Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 14 (8.4.1910)
- Date
- 1910-04-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 237 Me Ehasaren und ihre Nachkommen. Am 2. September 1909 starb nach langer Krankheit Hugo Freiherr von Kutschern, der einstige verdienstvolle Ziviladlatus in Bosnien und der Herzegowina. Seit einigen Monaten war er in den Ruhestand versetzt, ein Opfer der Arterienverkalkung, aufgerieben in seinem begeistert geübten Beruf. „Ein Fanatiker der Arbeit, der mit stoischer Ruhe jede ihm übertragene Arbeit bewältigte." In der Kirchhofsidylle von Vöslau hat er seine Ruhestatt gefunden. Er war 1847 in Wien geboren und auf der Orientalischen Akademie ausgebildet. Er beherrschte die Sprachen des Ostens absolut und Benjamin von Kallay entzog ihn bald dem Konsulardienste, um.in ihm eine rechte Hand für die Organisation der okkupierten Länder zu gewinnen. Daß er in ganz ungewöhnlichem Matze das Vertrauen der Moslim erwarb, beruhte nicht zum geringsten darauf, datz er, wie sein ungenannter Biograph schreibt, besser türkisch wutzte und sprach als irgend ein Bosnier und auch im Scheri bewanderter war als die dortigen Theologen. -Als Dolmetsch der Botschaft in Konstantinopel hatte er sich auch zuerst ausgezeichnet und diese Spezialität erhielt später auch, als er geadelt wurde, ein hübsches symbolisches Spiegelbild in seinem Wappen, das eine Möve enthält. Die Mohammedaner haben nämlich eine Sage, datz die Seele eines Dolmetsches in eine Möve übergeht. Sein Leben war reich an Erfolgen, aber auch an Ehren. Er wurde 1867 Ziviladlatus (nach Baron Rikolic), 1890 Geheimer Rat, 1903 erster Sektionschef im gemeinsamen Finanzministerium, bei schon erschütterter Gesundheit. Das Grotzkreuz des Leopold-Ordens 'war seine letzte Auszeichnung. ' Das Gedenkbild dieses hochverdienten Mannes wird soeben in würdiger Weise aufgefrischt durch die Herausgabe eines nachgelassenen Geschichtswerkes über die Ehasaren, dem er jahrelang seine spärliche Mutze gewidmet hatte.*) Schon in seinen Anfängen, als Konsulareleve in Rustschuk (1871), hatte er >die Eigenart der spaniolischen Juden zu studieren begonnen; Konstantinopel und Sarajevo boten ihm dann weitere Anregungen. Die Verschiedenheit zwischen diesen Juden und den sogenannten polnischen, die ihm als zwei ganz verschiedene Rassen erschienen, wollte er Nachweisen und erklären, wobei er zur Auffassung gelangte, datz die Juden des ehemaligen polnischen Staatsgebietes Nachkommen des finnisch-türkischen Volkes der Ehasaren sind. Die ganze einschlägige Literatur ist zur Begründung dieser interessanten Hypothese herangezogen und macht sie in der Tat plausibel genug. Die Aufgabe war allerdings nicht leicht, denn der Originalquellen über die Ehasaren sind wenige. Obgleich die Kaiserin Theodora und Irene, die Mutter Kaiser Leos IV., Ehasarinnen waren und das Ehasarenreich in seiner Blüte ganz Südrutzland bis über den Kaukasus hinab umfatzte. Dieser geheimnisvolle Iudenstaat am Kaspisee reizte um die Mitte des 10. Jahrhunderts die Neugier eines einflutzreichen Juden am Hofe des spanischmaurischen Khalifen Abdurrahman III., Ehasdai Ibn Schaprun mit Namen, und dieser schrieb einen Brief an den Ehasarenkönig Josef, um Authentisches über Volk und Land zu erfahren. Die hebräische Antwort König Josefs, in einer Handschrift zu Petersburg aufbewahrt und 1571 in Konstantinopel zuerst veröffentlicht, ist nach langen Zweifeln jetzt als echt anerkannt. Eine Welt von strittigen Dingen tut sich auf. Selbst die Lage der namentlich erwähnten Städte ist durchaus unsicher. Ein arabischer Missionär, Foslan, zu Beginn des zehnten Jahrhunderts gibt die meiste Kunde über das Ehasarenreich. Die Hauptstadt Jtil, am Flusse Jtil (Wolga, nach dem *) ..Die Ehasaren." Historische Studie von Huao Freiherrn v. Kutschern. Ein Nachlaß, Wien, Adolf Holzhaufen 1909. Gediegene Ausstattung. Verfasser die untere Kuma) schildert er genau. Sie besteht aus zwei Teilen, deren grötzerer, westlicher, die Residenz des Königs ist. Die Häuser sind Zette aus Filz, nur wenige aus Lehm. Es gibt auch Plätze und Bäder. Mehr als 10.000 Mohammedaner leben dort und haben 30 Moscheen. Der Königspalast ist ein freistehender Ziegelbau. fern vom Flusse. Der König ist ein Jude und hpt 4000 Mann Leibgarde. Die östliche Hälfte der Stadt ist ein wichtiger Handelsplatz und wird vorzüglich von Kaufleuten bewohnt. . . . 'Die den Griechen bekannteste Stadt der Ehasaren ist Sarkel, von einem griechischen Baumeister gebaut: nach dem Verfasser am Einflutz des Manntsck in den Don. Ueber die Lebensweise der Ehasaren wird erzählt, datz sie sich von Fischen und Reis nähren: Honig und Pelzwerk erhalten sie von den Russen und Bulgaren. Schiffe haben sie keine, auch eigene Münzen sind bisher nicht gefunden, doch möchte der Verfasser auf eine gewisse Abart sehr roher, gegossener, krimischer Münzen als möglicherweise chasarisch Hinweisen. Die Ehasaren bestanden aus zwei Volksklassen: die Mohammedaner waren Krieger, die Juden Bürger. Auch der König (Ehakan) war Jude, und stets aus gewissen armen ^Familien gewählt. Das war in jenem Orient nicht vereinzelt. 2m christlichen Georgien war der König Muselman, der König, der Kaitak-Türken der einzige Mohammedaner im Lande u. a. m. Der Ehasarenstaat war ein klassisches Muster religiöser Toleranz. Neben dem Ehakan herrschte noch ein weltlicher Unterkönig, der Ehakan war fast unsichtbar, wie in Japan, Birma, Siam. Aber an die Spitze des 12.000 Mann starken stehenden Heeres stellte er sich immer persönlich. Nur der zweite- König hatte das Recht, ihn zu sehen, durfte aber nur barfutz vor ihm erscheinen. Er besatz auch einen Harem von 25 Haupt- und 60 Nebenfrauen, deren jede ihre eigene Zelle und ihren eigenen Wächter hatte. Die Beziehungen zu Byzanz waren sehr freundlich. Viele Ehasaren, aber auch Ungarn und Petschenegen dienten im byzantinischen Heere, alle waren vorzügliche Reiter. Ihr malerisches Nationalkostüm wurde durch Kaiserin Irene sogar hoffähig: das ..Tsitsakion" war damals kaiserliches Galakleid. Zu Beginn des 7. Jahrhunderts ging ein grotzes Ausflammen des Judentums durch den Orient. In Aegypten lebte über eine Million Juden, in Alexandrien 500.000, jüdische Kolonien reihten sich längs der Nordküste Afrikas und rings um das Mittelmeer. In Armenien stammle sogar die Dynastie der Bagratiden von einem silbischen Gefangenen Bagrat. Nach dem Briefe König Josefs nahmen die Ehasaren um 620 diesen Glauben an. Dem König Balan seien wiederholt Engel erschienen, die ihn dazu aufforderten. Hübsch ist es. wie er dann einen Mönch und einen Kadi kommen lietz und jeden besonders fragte, welche der beiden anderen Religionen die bessere sei. Jeder von ihnen nannte lieber die jüdische als die andere, worauf der König diesen Glauben annahm. Die jüdische Religion wurde für sie zugleich eine Kultur. Sie .hatten, wie der Verfasser sagt, das jüdische Ideal. Eine Monarchie wie von David und Salomo entstand wieder an den Ufern des Kaspisees. Es war ein Fehler der byzantinischen Politik, datz sie das Ehasarenreich vernichtete. Damit fiel das Bollwerk gegen Kumanen, Petschenegen, Türken. Russen, schlietzlich Tataren. Sie wunderten dann zum Teil aus, nach Rutzland. Kaffa hietz bei den Gsnuesern Ehasaria. Die jüdischen Bauern, die Klaproth an der Kuma und im Kaukasus fand, hält der Verfasser für Reste der Ehasaren. Jetzt ist das ehemalige Königreich Polen der Mittelpunkt dieses Volkes. Ein nichtsemitisches Iudenoolk, wahrscheinlich ebenso zahlreich wie die semitischen Juden zur Zeit der Zerstörung Jerusalems. Es ist einzig in der Geschichte. Unter diesen Umständen, sagt der Verfasser, und bei