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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-04-15 · 15 (15.4.1910) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
15 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 254 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 15 Partei kaum irgend eine Beachtung finden. Jedenfalls haben die jüdischen Wähler recht, wenn fie fragen, warum die Herren Renegaten, welche dem Judentum den Rücken gekehrt haben, ihre Kandidaturen für den Gemeindcrat nicht in Mariahilf oder in einem anderen Bezirke aufstelleu, aumelden und propagieren, wo ihre neuen Glaubensgenossen die Majorität bilden? Es ist bereits ein liberales Wahlkomitee zusammengetreten, um eine neue Kandidatenliste für die Wahl in der Inneren Stadt aufzustellen. Dieses Komitee hat an die jüdischen Wähler den folgenden Aufruf gerichtet: A« die jüdischen Wähler des ersten Bezirkes. Am 29. April d. I. finden die Wahlen in den Wiener Gemeinderat statt, durch welche der erste Wahlkörper der Inneren Stadt sieben Mandate zu besetzen haben wird. Dieser Wahlkörper ist einer der wenigen unbestrittenen liberalen Wiener Wahlbezirke, da nahezu 70 Perzent der Wähler dieses Wahlkörpers der jüdischen Konfession angehören. Im Interesse des fortschrittlichen Gedankens haben die jüdischen Wähler dieses Wahlkörpers bei allen früheren Wahlen Schulter an Schulter mit allen fortschrittlich gesinnten Wählern gegen die Reaktion gekämpft und niemals ihre Sonderinteressen hervorgekehrt. Auch diesmal waren die jüdischen Wähler bereit, mit dem fortschrittlichen Zentralwahlkomitee die liberale Kandidatenliste zum Siege zu führen. Jeder verläßliche liberale Kandidat hätte auch diesmal die einmütige Unterstützung der jüdischen Wähler gefunden. Aber eine Zumutung mußte die überwiegende Majorität der Wähler dieses Wahlkörpers, wenn sie nicht der Charakterlosigkeit geziehen werden wollte, mit aller Entschiedenheit zurückweiseu: daß ihr -Kandidaten aufoktroyiert werden, die das Judentum schnöde verlassen und durch diesen Schritt das Ansehen der jüdischen Konfession geschädigt haben. Durch die Unterstützung solcher Kandidaten würden die jüdischen Wähler die ohnehin um sich greifende Abfallbewegung gewissermaßen prämiieren uud aufm untern. Auf diese Zumutung haben wir nur eine wirkungsvolle Antwort: Den Stimmzettel. Durch Ablehnung der aus dem Judentum ausgetretenen Kandidaten uud unsicheren Liberalen soll am Wahltage kundgetan werden, daß die jüdischen Wähler wohl keine Sonderinteressen vertreten wollen, aber entschlossen sind, jeden Affront gegen ihre Ehre als Religionsgemeinschaft abzuwehren. Zur Vertretung dieses Standpunktes hat sich ein Wahlkomitee fortschrittlicher Wähler gebildet, das Samstag den 16. April 1910, abends, Uhr. im Restaurant Tischler, I., Schauflergaffe 6, seine erste Wählerversammluug abhält, zu welcher Euer Hochwohlgeboren hiermit höflichst eingeladen werden. Das Wahlkomitee fortschrittlicher Bürger der Inneren Stadt. Ludwig Fuchs, Weiugroßhändler, I., Bartensteingaffe 9; Samuel Goldman«, Chef der Firma Brüder Goldmann, I., Franz Josefs-Kai 19; Dr. Ludwig Herzberg-Fränkel, I., Rathausstraße 13; Bernhard Hofbauer, Chef der Firma Ad. & B. Hofbauer, I., Franz Josefs-Kai 13; Philipp Kasfowitz, Chef der Firma I. M. Netschek, I., Gonzagagaffe 9; Julius Kopsteiu, Hausbesitzer, I., Neuthorgaffe 19; Julius Leiuer, Fabriksbesitzer, I., Dominikanergasie 17; Dr. Hugo Leiuer, Hof- und Gerichtsadvokat, I., Auerspergstraße 4; Dr. Karl Lifezis, Hof- und Gerichtsadvokat. I. Eßlinggaffe 18; Ferdinand Lichleustadt, Prokurist, I., Führichgasse 5; Siegmund Mandl, Verwaltungsrat, Chef der Firma M. u. I. Mandl, I., Rathausstraße 7; Ing. Emil Pollitzer, Chef der Firma Pollitzer & Co., 1., Rockhgaffe 2; Felix Stein, Prokurist der Aktien-Gesellschaft für Fezfabriken, I., Kärntnerring 15; Dr. Gustav Strausky, Hof- und Gerichtsadvokat, I., Neuthorgaffe 4. Taft bei den „Bene Berith". Präsident Taft hielt am 7. April bei einem Bankett der jüdischen Vereinigung „Bene Berith" in Washington eine Rede, worin er seiner tiefen Bewunderung für die Juden Ausdruck gab, weil sie ausgezeichnete Bürger seien und Gesetz und Ordnung liebten. Er sei erfreut, daß sie in dieses Land gekommen seien. Dieses Betragen des nordamerikanischen Präsidenten hat bei den Wiener Antisemiten Entsetzen erregt. Daß man in Newyork auf doch notorisch bekannte Gesinnungen und Empfindungen der Wiener Rathausmänner und des biederenErbürgermeistersvon Mühldorf sowenig Rücksicht nimmt, mußte stark verstimmen. Ginge es nach ihnen, hätte der Kaiser von Oesterreich den ehemaligen Präsidenten der Union jedenfalls nicht in Audienz empfangen dürfen. Von der jüdischen Konferenz gegen den Frauenhandel. Am 4. und 5. April fand in London die erste jüdische Konferenz gegen den Mädchenhandel statt. Es waren Delegierte aus allen europäischen Ländern, wie auch aus Amerika erschienen. Die Konferenz wurde vom Chief-Rabbi Dr. Adler mit einem Gebete eröffnet, worauf Mr. Claude Montefiore die auswärtigen Gäste begrüßte. Die Plage des weißen Sklavenhandels, erklärte er, ist keine spezifisch jüdische Plage und trägt auch keinen spezifisch-jüdischen Charakter. Die schreckliche Lage der Juden in den östlichen Ländern habe jedoch auf die Juden auch in dieser Beziehung einen ungünstigen Einfluß geübt. Lady Bettersea weist darauf hin. daß die Juden Jahrtausende hindurch selbst von ihren Feinden als das Muster sittlicher Reinheit und keuschen Familienlebens anerkannt wurden, und es bedeute für das Judentum ein Unglück, daß es jetzt in die Zwangslage gerate, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Aber wie bei jeder Rettungsaktion, wollen auch hier die Juden in vorderster Reihe kämpfen. In gleichem Sinne sprach im Namen der französischen Delegierten Ladn D e s a r t. Den ersten Punkt der Tagesordnung bildete die Frage: „Welche Mittel sollen angewendet werden, um festzustellen, in welchem Maße jüdische Männer und Frauen am weißen Sklavenhandel beteiligt sind?" Mr. Arthur Morr legte in seinem Referate hierzu statistische Daten zur Verfügung und gibt Mitteilungen darüber, wie jüdische Mädchen durch die Mädchenhändler vernarrt und dann nach dem Orient, Brasilien rc. verkauft werden, wo sie elend zugrunde gehen. Es sprachen hierzu Dr. Moretzki in Vertretung des Hilfsvereins deutscher Juden, Baron Alexander Günzburg- Petersburg. Miß Said American- Newyork, Dr. Sonnenschein- Troppau und Israel Z a n g w i l l. Es wurde auf Antrag Dr. Moretzki beschlossen, mit der Sammlung dieser Daten einen Verein zu betrauen. Israel Zangwill protestierte in seiner Rede dagegen, daß der Frauenhandel durch diese Konferenz als eine spezifischjüdische soziale Krankheit dargestellt werde, und vertrat die Ansicht, daß die Juden sich den allgemeinen Verbänden zur Bekämpfung des Mädchenhandels anfchließen sollten, da der Mädchenhandel eine allgemeine soziale Plage ist, von der die anderen Völker im selben, wenn nicht in höherem Maße betroffen werden, wie das jüdische. Nach einer kurzen Erklärung des Vorsitzenden entschied sich die Konferenz gegen die Ansichten Zangwills. Großen Eindruck machten die Ausführungen des Fräuleins Bertha Pappenheim, nach denen ihre folgenden Anträge angenommen wurden: In den verschiedenen Seehäfen werden eigene Agenten und Aufseher angestellt, um die Umtriebe der Mädchenhändler zu überwachen und die

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