlung der Enquete und so besitzen wir jetzt eine Geschichte der Pogrome in Rußland, wie wir sie erschöpfender und gründlicher kaum zu denken vermögen. Am ausführlichsten find die Pogrome vom Oktober 1905 behandelt. Diese waren der für die Juden so unheilvoll gewordenen Erlassung des Verfassungsmanifestes gefolgt. Nicht weniger als 85 Pogromstätten, von Ismail bis Saratow, wurden aufgesucht und die Enquete hat ihre Untersuchung an diesen Stätten mit Hilfe von Ortsbewohnern gründlich durchgeführt. Aber sie begnügte sich nicht allein, ihre Untersuchung dem schrecklichen Oktober von 1905 zuzuwenden. Sie hat auch in ihren Kreis die Massakres vor und nach dem Jahre 1905 gezogen. Ans die Zeit Alexanders III. greift sie zurück, der seinem Vater am 13. März 1881 in der Regierung folgte und den Zarismus mit selbstherrlrcher Gewalt betonte. So werden denn zunächst die Krawalle behandelt, welche seit dem Regierungsantritte des dritten Alexanders, seit 1881 bis zum Jahre 1902, auf polnischem Gebiete sich abspielten. Nach einer Einleitung, welche den Zweck und die Methode der ganzen Arbeit auseinandersetzt und nachdem wir auch mit dem wahrhaft erschöpfenden Fragebogen bekannt gemacht wurden, der allen Untersuchungen der Pogromorte zugrunde gelegt ist. schildert A. L i n d a u als „das Prototyp des Pogroms in den Achtziger- Jahren". zunächst die Pog'vmepoche von 188 i—1883. Die zweite stürmischere war die von 1903—1906. Vereinzelte Judenmassakres kamen aber auch in der Zwischenzeit vor, so in Nischni-Nowgorod 1884, in Starodub 1891, in Lodz und Jusowka 1892, in Spola 1897, in Nikolajew 1899. Die Juden konnten in dieser Zeit nie zur absoluten Ruhe gelangen. Es wurde aber auch in diesen Jahren eine Anzahl von gesetzlichen Beschränkungen gegen die Juden geschaffen. Durch diese sollte nicht nur ihre materielle Existenz untergraben werden, sondern sie wurden auch völlig einflußlos im öffentlichen Leben gemacht und in den Augen ihrer Mitbürger gänzlich herabgewürdigt. Man kann demnach in der Tat von einem „permanenten Pogrom gegen die ruffischen Juden" in der Zeit von 1882 bis 1903 sprechen, wenn man von den Rechtsbeschränkungen hört, die ihnen auferlegt wurden. Diese werden in einem eigenen Kapitel von A. Linden ansgeführt. Es zeigt dieser Abschnitt den „fürsorglichen Wohltätigkeitssinn der russisch n Regierung gegenüber den bedrohten und von ihr so eigenartig geschützten Juden." In einem folgenden Kapitel schildert I. G r ü u b a u m die Pogrome in Polen seit 1881. Wir bekommen hier nicht nur einen Einblick in die Pogrombewegung, sondern auch in die ganze geschichtliche Entwicklung der Juden seit ihrer rechtlichen Gleichstellung im Jahre 1862. Am Ende der Siebzigerjahre beginnt der moderne polnische Antisemitismns aufzuleben, es entstehen rein antisemitische Zeitschriften und besonders die Jelenskische Broschüre „Juden, Deutsche und wir" formuliert genau die national-katholischen Momente des polnischen Antisemitismus. Im folgenden Kapitel schildert A. L i n d e n „Die Dimensionen der Oktoberpogrome" von 1905. Diesen war schon 1903 das furchtbare Blutbad von K i s ch e n e w vorangegangen. Es gehört zn den Voroktoberpogromen, zu denen auch die von Homel 1904, von Sch'tomir 1905, Trojanowo 1905, Bialystok und Kertsch in demselben Jahre zu zählen sind. Es würde den Rahmen dieser anspruchslosen Besprechung des uns vorliegenden Quellenwerkes übersteigen, wollten wir die Einzelheiten dieser Metzeleien auführen, deren Schauplatz die genannten Städte waren. Man lese darüber in den Einzeldarstellungen des II. Teiles des vorliegenden Werkes nach, um die ganze Tragödie eines furchtbar gepeinigten Volkes zu erfassen, dem jetzt Stolypin Untreue gegen Kaiser und Vaterland zum Vorwurfe macht. Das Drama von Kischenew April 1903, welches noch in unser aller frischer Erinnerung lebt, wurde bekanntlich von dem Manne heraufbeschworen, dessen Name mit Entsetzen wird genannt werden müssen, der zu den fanatischesten Führern des „Verbandes der echt russischen Leute" des „Schwarzen Hundert" gehörte und der in dem von ihm herausgegebenen Blatte „Bessarabetz" unausgesetzt gegen die Juden schürte, bis er die blutigen Peffachtage über die Juden Kischenews heraufbeschwor, an die wir noch jetzt, 7 Jahre nach jenem Blutbade, mit Schaudern und Grausen denken. Dieser Mann war Pawolaki Kruschewan, der nun vor einem höheren Richter das unschuldige Blut verantworten mag, das er vergossen.