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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-04-15 · 15 (15.4.1910) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
15 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 252 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 15 sorisch gemacht werden sollen. Denn unsere „moderne Jugend" kennt keinen Zweig menschlichen Wissens so wenig als die Geschichte und Literatur ihres eigenen Volkes, sie schämt sich keiner unedlen Denkungsart, keiner unmoralischen Handlung so sehr als dessen, Jude zu sein, und keines ihrer Bande ist so lose geknüpft, als dasjenige, das sie mit dem ältesten Kulturvolle, mit dem humansten aller Völker des Altertums und dem Pionier im Kampfe der Menschheit für Kultur, Gleichberechtigung und Freiheit historisch verbindet.. „Wenn der Antisemitismus bekämpft werden soll, mutz beim „jüdischen Antisemitismus" begonnen werden." „Wir wollen das Organ werden, welches für das Judentum tätig ist, beratschlagt und handelt, der Mittelpunkt, der die Gemeinsamkeit der österreichischen Juden vertritt, eine Adresse bildet, an welche sich die Tatsachen, die Beobachtungen, die Ratschläge für Hilfsmittel wenden können..." „Unsere Aufgabe ist zunächst: die Hebung des Judentums in fremden und in den eigenen Augen, der Kampf nach Innen gegen die schmachvolle Selbstpreisgebung und Erniedrigung und die Wiedergewinnung der beinahe uns ganz entfremdeten jüngeren Generation für unsere ruhmreichen, vieltausendjährigen Traditionen, ferner eine Abwehr der Agitation, welche gegen uns und gegen Toleranz und Humanität geführt wird, eine Niederhaltung jener Bestrebungen, welche auf eine Verschärfung der konfessionellen und Rassengegensätze hinzielen..." Die Rede fand rauschenden Beifall.' Hierauf folgte bei Umgang von einer Verlesung der Statuten einstimmig die Genehmigung derselben. Die ersten beiden Paragraphe der Statuten lauten wie folgt: tz 1. Der Zweck des Vereines ist. den Sinn für die jüdische Wissenschaft und die Angelegenheiten des Judentums unter den österreichischen Juden zu heben, die über das Judentum verbreiteten Jrrtümer und Vorurteile aufzuklären und zu beseitigen, endlich die auf Verschärfung der konfessionellen und Rassengegensätze gerichteten Bestrebungen zu bekämpfen. Z 2. Der Verein macht sich insbesondere zur Erreichung dieses Zweckes zur Aufgabe: 1. Die Erörterung von Gegenständen aus dem Gebiete der Geschichte und der Wissenschaft des Judentums in öffentlichen Vorträgen und Zeitschriften, 2. die Erörterung aller das Judentum betreffenden Beratungsgegenstände des österreichischen Reichsrates und Stellungnahme denselben gegenüber durch Petitionen, Resolutionen und dergleichen, 3. die Anstrebung der durch die berufenen Faktoren der Gesetzgebung und Exekutive herbeizuführenden a) Hebung des jüdischen Religionsunterrichtes und grötzeren Pflege der religiösen Erziehung der israelitischen Jugend, b) Regelung der äutzeren Rechtsverhältnisse dex israelitischen Religionsgenossenschaften in Oesterreich vermittelst einer sämtliche Kultus gemeinden Oesterreichs umschlietzenden gemeinsamen Verfassung. c) Errichtung einer Hochschule in Wien zur Pflege der Geschichte und Wissenschaft des Judentums und zur Heranbildung wissenschaftlich gebildeter jüdischer Seelsorger für österreichische Kultusgemeinden. Den nächsten Punkt der Tagesordnung bildete die Wahl des Vorstandes, die mittelst Akklamation einstimmig erfolgte, und zwar wurden, nachdem Dr. Bloch den Eintritt in den Vorstand mit Rücksicht auf seine politische Stellung entschieden abgelehnt hatte und dem Bedauern hierüber wie auch der Anerkennung und dem Danke für sein ersprietzliches Wirken im vorbereitenden Komitee Herrn Abgeordneten Dr. Bloch durch Erheben von den Sitzen von der Versammlung Ausdruck gegeben worden war, nachdem ferner Gemeinderat Dr. A. Stern, Landesschulrat Dr. Fürth ihrerseits ebenfalls die Annahme eines Vorstandsmandates, Dr. Zins die Kandidatur für das Präsidium abgelehnt hatten, nach einer Debatte, an der sich die Herren Beer und L. Lang beteiligten, folgende Herren gewählt: zum Präsidenten Herr Heinrich Berger, Chef des Grotzhandlungshauses S. Berger u. Sohn, und zu Vorstandsmitgliedern die Herren: S. G. Fischel, Bankier; Dr. Grünfeld, Universitätsdozent; Hermann Haber, Kaufmann: Dr. Jacob Kohn, k. k. Landesgerichtsadjunkt; Bernhard Kanitz, Kaufmann; Dr. Emil Pins, praktischer Arzt; Dr. Adam Politzer, k. k. Universitätsprofessor; Dr. Gustav Ritter v. Schlesinger: Dr. Sigmund Zins, Hof- und Gerichtsadvokat. Den Schlutz bildete ein sehr beifällig aufgenommener Vortrag Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiners und Predigers Dr. Güdemann: „Ueber die Bedeutung der jüdischen Wissenschaft für das Judentum." Herr Dr. Güdemann begrützte zunächst den Verein wegen seines im § 1 gezeichneten Zweckes. Die Veranstaltung populär-wissenschaftlicher Vorträge über jüdische Geschichte und Literatur ist in Wien ein Novum, entspricht aber einem tiefempfundenen Bedürfnis. Nur mit den Waffen der Wissenschaft könne den Anklagen der Judenhasser erfolgreich entgegengetreten werden. Wäre eine richtige Kenntnis des Judentums und seiner Literatur in der Bevölkerung mehr verbreitet gewesen, es hätten gewisse Prozesse, wie die zu Tisza- Eszlar, Münster usw., gar nicht entstehen können. Gegenüber - den Anklagen wegen unserer angeblichen Arbeitsscheu, Ausbeutung fremder Arbeit, unseres sprichwörtlichen Reichtums können wir auch bloß mit den Waffen der Wissenschaft, einer wissenschaftlichen Statistik der Gegenwart und einer Vergleichung der Leistungen und Lehren des jüdischen Volkes mit denen der übrigen Völker in der Vergangenheit siegreich antworten. Die Geschichtskenntnis gibt uns auch Mittel an die Hand, die Verdienste der Juden um die allgemeine menschliche Kultur mit Erfolg gellend zu machen. Redner schildert ausführlich die Verdienste der Juden um die Erhaltung der klassischen Literatur, welche sie von den Arabern den christlichen Völkern gebracht haben; ihre ganz besonderen Verdienste als Lehrmeister der Reformatoren: er erinnert an den berühmten Talmudstreit zwischen Johann Reuchlin und den Dunkelmännern, welcher der Reformation vorangegangen war und für sie die Geister vorbereitet hatte. Allein nicht blotz zur Verteidigung nach autzen, sondern auch zur Veredlung nach innen soll die Wissenschaft gepflegt werden. Die Predigt allein kann alle Aufgaben nicht erfüllen, welche die gegenwärtige Zeit von dem Judentum fordert. Nur die Wissenschaft vermag uns eine bessere Kenntnis des Judentums, eine richtige Wertschätzung seiner Vergangenheit beizubringen: sie allein kann uns auch vor eitler Selbstüberhebung und jener lächerlichen Ueberschätzung des eigenen Wertes bewahren, welche sich oft an uns nicht minder rächt, als die Selbsterniedrigung und Selbstverachtung. Redner begrützte deswegen den Verein zu seinem Unternehmen im Dienste der Wissenschaft des Judentums und wünscht, datz auch Damen zu den Vorlesungen Zutritt gewährt werden möge. Es gilt nicht blotz, das Interesse größerer und weiterer Kreise zu wecken und zu fesseln, es ist auch endlich an der Zeit, das jüdische Weib dem Judentum zurückzuerobern.

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