Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 14 (8.4.1910)
- Date
- 1910-04-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 240 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 14 Wohnrecht außerhalb der „Tscherta" zu gewähren, damit sie nicht gezwungen seien, irgend ein Gewerbe zu maskieren, um als Rabbiner bleiben zu können. Stolypin versprach, die Frage in Erwägung zu zichen. Hiernach verdolmetschte Rabbiner Z i r e l s o h n den Dank der Rabbinerkoniniission für die Einberufung derselben und gab der Hoffnung Ausdruck, daß der Verbesserung der geistigen Bedingung auch die Besserung der materiellen Lage der Juden folgen werde. Stolypin antwortete hierauf, er könne hierauf nichts erwidern, da er nicht gewohnt sei, Versprechungen zu machen. Die Verbesserung der Lage der Juden werde erst in Zukunft und auch nur allmählich erfolgen können. Die Juden hätten an der Revolution zu starken Anteil genommen. Die Juden haben die alte jüdische Thora verlassen und eine neue nicht angenommen. Man müsse die Juden erst erziehen, daß sie dem Kaiser und dem Vaterlande treu seien (?) Stolypin wies hierbei besonders auf die revolutionäre Tätigkeit des „Bund" hin. Baron G in z bürg erwiderte dem Ministerpräsidenten sofort, daß die Juden sich an der Revolution in nur sehr geringem Maße beteiligt haben und daß auch andere Völker Rußlands an der Revolution Anteil nahmen. In Rußland gebe es unter 140 Millionen Bewohnern im ganzen 6 Millionen Juden. Es gehe den Juden sehr schlecht und wenn man ihnen zmufe, daß sie sich „gut aufführen" müßten, so müsse man ihnen auch sagen, daß sie dementsprechend behandelt würden. Hierauf wiederholte Stolypin daß er nicht in der Lage sei, Zuficherungen zu machen, und entließ die Deputation. Nikolaus I. rrud -er jüdische Soldat. Jetzt, wo die Taufepidemie unter der jüdischen Jugend in Rußland solche Verheerungen anrichtet, bloß um an die Universität zu gelangen, ist es intereffant, an ein Erlebnis des ehemaligen jüdischen Soldaten Peffach Grüngras zu erinnern, der jüngst im Alter von 92 Jahren in Nemirow gestorben ist. Peffach Grüngras, so erzählt der „Haed Hazman", gehörte noch zu jenen „Kantonisten", die im zarten Alter von zehn Jahren gewaltsam den Eltern entführt und ins Militär gesteckt wurden. Er diente bei der Garde in Petersburg, wo man ihn zwang, die Taufe zu nehmen. Nach fünfundzwanzigjähriger Dienstzeit kehrte er in seine Heimat zurück. Seine Mutter war längst gestorben, auch Verwandte hatte er keine und so lebte er einsam und verlassen von Allen, da er mit den Christen keinen Verkehr suchte und die Juden ihn mieden. Er nahm auch keine Frau, da er eine Christin nicht heiraten wollte und eine Jüdin nicht heiraten durste. So fristete er in Kummer sein Leben als Holzhacker. Eines Tages hörte er, Kaiser Nikolaus I. komme nach Winitza zu den Manövern. Grüngras kaufte für seine kleinen Ersparnisse Hafer und Heu, ging nach Winitza und stellte sich mit seiner Ware auf den Markplatz. Als der Kaiser passierte, erkannte er seinen ehemaligen Gardisten, ging auf ihn zu und frug ihn, was mit ihm geschehen sei und weshalb er sich habe, wie ein Jude. Bart und Peies wachsen lassen, er sollte doch wissen, daß sich das für einen Nikolajewer Gardisten, der glattrasiert sein müßte, nicht schicke. Grüngras salutierte und antwortete: „Majestät, ich vergehe schier vor Kränkung und Gewissensbissen!„ „Was fehlt dir denn?" frug der Kaiser interessiert. „Ich bitte untertänigst, mir zu gestatten, daß ich zu meinem Volke und meinem Glauben zurückkehre." Der Kaiser geriet anfangs in Zorn, befahl jedoch, „den Narren" auf einen Tag in den Arrest zu stecken, gewährte ihm aber seine Büte. Grüngras kehrte bald darauf zum Judentum zurück, heiratete ein jüdisches Mädchen und gehörte zu den beliebtesten Mitgliedern seiner Gemeinde bis zu seinem vor Kurzen erfolgten Tode. Großer Wohltätigkeitsakt in Bagdad. Türkische Blätter bringen die folgende, interessante Meldung : Vor ungefähr fünfzehn Jahren wanderte ein junger Jude, Namens Selah Caduri, nach London aus, um daselbst sein Glück zu versuchen. Durch unermüdliche Arbeit und Energie gelang es ihm, in London ein kleines Vermögen zu machen, das sich jedoch später infolge glücklicher Geschäftstransaktionen in Hong-Kong, China, vervielfachte. Caduri ist heute Multtmillionär und hat sich von seinen Geschäften in sein Nizzaer Tuskulum zurückgezogen, von wo er seine großzügigen philanthropischen Aktionen leitet. Obgleich Caduri sich sehr zu England hingezogen fühlt, hat er auch seiner ursprünglichen Heimat Bagdad nicht vergessen. Um seine Glaubensbrüder in den Stand zu setzen, die von der türkischen Konstitution gewährleisteten Freiheiten auch zu benützen, faßte er den großartigen Plan, in Bagdad eine Mädchenschule Zn errichten, in welcher 2000 Schülerinnen jüdischer und mohammedanischer Konfession Unterricht genießen können. Neben dem riesigen, modern ausgestatteten Schulgebäude soll sich auch ein prachtvolles Wohnhaus für die Lehrpersonen erheben. Mr. Caduri hat die Ausführung seines Planes der „Alliance Jsraelite Universelle" anvertraut, der er auch bereits das zur immerwährenden Erhaltung der Anstalt nötige Kapital überweisen ließ. Ueberdies wendete sich Caduri an den Chacham Baschi Nachum in Konstantinopel um Informationen darüber, welche jüdische Anstalten einer ausgiebigen Hilfe bedürfen und würdig sind, unterstützt zu werden, da er die Absicht habe, auch in Konstantinopel größere Stiftungen zu machen. Anerkennung der jüdischen Feiertage. Wie die „Newyork Times" melden, hat die öffentliche Unterrichtskommission des Staates New-Aork infolge Einschreitens jüdischer Politiker beschlossen, bei Festsetzung der Prüfungen an den öffentlichen Staatsschulen in Hinkunft auf den Sabbath und die jüdischen Feiertage Rücksicht zu nehmen. Demnach werden künftighin auch am Sabbath und den jüdischen Feiertagen keine öffentlichen Prüfungen mehr stattfinden. In Gemäßheit dieses Beschlusses wurden schon die in diesem Jahre ursprünglich für den 14. Juni d. I., dem zweiten Schabuoth- Tag, festgesetzten Jahresprüfungen in allen staatlichen Lehranstalten verschoben. Ein Rundschreiben der Einwandererkommission. Der „Befehlshaber von Ellis Island", General-Einwanderungskommissär Williams, hat an sämtliche Schiffahrtsgesellschaften, die sich mit der Beförderung von Emigranten beschäftigen, ein Rundschreiben gerichtet, das mit Rücksicht auf die neuerlich beginnende Auswanderungsbewegung, allgemeines Interesse verdient. Das Zirkular, das vom 18. März 1910 datiert ist, hat folgenden Wortlaut: 1. Die Regierung sieht sich in vielen Fällen veranlaßt, eine große Zahl Einwanderer längere Zeit zurückzuhalten und zu deportieren. Im Jänner dieses Jahres wurden vom New- Aorker Hafen 1400, im Februar über 1100 zurückgeschickt und in den ersten achtzehn Tagen des Monates März betrug die Zahl der Deportierten bereits rund 1000. Die Zahl der Deportierten ist je nach den Schiffahrtsgesellschaften verschieden und hängt hauptsächlich mit dem Umstande zusammen, daß die Agenten einzelner Schiffahrtslinien die Emigranten wahllos aufnehmen, ohne sich vorher gründlich zu überzeugen, ob sie hineingelassen werden oder nicht. 2. Im Ausland wird das jüngste Gesetz vom Jahre 1907, welches jeden Einwanderer, bei dem von unseren Hafenärzten ein geistiger oder körperlicher Fehler konstatiert wird, ausschließt, viel zu wenig beachtet. 3. Oft werden Einwanderer zurückgewiesen, weil sie zu wenig Geld haben. Ich wiederhole nochmals, daß Einwanderer, die nicht genügende Barmittel aufweisen, um sich erhalten zu können, bis sie Arbeit finden, nicht hereingelassen werden, mit Ausnahmen von Frauen und Kindern, die zu Jemandem fahren, der zu ihrer Erhaltung gesetzlich verpflichtet > und auch nachweisbar in der Lage ist, sie zu erhalten. 4. Die Einwanderer sollten schon vor ihrer Einschiffung nach jeder Richtung hin sich in einem Zustande befinden, der sie zur Landung berechtigt, und nicht damit rechnen, daß sie erst in Ellis Island durch Entgegennahme von Geschenken rc. in diesen Zustand versetzt werden. Diese Art der „Auslösung" von Ellis Island stellt sich in den meisten Fällen als eine Vergehung des Einwanderergesetzes heraus und wird nicht mehr geduldet werden. 5. Die Zurückweisungen erfolgen häufig auch deshalb, weil der Einwanderer nicht das wahre Endziel seiner Reise angibt. Viele kommen mit Adressen an sogenannte Bankiers, die aber nichts anderes als Einwanderungsagenten sind, die sich mit Anwerben von Kontraktarbeitern beschäftigen. Einwan-