Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 13 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 2L8 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 13 Dramenschriftsteller Moses Horowitz gestorben. In Newyork starb im Alter von 64 Jahren der einst weltberühmte Dramenautor Moses Horowitz, einer der fruchtbarsten Autoren der amerikanischen Bühnen. Horowitz schrieb ebenso für englische, wie für jüdische Bühnen. Seine Stücke waren stets für den Tag berechnete Aktualitäten, die sich aber immer als zugkräftige Kassenstücke erwiesen. Besonders viel wurden seine Dreyfus- Dramen und Tisza-Eszlarer-Dramen gegeben. Horowitz hatte sich ein großes Vermögen erworben, das er aber, infolge mißglückter Spekulation mit einer jüdischen Oper, wieder vollständig, einbüßte. Horowitz starb als armer Mann im Newyorker Montefiore-Heim. Sein Begräbnis wurde von der „Hebrew Actor's Union" veranstaltet. Feuilleton. Iiingliugsfahre. Roman von Hermann Blumenthal. XVIII. Die Geschichte Heinrich Liebermanns. Eines Morgens, als Dawid noch im Bette lag. Hopfte es und Heinrich Liebermann trat ins Zimmer. Dawid stieß einen Ruf der Ueberraschung, aus und wollte sich erheben, doch als er das Gesicht des Freundes in der Nähe sah, legte er sich wieder hin und blickte ihn nur an. Liebermann reichte Dawid die Hand und setzte sich ans Bett. „Bei Ihnen sieht es nicht gut aus", sagte er. „Sie brauchen mir nichts zu sagen. Es geht nicht vorwärts, was?" .iDas Schlimmste ist, daß ich ohne Stelle bin", erwiderte Dawid. „Bei jedem happert es irgendwo", sagte Liebermann mit einem Seufzer. Er erhob sich und ging im Zimmer auf und ab. „Ziehen Sie sich an, Dawid", sagte er nach einer Weile. „Wir wollen ins Cafee gehen." Und als chn Dawid fragend anblickte, fügte er hinzu: „Machen Sie sich keine Sorge, ich habe Geld." Bold saßen, sie im Cafee einander gegenüber und beobachteten durch das Fenster die Vorübergehenden. Sie sprachen nur ein paar Worte— und doch wußte jeder, daß es zu einer Aussprache kommen wird. „Werden Sie glauben, Dawid, daß ich oft an Ihr Theaterstück denken mußte", sagte Liebermann plötzlich und sah Dawid an. „Erinnern Sie sich noch, wie wir es auf der Straße besprachen? Geschrieben habe ich Ihnen die ganze Zeit nicht, aber meine Gedanken waren oft bei Ihnen." „Es geht nicht so rasch, wie wir es uns gedacht haben", erwiderte Dawid. „Man muß warten können. Ich habe aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben." Liebermann sprach lange nicht, sondern blickte vor sich hin. Plötzlich faßte er die Hand Dawids und sagte: „Ich chade eme Bitte an Sie: Sie müssen sich mir heute zur Verfügung stellen. Morgen bin ich nicht mehr hier, und wer weiß, ob wir uns Wiedersehen. . . Ich kann heute nicht allein sein." Dawid willigte ein und nun gingen sie Arm in Arm durch die Gassen, die sie vor Iahren so oft durchschritten hatten. Sie äßen in einem Restaurant zu Mittag, sprachen über dies und das und tauschten alte Erinnerungen aus. Liebermann blieb immer ernst. Den Nachmittag verbrachten sie in Dawids .Zimmer, doch als der Abend kam, wurde Liebermann ungeduldig. „Wie wäre es, wenn wir irgendwo im Freien äßen?" schlug er vor. Dawid war einverstanden. Sie überlegten eine Weile und entschieden sich für den Kahlenberg. Sie fuhren bis Nußdorf und gingen dann zu Fuß den Berg hinauf. Ueber den Bäumen schwamm das weiße Mondlicht und durch die Zweige sah man hoch oben einzelne Sterne blinken. Von ihrem Tische halten die jungen Leute einen Ausblick auf die Stadt. Viele Lichter flimmerten in der Ferne. Weithin schlängelte sich der Donaukanal, und an manchen Stellen war ein Glitzern .und Leuchten, als wenn der Fluß alle Strahlen dieser Stadt aufgefangen hätte. Nach dem Essen ließ Liebermann Wein und Zigaretten bringen. Dawid kam in Stimmung. Er blickte Liebermann an und Liebermann ihn, bis Liebermann lächeln mußte. „Wie wäre es, wenn wir Brüderschaft trinken würden", fragte er plötzlich. Dawid stellte ihm sein Glas hin und sie tranken jeder vom Glase des anderen. Dann wurde Liebermann heiler. „Du bist ein guter Iunge, Dawid, und ich habe dich gern", sagte er und klopfte Dawid auf die Schulter. „Ich weiß es, Heinrich. Wir sind auch nicht sehr verschieden von einander". Pause. Liebermann ließ eine zweite Flasche Wein kommen und schenkte die Gläser voll. Eine Weile saß er still und blickte das Glas an. Dann sprach er wie erwachend : „Kannst recht haben". Sie tranken. „Nun sind wir den letzten Abend zusammen, nicht?" fragte Dawid. „Den letzten? — Ia!" „Und ich werde lange daran denken. Es ist doch schön heute?" „Ia! Und du sollst es auch erfahren. Du hast mich nicht gefragt, aber ich sage es selbst. Erst will ich aber noch eine Flasche bestellen." „Es macht mich traurig, daß du so viel Geld ausgibst.. Wir haben auch schon genug getrunken." „Laß nur! Einmal kann man sich so etwas erlauben." Als die dritte Flasche entkorkt war, rückte Liebermann näher zu Dawid und begann: „Ich fuhr damals von Wien direkt nach Berlin. Ich fand bald eine Anstellung, war um fünf Uhr frei und verdiente mehr, als ich brauchte. Aber ich war nicht glücklich! — Ich fühlte mich sehr einsam und fand keinen Menschen, dem ich mich anschließen konnte. Ich ging ins Theater und ins Cafee. Ich kaufte mir Bücher, besuchte Vorträge. Nützte aber alles nichts! Wenn ich am Abend nach Hause kam, war ich mit meinen vier Wänden allein. Man ist nirgends so einsam, wie in der Großstadt! Das ging so ein paar Wochen und es war gar nicht mehr zum Aushalten. Da raffte ich mich eines Tages zu einem großen Entschlüsse auf. Ich habe nämlich Verwandte in Berlin. Die Schwester meines Vaters wohnt dort seit vielen Iahren. Ich wußte es, aber ich Hab' mich nicht hingetraut. Die Frau ist reich und hat lange nichts von 'sich hören lassen. Nun, was sollte ich dort? D" kam aber so ein Sonntagnachmittag. Draußen herbstelte es und ich wußte nicht, was ach anfangen sollte. Theaterkarten Hab' ich keine mehr bekommen und ins Cafee wollt' ich erst am Abend gehen. Ich ging also durch die Gassen und sah mir die Leute an, bis es mir zu bumm wurde. Plötzlich fiel mir meine Tante ein. Hin wollte ich! Die Adresse wußte ich längst. Sie wohnte in Charlottenburg, nicht weit vom Knie, in einer stillen Straße. — Ich fuhr also hinaus!