Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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©eite 256 Dr. Vlochs Wochenschrift. lir. 15 Und noch einmal trat dieser russische Haman — wieviele gab und gibt es deren nicht — in den Oktobertagen 1906 hervor. Das (Srinet, auf dem die Oktoberpogrome sich abspielten, erstreckt sich über die Gouvernements Beffarabien, Cherson, Tauricn, Jekaterinoslaw. Poltawa, Tschernigow, Kiew und Podolien. Es war in den Tagen Wischen dem 16. und 29. Oktober 1905, in denen die Juden die furchtbarsten Verfolgungen einer gepeinigten Raffe zu verkosten bekamen. In nicht weniger als 660 Orten fanden in dieser Zeit Pogrome statt. Welch eine Summe von Torturen hatten unschuldige Menschen in diesen Tagen zu erleiden von Seite einer Bande, deren Bezeichnung „Hooligans" alle Schrecken heraufbeschwört, die man mit den Flagellanten, den Schwarmgeistern, den Armleder und Rindfleisch des Mittelalters verbindet. Man lese in dev Einzeldarstellungen namentlich den Artikel „O d e s s a" nach, um einen Begriff davon!tu bekommen, wessen die entfesselte b&e humaine fähig ist. Nebenbei führen wir es auch als einen Vorzug dieser gründlich gearbeiteten Einzeldarstellungen an, daß sie uns ein Bild von der Entwicklung ui d der Einwohnerstatistik der von den Pogromen heimgesuchten Städte geben. So kann denn besonders die Schilderung Odessas, dieser eigenartigen bedeutenden Stadt Rußlands, als eine geradezu klassische bezeichnet werden. Die Stadt hatte 1897 eine Gesamtbevölkerung von 403.815 Einwohnern, darunter 138.935 Juden. Schon mit dem ersten Begründer der Stadt De-Ribas 1789 kamen die ersten Juden. Im Jahre 1792 hatten sie einen eigenen Friedhof. Sie wohnten in einem „Ghetto" am Abhange des Woronzow-Berges. Durch die Feindseligkeiten der Griechen hatte sich Odeffa schon 1821 eines Pogroms „zu rühmen". Pogrome fanden in dieser Stadt ferner 1849, 1659 (zu Ostern), 1671, 1881, 1900 und schließlich 1905 statt. So haben wir es hier in der Tat mit einem historischen Pogromboden zu tun. Besonders feit den Oktobertagen 1805 ist Odeffa ein Hauptsitz der Hooligans geworden, durch welche immer neue Exzesse angeregt werden können. In solcher Weise hat die Verkündigung der „Konstitution" in Odeffa und vielen anderen Orten den Juden den ersehnten Frieden gebracht. Und der Stadthauptmann Odessas, Kammerherr Neidhart — nomen— omen — an den sich die Juden händeringend, hilfeflehend wandten, konnte ihnen die bissigen Worte zurufen: „Ich kann nichts machen, ihr wolltet Freiheit! Da habt ihr euere Judenfreiheit!" Den Hooligans, den Bluthunden aber sagte er: „Ich danke euch Brüder!" Ein brausendes „Hurra" antwortete diesem sonderbaren Stadthauptmanne. Ein sehr ausführliches Kapitel wird in den Einzeldarstellungen auch Kiew, der „Mutter der russischen Städte", gewidmet. Die Materialien über den Kiewer Pogrom vom 16. bis 20. Oktober hausten sich in einer solchen Weise an, daß es nicht einmal möglich war, sie in der Monographie der Einzeldarstellungen zu erschöpfen. Auch das Jahr 1906 brachte noch keine Ruhe. Homel, Bialhstok und Sjedletz sind traurige Beweise dafür. Und so lese mau im I. Teile unseres Werkes noch nach, was Linden über die Bureaukratie und die Pogromorganisation und die verschiedenen gesellschaftlichen Erscheinungen Rußlands in den Pogromtagen des Oktobers 1905 sagt, dann wird man nicht allein einen Einblick in das Getriebe dieses noch immer asiatischen Staatswesens erhalten, sondern auch verstehen, wie es zu diesen blutigen Exzeffen kommen konnte. Doch damit ist den armen gepeinigten Juden wenig geholfen, über denen das Damoklesschwert entmenschter Massen noch immer schwebt. Jedermann, der sich für die Kulturgeschichte der Gegenwart interessiert, sollte das vortreffliche Werk über die Judenpogrome in Rußland lesen. Er wird daraus viel Belehrung schöpfen und erfahren, wie wahr das Wort Voltaires ist: „Wir haben die Menschen nicht anders verlassen, als wir sie gefunden haben, nicht gescheiter und — nicht beffer". _ Dr. M. Grünfeld. Korrespondenzen» Der 70. .Geburtstag des Vizepräsidenten Dr. Gustav Nohn. Die Feier seines 70. Geburtstages brachte dem Vizepräsidenten der isr. Kultusgemeinde ganz exzeptionelle Ehrungen und eine Unzahl herzlichster Aeußerungen der Sympathien. Zweifellos manifestierte sich in diesen zahllosen Kundgebungen der Sympathien und Verehrung eine ganz außergewöhnliche Popularität des Jubilars, deren Geheimnis in dem liebenswürdigen Herzenszua begründet sein mag. der ihn seit je befähigt hat, Verdienste Anderer freudig und neidlos anzuerkennen und zu würdigen. nv>-cn n« -DDon ,-cdö mr* lautet ein bekannter Satz in den Sprüchen der Väter. (IV, 1). In sämtlichen Wiener Gemeinde- und Vereins- Synagogen wurde beim Sabbatgottesdienst im Gebete des Vizepräsidenten besonders feierlich gedacht. Beim Festgottesdienste im Stadttempel, an welchem außer dem Jubilar der gesamte Vethausvorstand, der Präsident der Gemeinde und der gesamte Beamtenkörper anwobnten. brachte Oberkantor kaiserl. Rat Singer einen von ihm verfaßten Mischeberach zum Vortrage. Oberkantor Fuchs versah die Funktion beim Mussafgebet. Beim Aufrufen zur Thora wurden ansehnliche Beträge für die zu errichtende Doktor GustavKohn-Wohltätigkeitsstiftung", deren Zweckbestimmung dem Jubilar Vorbehalten jft, gewidmet. So von den Mitgliedern des Bethausvorstandes durch den Vizepräsidenten Dr. Markus Spitzer 3500 Kronen. Der Jubilar wurde als Maftir aufgerufen und Oberrabbiner Dr. Güdemann hielt an ihn eine schwungvolle und herzliche Ansprache namens der Gemeinde, die in Glück- und Segenswünsche ausklang. — Auch in den anderen Synagogen sind zahlreiche Spenden für die zu Ehren des Jubilars zu errichtende WohltätigkeiMiftung vollzogen worden. Samstag, den 9. d. M., abends, veranstaltete der Bethausvorstand zu Ehren seines Präsidenten ein Festbankett, bei welchem nach dem greisen Rabbiner Dr. S ch m i e d l der Präsident der Gemeinde, Dr. Alfr. S t e r n, in schwungvoller Rede den Jubilar feierte und in einer geistreichen Ansprache Herr Dr. Spitzer als Ehrengeschenk des Vethausvorstandes eine vom Bildhauer Löwenthal modellierte Silberplakette, die ein wohlgelungenes Porträt des Gefeierten darstellt, überreichte. Weitere Toaste sprachen noch Rabbiner Dr. David, kais. Rat Dr. Lieben und Bethaussekretär Braun. — Vom Chordirektor Professor Sulz er dirigiert, brachten nun die Männerchöre des Stadt- und Leopoldstädter-Tempels Beethovens „Ehre Gottes", Brahms' „Wiegenlied" und ein von Professor Sulz er vertontes reizendes Dialektliedchen in trefflicher Einstudierung zum Vortrag. Sonntag vormittags fand in der Wohnung des Jubilars der Empfang der Gratulationsdeputationen statt. Unter Führung des Präsidenten Dr .Alfred Stern und des Vizepräsidenten Hofrat Dr. Rappaport erschien der gesamte Kultusvorstand und überbrachte mit einer entsprechenden Anrede dem Jubilar eine in meergrünem Leder ausgeführte und mit modernen Altsilbsrornamenten und kunstvollen Schließen gezierte Gratulationsadresse, die in herrlicher, künstlerischer Ausführung nebst dem Gratulationsschreiben ein Album mit den Bildern sämtlicher Kultusvorsteher enthält. In der Adresse sind die Verdienste des Jubilars um die Erhaltung und Entwicklung der Gemeindeinstitutionen, um den Frieden in der Gemeinde, seine Tätigkeit im Landesschulrate, seine Verdienste um die Schaffung und Entwicklung des Gemeindebundes, sein treues jüdisches Herz und seine persönliche Liebenswürdigkeit rühmendst dargestellt. Gleichfalls vom Präsidenten Dr. Stern geführt war die Vertretung des Allg. Oesterr.-Israel. Bundes. Die Adresse dieser Körperschaft brachte Sekretär Jakob Kraus zur Verlesung. Das Ehren-Damenkomitee der israelitischen Versorgungsanstalt erschien, geführt von seiner Präsidentin Frau Jda Diamant, die Bibliothekskommission der israelit. Kultusgemeinde mit dem Obmann Kustos Dr. Frankfurter und Bibliothekar Dr. Münz. — Vom Kuratorium der israel.-theol. Lehranstalt überbrachten die Herren Moriz Edler v. K u f f n e r und Dr. Adolf Stein eine tunst- und geschmackvoll ausgestattete Adresse. — Die Glückwünsche des Jüdischen Museums .überbrachte Hofrat Prof. Dr. Pollitzer, die der türk.-israel. Gemeinde Präsident Licco Adutt mit den Vorstehern Hassan und S u s s i n. Für die niederösterr. Advokatenkammer erschien Präsident Dr. v. Feistmantel. Die Israel. Allianz zu Wien gratulierte durch ihren Präsiden-