Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021889--19192-3044161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
tti 15 Dr. Blochs Wochenschrift. Veit- L-'.l Judentums, auf die Hebung und Förderung des jüdischen Stammesbewußtseins Einfluß zu nehmen, gegen den rapid um sich greifenden „semitischen Antisemitismus" Front zu machen und alle jene Bestrebungen, welche darauf hinzielen, die konfessionellen und Rassengegensatze zu verschärfen, nach Möglichkeit niederzuhalten. Ein provisorisches Komitee wurde gewählt, mit dem Aufträge, einer einzuberufenden größeren Versammlung den S t a t u t e n e n t w u r f für einen solchen Verein vorzulegen, das Programm für dessen Wirksamkeit klar zu formulieren. Mitglieder dieses Komitees sind: Dr. Zins, Dr. Bloch, Dr. Kohn, Dr. Pilz und Herr S. G. Fische!. Noch am selben Abend hielt das Komitee seine erste konstituierende Sitzung und wurde per Akklamation Herr Abgeordneter Dr. Bloch zum Obmann des Statutenkomitees gewählt, welcher jedoch mit Hinblick auf seine prononzierte politische Stellung nicht nur diese, sondern auch jede Wahl zu irgend einer Funktion in diesem Vereine ablehnte. „Ich will", sagte er, „mit Ihnen zusammen arbeiten an dem großen, gemeinsamen Werke, ich will Sie nach allen Richtungen mit all meinen Kräften fördern und unterstützen, allein zur Leitung Ihres Komitees bin ich der geeignete Mann nicht. Das Geschick hat mir die Stellung angewiesen auf dem vorgeschobensten Vorposten, den ich verteidigen muß. Der Mann, der auf einem gefahrvollen Vorposten steht, hat seinen Beruf und seine Pflicht, allein er ist nicht geeignet, zu leiten und zu dirigieren." Bei einer neuerlichen Wahl wurde Herr Dr. Zins zum Obmann, Herr S. G. Fischel zu dessen Stellvertreter, Herr Dr. Kohn zum Schriftführer des provisorischen Komitees gewählt. Mittwoch den 8. d. M., 7 Uhr Abends, fand zur Beratung des vom Herrn Dr. Zins vorgelegten Statutenentwurfs eine Komiteesitzung statt, bei welcher die Mitglieder in der Lage waren, von zahlreichen Beitrittserklärungen und ermunternden Zuschriften Kenntnis zu nehmen. In Nr. 15 erläuterte die „Oesterr. Wochenschrift" das Vereinsprogramin. Der Schluß des Artikels lautete: . -5. Ijj:;.. „Ans selber wollen wir verteidigen: allein das Schicksal will es. daß, indem wir für uns kämpfen, wir zugleich für göttliches und menschliches Recht kämpfen: für die Freiheit des Geistes und Gewissens: daß wir, mit der Notwendigkeit eines Kampfes beladen, für etwas kämpfen, was mehr ist als wir. was höher steht, als jede einzelne Nationalität: ein Kampf für uns. aber zugleich für die höchsten Prinzipien des Rechtes, für jene Ideen, welche die elementare Basis des Bestandes und des Fortschrittes des völkerreichen Oesterreichs bilden." „Die Idee unseres Vereines bat bereits in den weitesten Kreisen ein lebhaftes Ecko geweckt. Wir haben bereits schriftliche Zustimmungserklärungen aus Wien, Niederösterreich, Böhmen und Mähren erhalten. Das Bedürfnis nach einem gemeinsamen Mittelpunkt ist geweckt worden und wir hoffen, bald an die Konstituierung schreiten zu können, an die Wahl der Funktionäre und des Vorstandes, an dessen Spitze hochangesehene Männer, die im öffentlichen Leben seit Jahren sich bewährt haben, treten werden. Schriftliche Beitrittserklärungen wolle man an die Adresse des derzeitigen Obmannes des Statutenkomitees, Herrn Advokaten'Dr. Zins, Wien, I„ Schottenring, dirigieren." Nr. 18 der „Oest. Wochenschrift" desselben Jahres publizierte den ersten Aufruf nebst einem Auszug des Statutes, aus welchem wir die nachstehenden Schlußsätze herausheben: „Wie aus diesem Programme ersichtlich, wollen wir die Jugend und auch die Erwachsenen belehren und wieder heranziehen, die Erkalteten, die geistig Erstorbenen und Erstarrten wecken. Wir wollen die jüdischen Gemeinden Oesterreichs aus ihrer ohnmächtigen Isolierung herausreitzen und das geistige Band einer gemeinsamen Verfassung um sie schlingen. . Wir wollen das Organ werden, welches für das-"Judentum tätig ist, beratschlagt und handelt, der Mittelpunkt, der die Gemeinsamkeit der österreichischen Juden vertritt, eine Adresse bildet, an welche sich die Tatsachen, die Beobachtungen, die Ratschläge für Hilfsmittel wenden können: denn nichts von alledem haben wir bis heute. Unsere offiziellen Gemeindevertretungen können das nicht sein: sie sind durch die Grenzen ihrer Befugnisse beschränkt: es fehlt ihnen der Beruf, nach außen zu wirken. Unsere Aufgabe ist zunächst die Hebung des Judentums in fremden und in den eigenen Augen, der Kampf nach innen gegen die schmachvolle Selbstpreisgebung und Erniedrigung und die Wiedergewinnung der beinahe uns ganz entfremdeten jüngeren Generation für unsere ruhmreichen vieltausendjährigen Traditionen: ferner eine Abwehr der Agitation. welche gegen uns und gegen Toleranz und Humanität geführt wird, eine Niederhaltung jener Bestrebungen, welche auf eine Verschärfung der konfessionellen und Rassengegensätze Hinzielen. Wer aber da meint, daß durch eine derartige Vereinstätigkeit, wie die geplante, die antisemitische Agitation etwa geschürt und erweitert würde, den verweisen wir auf das Resultat der beinahe zehnjährigen Untätigkeit. Von unserer Seite ist nichts geschehen, wir verharrten in der Isolierung und Zersplitterung, und wir sind gleichwohl in einen Zustand geraten, von welchem wir sagen dürfen: Schlimmer kann's nimmer werden. Wir wenden uns daher mit vollstem Vertrauen und vollster Zuversicht in das Gelingen unseres Unternehmens und in das segensreiche Wirken unseres Vereines, mit jenem Vertrauen und jener Zuversicht, die uns das Bewußtsein für eine gute und gerechte, für eine heilige Sache zu kämpfen verleiht, an alle Juden Oesterreichs mit der dringenden Bitte, nach Kräften zum Entstehen und Gedeihen dieses Vereines beizutragen und baldigst Beitrittserklärungen an einen der Unterzeichneten zu richten. Wien, im Mai 1885. Das vorbereitende Komitee: Dr. Sigmund Zins, Hof- und Gerichtsadookat, Wien. I., Schollenring 33, S. G. Fischl, Bankier, Wien, I., Wipplingerstraße 38. Dr. Jacob Kohn, k. k. Landesgerichtsadjunkt, Wien, II., Obere Donaustraße 59, Dr. I. S. Bloch, Bezirksrabbiner, Wien. II.. Obere Donaustraße 65. Dr. E. Pins, prakt. Arzt, Wien, I.. Gon'agagasse 1. Am 24. April 1866 fand im Festsaal der niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer die konstituierende Generalversammlung der „Oest.-Isr. Union" statt. Unter den Anwesenden sah man u. a.: Gemeinderat und Kultusoorstand G. Simon, Gemeinderat und Vorstandsmitglied der „Israelitischen Allianz in Wien". Dr. Alfred Stern, Landesschulrat Dr. Fürth. Unioersitätsprofessor Dr. Adam Politzer, Universitätsdozeat Dr. Grünfeld rc. Der Obmann des vorbereitenden Komitees Hof- und Gerichtsadookat Dr. Zins eröffnete die Sitzung mit einer Rede, aus der wir nachstehende Sätze herausheben: „Wer mit Sinn und Herz für das Judentum die Verhältnisse beobachtet, unter denen in unseren Tagen in Oesterreich die Juden leben und die jüdische Jugend erzogen wird, der wird sich der betrübenden Ueberzeugung nicht verschließen, daß es rascher und zielbewußter Abhilfe bedarf, wenn nicht die mehrtausendjährige Geschichte der Juden eine wertlose Vergangenheit, die religiöse und ethische Erziehung unserer Jugend vollends untergraben, dir staaisgrundgesetzlich gewährleisteten Rechte der Juden in Oesterreich durch längst überwunden geglaubte konfessionelle Leidenschaften und Rassenkämpfe illu-