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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-04-08 · 14 (8.4.1910) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 14 Seite 244 Zu Dawid gewendet fuhr er fort: „Das ist also Ihr Vorgesetzter, dem Sie sich von jetzt ab fügen müssen. Ich selbst kann mich nicht um alle Ressorts kümmern." Herr Schmied nahm ein Buch zur Hand (wie es sich später zeigte, war es ein Steuergesetzbuch) und begann schnell zu diktieren. Dawid schrieb in höchster Eile und als er mit einer Seite fertig war, lieh sich Herr Schmied das Diktat zeigen. „Es ist eigentlich keine Schreiberschrift, wie wir sie brauchen," sprach er zu Herrn Pulverberg. „Ach, es geht, mein lieber Herr Schmied," bemerkte Herr Pulverberg, indem er einen raschen Blick auf das Blatt warf. „Nehmen Sie, bitte, mit ihm jetzt Rechnen vor." Mit Ach und Krach bestand Datoid die Prüfung im Schnellrechnen. Er war engagiert und konnte am nächsten Morgen die Stelle antreten. Dawid nahm seinen Hut. Langsam ging er die Stiegen hinunter, beim Portier vorbei und über einen hellerleuchteten Platz. Erst bei der nächsten Strahenbieaung lernen ihm die Tränen. XX. Kischenew. Als Dawid eines Abends zu Nachtigall kam, fand er die Stammtischgäste vollzählig versammelt. Doch heute herrschte Schweigen in dem Raume, der sonst von erregten Worten widerhallte, und Dawids Grub wurde von einigen nur mit einem stummen Nicken beantwortet. Markus näherte sich ihm mit einem Zeitungsblatt. Er deutete mit dem Finger auf eine Stelle und Dawid las, dah in Kischenew gegen die Juden ein — Pogrom stattgefunden habe, der in der Geschichte der Judenverfolgung einzig dastand... Langsam lieh er das Blatt sinken und sah Markus an, der mit geneigtem Kopf vor ihm stand. Dann fiel sein Blick auf die bleichen, traurigen Gesichter dieser jungen Leute und ein tiefes Mitleid erwachte in ihm. Niemand sprach — und was konnten hier auch armselige Worte nützen? Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Wieseltier kam hereingestürzt. „Habt Ihr es gehört?" schrie er. „Unsere armen Jüdalich! Wie Schafe hat man sie geschlachtet!" Er schlug sich mit den Händen ins Gesicht und Tränen rannen über seine Wangen . „Gut, dah ich Euch getroffen habe", fuhr er ilnter Schluchzen fort . „Das Herz ist mir stillgestanden, als ich es gehört habe. Ich bin durch die Gassen gelaufen und habe jemanden gesucht, mit dem ich mich aussprechen kann. Die Huligans baden sich in unschuldig jüdisch Blut... O weh, o weh, o weh!" Wieseltier begann an seinen Rocklappen zu zerren, es wollte ihm jedoch nicht gelingen, das Tuch zu zerreihen. Einer, der seine Absicht merkte, reichte ihm ein Messer und Wieseltier machte einen Einschnitt in sein Gewand. Dann fuhr er etwas ruhiger fort: „Krieje*) will ich um unsere toten Brüder tra? gen... Ich frage, warum konnte das geschehen? Weil wir unbeschützt sind! Weil wir den Feinden ausgeliefert sind! Morgen kann es in Galizien losgehen... Blut muh fliehen, damit Ihr sehend werden sollt, sonst glaubt Ihr es nicht..." Verzweifelt schlug er die Hände zusammen und ein Weinkramvf machte seinen Worten ein Ende. Man brachte ihm Erfrischungen, aber Wieseltier wollte nichts nehmen. Man muhte ihm die Hände festhalten, denn er wollte sich das Gesicht zerfleischen. Endlich beruhigte er sich und lieh sich von Dawid und Markus nach Hause führen. Sie stiegen mit ihm *) Nach altjüdischem Brauch machen die Leidtragenden bei einem Dodesfall^einen Riß in ihre Kleider. in seine armselige Kammer hinaus, halfen ihm, sich entkleiden und redeten noch eine Zeitlang auf ihn ein, dann brachte Markus Dawid nach Hause. Sie gingen schweigend, jeder in Gedanken und als Dawid im Dunkeln allein die Stiegen zu seiner Wohnung hinaufging, übermannte ihn eine Erregung, daß er still in sich hineinweinte. ... Auf den Fußspitzen ging er in sein Zimmer, denn aus der Küche hörte er die Stimmen seiner Wirtsleute und an diesem Abend wollte er einem Gespräch mit ihnen ausweichen. * * * Am Tage darauf waren Dawid und Adolf im Cafe zusammen. Dawids erste Worte galten den Kifchenewer Gräueln, aber Adolf zuckle nur mit den Achseln und als ihn Dawid fragend anblickte, sagte er ruhig: „Darüber rege ich mich nicht auf. Es ist ein Massenunglück. Lesen wir nicht jeden Tag von Katastrophen, denen Unschuldige zum Opfer fallen?" „Es sind aber unsere Brüder, die man gemordet hat," rief Dawid und seine Stimme bebte. Da legte Adolf die Zeitung weg und sah Dawid groß an. „Und wenn Bergleute in einem Schacht verunglücken, sind es nicht auch unsere Brüder?" fragte er. „Mir scheint, mein Lieber, Sie sind in letzter Zeit in schlechte Gesellschaft geraten. Weil hier die Opfer zufällig Juden sind, sollte es mich mehr berühren? Nehmen Sie sich in Acht, Dawid, Sie werden ein Zionist ..." i Das letzte Wort sprach er lächelnd, als freue er sich über einen gelungenen Witz. Dawid sagte nichts mehr und blickte durch das Fenster auf die Gasse. Der blaue Abend senkte sich über die Stadt. Doch er sah nicht die Gestalten, die sich in der Dämmerung vorwärtsbewegten. Im Geiste stellte er sich dieses russische Städtchen vor und hörte die Schreckensrufe der Ueberfallenen, denen keiner zu Hilfe kommen wollte... Eine Träne rollte langsam über seine Wange... Jetzt sah er zu Adolf hin — doch der sah wieder über seine Zeitung gebeugt. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Zum Andenken an Moritz Lazarus. Am 23. März 1910 waren es fünfzig Jahre, daß der Begründer der Völkerpsychologie Moritz Lazarus seine Antrittsvorlesung an der Universität in Bern hielt. Als eine willkommene Gabe für alle Verehrer des großen Völkerpsychologen erscheint in den nächsten Tagen eine Schrift: Ein deutscher Professor in der Schweiz. Nach Briefen und Dokumenten im Nachlaß ihres Gatten von Nahida Lazarus. Berlin W 35. Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung. Das Werk gibt jetzt '/, Bogen Titel, 12 V4 Bogen Text, 6 Seiten Register und 2 Seiten Inserate, also insgesamt 13 7« Bogen. Das Buch, obwohl völlig interkonfessionell und durchaus unterhaltlich gehalten, trotz des oft schwerwiegenden Inhalts, ist ganz besonders für gebildete Juden interestant. Ein ISjähriger Komponist. Ein frühreifes Genie präsentiert sich in den vorliegenden drei Musikstücken des 16jährigen Erich Rehberger in Belovar. Nocturne op. 1, Gamins; Marche de Salon, op. 2, Serenade; Morceau de Salon, op. 3, Wien, Otto M a a ß, VI., Mariahilferstraße 91. Die drei Stücke verraten ebenso feines musikalisches Empfinden, wie tüchtige Schulung und Kenntnisse. Der Weltruf der Firma Otto Maaß ist an sich schon ein Zeugnis und eine Bürgschaft für die Solidität der in ihrem Verlage erschienenen Kompositionen des jungen Musikers, aus welchen ein gediegenes Talent spricht, das alle Anerkennung und Aufmunterung verdient. Musikkritiker von Fach haben sich äußerst anerkennend über die Kompositionen geäußert und sie sind zweifellos respektable Leistungen. Dem jungen Musiker Erich Rehberger, der ein Sohn des Advokaten Dr. Bernhard Rehberger in Belovar ist, kann man eine bedeutende Zukunft vorher sagen.

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