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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-04-01 · 13 (1.4.1910) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
13 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Wr. 13 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 331 Die „B'nai B'rith in England. Während seines jüngsten Aufenthaltes in Europa hat der Präsident des „Unabhängigen Ordens B'nai B'rith", Mr. Adolf Kraus aus Chicago, mit einigen hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten in England wegen Gründung einer „B. B. Loge" in England Unterhandlungen gepflogen. Als ein Ergebnis dieser Unterhandlungen sst die feierliche Eröffnung der ersten „B. B.-Loge" in London, die vorige Woche in Gegenwart mehrerr angesehener Mitglieder dieses Ordens erfolgt ist. Zwei Rabbinerjöhne. Es ist ein merkwürdiger und interessanter Zufall, das; in Oesterreich, wie in Ungarn, jetzt zwei Männer sich vom politischen Leben zurückziehen, die beide Rabbinersöhne sind, beide getauft sind und beide eine fast gleiche Karriere gemacht haben. Der eine ist der Geheime Rat Dr. Sieghardt, der Sohn eines Rabbiners, der andere der Geheime Rat und gewesene Staatssekretär im ungarischen Handelsministerium, Doktor Josef Sterenyi, Sohn des verstorbenen Neupester Rabbiners Stern. Beide Herren find Sektionschefs geworden und haben in ihren verschiedenen Ressorts eine äußerst hervorragende Rolle gespielt. Jetzt nehmen beide vom politischen Leben Abschied und ziehen sich je in ein großes Finanzinstitut zurück. Geheimrat Dr. Sieghardt wurde zunl Gouverneur der Österreichischen Vodenkreditanstalt und Geheimrat Dr. Sterenyi zum Präsidenten der Ungarischen Agrarbank ernannt. Die Akklimatisierungsfiihigkeit des jüdischen Stammes im Mittelalter. . Von Dr. Josef Hoff, Rabbiner in Bisenz. Das Schicksal der wandernden Juden im Mittelalter, die sich im Westen Europas eine neue Heimat gründen wollten, war eine fortlaufende Kette von Verfolgungen. Unter der Regierung der Sarazenen und Mohammedaner, wurden sie oft mit großer Schonung behandelt. Die jüdischen Gelehrten waren an dem Hofe von Harun al Raschid geehrt und gern willkommen, und ebenso hatten sie sich bei den maurischen Königen in Spanien einer gastlichen ehrenvollen Aufnahme zu erfreuen. Auch Karl der Große scheint sie in Deutschland und Frankreich gerne geduldet zu haben, geht doch die Sage, daß er den Juden Isaak als seinen Gesandten zu Harun, dem Khalifen von Bagdad, entsendet habe. Die Gesandtschaft brachte damals reiche Geschenke mit und ließ zuerst in Deutschland die Ahnung von einer Kultur im Osten aufdämmern. So sehen wir die Juden auch im 9. Jahrhundert mit Energie sich an den großen Höfen ihren Weg bahnen. Alle ihre verwandten Rassen, die Bewohner Assyriens und von Tyrus, die von Sidon und Carthago waren untergegangen, nur die Araber waren neben den Juden noch als die Repräsentanten der semitischen Rasse übrig geblieben. Anders war ihr Geschick in christlichen Ländern. In Deutschland wurden sie als eine Art Sklaven betrachtet. Sie waren keine Menschen, sie wurden nur als ein Stück herrenloses Gut betrachtet. Der Kaiser nahm Besitz von den orientalischen Fremdlingen und schaltete über sie als sein freies Eigentum: sie waren seine Leibeigenen, er beschützte sie, wenn er es vermochte und plünderte sie, wenn er Geld nötig hatte. Trotzdem blühten jüdische Gemeinden in den Städten am Rhein empor. — Aber auch in England, wohin sie bereits unter der Herrschaft der Sachsenkönige gelangt waren, hatten sie unter den beständigen Kriegen der barbarischen Volksstämme auszuharren verstanden; ja sie lebten in den alten Stadtteilen Londons in Reichtum und Ansehen, waren in großer Zahl in Port ansässig und unterhielten in Orford berühmte Schulen und Lesehallen. Selbst im nordischen Rußland, wohin die Juden nach dem Untergänge des Chazarenreiches auswanderten, konnten sie gedeihen und sich den wechselnden klimatischen Verhältnissen anpassen, so daß sie von Jahr zu Jahr zahlreicher wurden und zur Wohlhabenheit gelangten, trotzdem sie oftmals mit außerordentlichen Steuern belegt wurden und fast unerschwingliche Opfer an die Mächtigen des Landes zu zahlen hatten. Es ist gewiß eine eigentümliche Erscheinung, daß die Juden, im Gegensätze zu ihren semitischen Rassenbrüdern, in jedem Klima gedeihen und sich ebenso in dem eisigen Norden, wie in den Gärten Granadas und in den heißen Strichen Mesopotamiens wohlbefanden. Kein Araber hat sich fern von den Tropen anzusiedeln vermocht, die Phönizier und die Carthaginienser haben keine Spur von ihren Ansiedlungen an den Küsten von Frankreich und England zurückgelassen; dir tropischen Völkerstämme Sems scheinen dem rauhen Klima nicht widerstanden zu haben. Die Juden jedoch sind von den frühesten Zeilen an nicht nur zu dem fernsten Norden gewandert, sie haben sich auch in den eisigen Regionen festzusetzen und einzurichten verstanden. Unter Karl dem Großen sehen wir sie in Deutschland, unter Wilhelm dem Eroberer in England, später in Polen und in Rußland. Worin lag nun die Ursache dieser Anpassungsfähigkeit? Warum konnte der jüdische Stamm in allen Zonen, unter allen Himmelsstrichen gedeihen und an Zahl. Ansehen und Reichtum gewinnen? Für diese seltsame Erscheinung kann keine andere Erklärung abgegeben werden, als daß die Juden überall, wohin sie kamen, ihr ganzes Dasein auf die allgemeine Erziehung des Volkes gründeten. An einzelnen Orten und zu einzelnen Zeiten freilich wurden sie durch unerhörte Unterdrückung und grausame Verfolgung zu einem gewissen Grad der Unwissenheit zurückgeführt. In den Ghettos von Rom und Deutschland, in den Einöden Polens und in den Gebieten Hindostans brachten sie keine Schristgelehrten und Männer der Wissenschaft hervor, doch wo nur immer sie sich von ihrem Leiden ein wenig zu erholen vermochten und wo sich eine Gelegenheit zum Lernen darbot, da sehen wir sie auch sofort wieder ihre Schulen gründen. Es war also die Macht einer geistigen Durchbildung, welche den jüdischen Stamm fortdauernd unter den verschiedensten Einflüssen frisch am Leben erhielt und ihn in jedem Klima gedeihen und ihn über die scheinbaren Gesetze der Natur triumphieren ließ. Korrespondenzen Ein jüdisches Fürsorgeheim für schwachsinnige Kinder. In den jüngsten Tagen fand unter dem Protektorate des Unterrichtsministers, bei außerordentlich großer Beteiligung von Delegierten aus allen Kronländern die vierte österreichische Konferenz der Schwachsinnigenfürsorge im Festsaale des Lehrerhausoereines statt. Die zweitägigen Verhandlungen haben allgemeine Aufmerksamkeit erregt und die Gesellschaft an die Pflichten gegenüber den schwachsinnigen Kindern in starken Worten erinnert. Von verschiedenen Seiten wurden wir gefragt, ob nicht auch ein jüdisches Fürsorgeheim in Oesterreich existiere und warum man von demselben so wenig in der Oeffentlichkeit vernehme. Nun hat der Verein „Providentia" schon vor 6 Jahren eine Tagesheimstätte für schwachsinnige Kinder gegründet, welche seitdem durch die Vorstandsdamen erhalten wird. Es ist dies die erste und einzige jüdische Heimstätte für schwachsinnige Kinder in ganz Oesterreich-Ungarn. Diese Heimstätte ist gut eingerich-

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