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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-04-01 · 13 (1.4.1910) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
13 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite §20 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 13 50 Mk. der Organisation beigelreten wären. Herr Doktor Ginsberg schloß mit der Versicherung, daß die Leitung. der A. I. K. O. bestrebt sein wird, das von der jüdischen Oeffentlichkeit bereits jetzt in sie gesetzte Vertrauen voll und ganz zu rechtfertigen. Vom ZabrmarKt des Lebens. Der italienische Ministerpräsident Luzzatti. Luigi Luzzatti, gegenwärtiger Ackerbauminister, hat die Bildung des neuen Ministeriums übernommen. Er ist ein Sohn einer berühmten jüdischen Dichter- und Gelehrtenfamilie, seine intensive wissenschaftliche Betätigung auf dem Gebiete der Wirtschafts- und Sozialpolitik erwarb ihm europäischen Ruf. Ein Bücherfrefser war er zeitlebens, schon in den Tagen der Belagerung Venedigs im Jahre 1849 saß der damals achtjährige Knabe, während die Kugeln in den Mauern der alten Dogenstadt eiuschlugen, hinter schmalen Erkerfenstern und las. In den engen Straßen der Lagunenstadt schlendert er heute noch mit Behagen, schlürft auf der Piazza seinen Mocca und plaudert mit seinen Landsleuten. Professor, Journalist, Mitglied von hundert Regierungskommisfionen, Gründer von Volksbanken, sozialer Apostel, dazu der beste Bertragsunterhändler Italiens, kurz ein Mann für alles. Die günstigen Handelsverträge, welche das Königreich Italien nacheinander mit Frankreich und Deutschland abgeschlossen hat, waren sein Werk und haben ihm viele Anerkennung gebracht. Die italienische Rentenkonversion bildet ein Ruhmesblatt in seiner Tätigkeit als Finanzminister. Nun ist er berufen, an der Spitze des Ministeriums die Politik des Königreichs Italien zu leiten. In Deutschland hätte er kaum den Rang eines Unteroffiziers erreichen können, in Rom ist er jetzt Ministerpräsident. _ Juden in der Diplomatie. Der jüdische Deputierte Barzilai wurde von der Regierung zum italienischen Botschafter in Peking ernannt. Barzilai stammt aus Triest. Wäre er Oesterreicher geblieben, so hätte er unbedingt die Taufe nehmen müssen, wenn er auf eine Karriere Aussicht haben wollte. So aber, im Königreich Italien ist er einer der führenden Männer des italienischen Parlamentes. Der König entsendet ihn als Botschafter nach Peking. Ein Jude ist Bürgermeister von Rom, ein Jude wird italienischer Ministerpräsident, ein Jude wird zum Botschafter des Königs von Italien ernannt und das alles im Zeitalter des in Oesterreich und Deutschland grassierenden Antisemitismus. Und die Welt besteht weiter. Und selbst der Dreibund wird durch derlei Geschehnisse nicht erschüttert. Gewisse Wiener Kreise find allerdings betrübt und müssen sich mit der erfreulichen Tatsache trösten, daß Herr Ernst Bergani, der vieler probte Obligations- Verwalter, Aussicht hat, Wiener Gemeinderat zu werden. Ableben eines jüdischen Senators. Vorige Woche starb in Mailand der italienische Senator Ugo Pisa, im Alter von 65 Jahren. Pisa, der einer alten jüdischen Familie aus Ferrara entstammte, gehörte der äußerst radikalen Partei an und stand als Fachmann in sozialen und industriellen Fragen m großem Ansehen. Er war Mitglied des Stadtrates von Mailand und Präsident der Handelskammer daselbst. Senator Pisa machte als Freiwilliger den Feldzug im Jahre 1866 mit, trat nach Beendigung desselben in den diplomatischen Dienst ein und war längere Zeit der italienischen Gesandtschaft in London als Sekretär attachiert. Komponist Richard Mandl. Dieser heimische Komponist hat in den letzten zwei Jahren mit einem Klavier-Quintett, einem großen, symphonischen Orchesterwerke, ^Griselidis", sowie mit Liedern die Aufmerksamkeit von Publikum und Kritik in hohem Maße auf sich gelenkt. Diesen Werken folgte nun eine Orchester-Ouverture, welche, im letzten Konzerte des Tonkünstler-Orchesters unter Nedbals Leitung aufgeführt, dem Künstler reiche Ehren eingetragen hat. Die Kritik anerkennt rückhaltlos Mandls Erfindungsgabe, seine hohe Kunst der Instrumentation und stellt ihn in die vorderste Reihe lebender Komponisten. Eine im München stattgehabte Aufführung der „Griselidis" hat den Erfolg dieses Werkes bestätigt. Richard Mandl, zu Proßnitz in Mähren geboren, steht im 50. Lebensjahre und hat seine musikalischen Studien am Wiener Konservatorium mit bestem Erfolge begonnen und in Paris unter Delibes Anleitung beendet. Ableben eines berühmten Weltschwimmers. Vorige Woche starb im Londoner Deutschen Spital ein recht interessanter Mensch. Es ist dies der berühmte Weltschwimmer Prof. „Marquis" Blbbero. Der 85 jährige Greis hat bis zum letzten Sommer an allen Wettschwimmen teilgenommen. Er hatte die Absicht, seine Lebenstage in Palästina zu beenden, wurde jedoch durch eine plötzliche Erkcankuna an der Ausführung dieses Vorhabens gehindert. Blbbero wurde in Preußen geboren, kam jedoch in frühestem Alter nach London. Er lebte in Hüll, wo er seinen ursprünglichen Namen Mordechai in Marquis ändern ließ. Schon als Knabe zeigte er große Schwimmfähigkeiten und gewann mehrere Preise. Aufsehen erregte seinerzeit eine Affiire, die er wegen eines Schwimmpreises hatte. Der Preis bestand nämlich in einem großen lebendigen Mastschwein. Als' dieser merkwürdige Preis in seine Wohnung gebracht wurde, jagte der fromme Vater Bibberos die Preiskommlssion samt dem Gewinner und seinem Preis aus dem Hause. Später wurde Bibbero zum Militärschwimmmeister ernannt. Berühmt waren seine Schwimm-Vorstellungen. Noch vor einem Jahre, an seinem 84. Geburtstage, erregte er durch seine Schwimmvorstellung bei Dover großes Aufsehen. Die Zahl der von ihm geretteten Menschenleben beträgt über fünfzig. Marquis Blbbero, eine athletische Erscheinung, war Zeit seines Lebens ein überzeugter „frommer Jude" und erzählte mit Stolz, wie er vor mehreren Jahren für dieses jüdische Selbstbewußtsein mit zwei Monaten Arrest büßen mußte. Bei einer politischen Versammlung, an welcher auch Bibbero teilnahm, hatte ein Redner die Juden in unflätiger Weise beschimpft. Bibbero stellte den Antisemiten zur Rede und als dieser feigerweise entschlüpfen 'wollte, züchtigte ihn Bibbero in offener Versammlung. Bibbero wurde,, wie erwähnt, zu zweimonatlicher Freiheitsstrafe verurteilt, die seinerzeit selbst von judenfeindlichen Organen als grausam bezeichnet wurde. Das Leichenbegängnis fand unter überaus großer Teilnahme statt. Alte jüdische Münzen im British Museum. Das British Museum hat jüngst die wertvollsten Stücke seiner Münzensammlung in einer übersichtlichen Separatausstellung dem Publikum zugänglich gemacht. Die meisten dieser Münzen und Medaillons wurden erst in jüngster Zeit erworben. Zu diesen gehören auch einige Tetradrachmen und Denarien aus der Zeit des zweiten Aufstandes der Juden um 132 unserer Zeitrechnung, ein Silber- Schekel und Halbschekel aus der Zeit Judas Maccabäus. Eine Geldmünze von unbestimmten Wert aus der Zeit Menelaus, des Bruders Ptolemeus I. (312°—306) vor unserer Zeitrechnung, ferner eine Goldmünze des Antiochus IV. Königs von Syrien (175—164 vor unserer Zeitrechnung). Bemerkenswert sind goldene Medaillen, die Vespasian zur Erinnerung an die Niederschlagung der Juden prägen ließ, u. m. a. Die Juden in Böhmen. Ein tschechisches Sammelbuch veröffentlicht die Statistik der Juden in Böhmen, der wir die folgenden wichtigeren Daten entnehmen: Jahr Gesamtbevölkerung Juden Prozent 1828 3,783.305 64,689 1.71 1830 3,820.853 67.338 1.76 1840 4,112.085 64.780 1.58 1850 4,385.894 75.459 1.72 1867 4,705.525 86 338 1.83 1869 5,140.544 89.933 1.75 1880 5,555 719 94.449 1.70 1890 5,843.094 94.478 1.62 1900 6,318.897 92.745 1.47 Wie aus dieser Tabelle ersichtlich, tft der Zuwachs der Juden in Böhmen kaum ein normaler. Nicht nur im Verhältniffe zur Gesamtbevölkerung zeigt sich eine Stagnation, oder — wie in den letzten Jahren — sogar ein Rückgang, sondern auch die absolute Zahl der jüdischen Bevölkerung hat in den letzten Jahren um einige Tausend abgenommen. Die Ursache dieser Erscheinung liegt zum größten Teile in der ständigen Auswanderung der Juden in Böhmen, die ihrerseits eine Folge des Nationalitätenhaders ist, in welchem die Juden wirtschaftlich zugrunde gehen.

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