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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-03-25 · 12 (25.3.1910) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
12 (25.3.1910)
Date
1910-03-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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dir. 12 Dr. Blochs Wochenschrift. KSeUe 213 wissen Sie es selbst noch nicht. Darum gebe ich mir soviel Mühe mit Ihnen. . . — — Der Kunstabend kam heran. Im groben Saale des Hotel Continental war kein Platz frei und Dawid stand, an einen Pfeiler gelehnt. Zuerst wurden einige Ghettoerzählungen vorgelesen. Es lag Stimmung in den kleinen Geschichten und Dawid glaubte, den Palechover Marktplatz vor sich zu sehen. . . Die Menschen, die hier geschildert wurden, waren ihm so vertraut. Bilder und Erinnerungen traten vor seine Seele und in Gedanken war er weit weg von diesem Saale. ' . .* **).a : lu Dann kamen die Jargonlieder an die Reihe. Es waren die alten traurigen Melodien, die im Ghetto gesungen werden. Erst ein Kinderliedchen voll verhaltener Wehmut: Ja der Winter droht und schreckt. Liegst noch warm zugedeckt. — ' Schlaf, mein armes Täubelein, Oeffne nicht die Aeugelein. . . . Nicht gekocht und nicht geheizt. Und der Hunger quält und reizt. Schlaf mein Schmerzgeborenes, Armes, du Verlorenes. . ." Nun kam ein Lied über die Ewig-Wandernden und der Refrain/lautete: Auf dem weiten Meer Schwimmen hin undher Schiffe ohne Zahl. ... Dorten im Gerieder*) Segeln unsere Brüder, Die Bnei Jisroel.") Dawid mutzte an die Juden des Ostens denken, die jährlich zu Hunderttausenden ihre Heimat verlassen. — Das Lied erzählte ihm von ihren Schicksalen: Viele wandern ruhelos, ohne Plan und Ziel, über die ganze Erde, doch ihre Gebräuche und Sitten bleiben überall dieselben. Ihr alter Gott lebt noch! Es ist der Gott, der sein Volk liebt, wenn er es auch mit Strafen schlägt. An ihn glauben sie, und je mehr er ihrer Erwartungen spottet. um so mehr beugen sie ihr Haupt vor ihm.-Welch einer Zeit gehören.sie an? Das Rad sieht nirgends still und neue Kulturen brechen an. Doch diese Menschen sind wie in einem Gehäuse festgepfercht und kein Strahl des Lichts dringt bis zu ihnen. . . . Es waren längst vergessene Taten, die hier im Liede Auferstehung feierten: Helden wurden besungen, die im Herzen des Volkes fortleben. Man sang von der Sehnsucht nach Zion und eine neue Hoffnung wurde verkündet : Die Vögalich heben die Flügalech auf Und nehmen mit sich die Tränen herauf. Und benetzen damit die Erde von Zion, Der Name Israel soll noch einmal blühen. Gewesenes erwachte in Dawids Phantasie und bekam Gestalt und Leben. Er sah Bar Kochba und Judas Makkabäus, die die Feinde Israels niederwarfen. . . Er sah Judith in dunkler Nacht mit dem Kopfe des Holofernes durch das feindliche Lager schreiten. . . Sie klopft an das Stadttor von Bethuli, und als ihr geöffnet wird, hält sie den Schildwachen das blutige Haupt entgegen. . . . Ihre goldenen Armbänder glitzern im hellen Rot der Fackeln. . . Und in den Gassen wird es lebendig. Die Männer greifen zu den Waffen und schlagen den Feind vor der Stadt in Flucht und Verwirrung. . . . Und er sah Deborah, das jüdische Weib, das in der Stunde der Not dem Volke zum Führer wurde. *) Getümmel. **) Kinder Israels. Hartbedrängt, sannen die Männer schon auf Ergebung. Da stieg Deborah mit Barak Ben Abinoams vom Gebirge Ephraim und sang ihr jubelndes Siegeslied, das die Mutlosen zu neuem Kampfe anfeuerte. Was Dawid von klein auf gedacht und geträumt, stand jetzt so deutlich vor ihm: Er sah sich als Knabe im Cheder bei Reb Mates. Es war Nacht und er satz mit vielen Kindern um den grotzen Tisch über den heiligen Büchern. Wenn er einen Moment aufblickte, glaubte er die Gestalten her Bibel so .deutlich vor "sich zu sehen. ... Er war wieder ein Kind und spielte auf dem grotzen Hofe, auf dem jetzt fremde Kinder umhertollten. Er war in der „Klaus" beim dunklen Abendmahl und zog am neunten Ab mit einer frohen Jungenschar auf die Felder vor der Stadt hinaus. — Ein Freitagabend schwebte ihm vor. Die Sabbatkerzen waren fast niedergebrannt und flackerten und im Zimmer herrschte eine schwüle Dämmerung. Drautzen fiel ein Landregen und die Wassertropfen flüsterten in den Baumzweigen vor dem Fenster. Schweigend satzen die Ellern am Tische und horchten auf das Plätschern des Regens. Doch Dawid fürchtete sich in der Stille. Er kroch auf den Schotz des Vaters und bat so lange um eine Geschichte, bis ihm der Vater von den Wundertaten des heiligen Vaal-Schem erzählte. — — Wie fern lag das alles! Dawid stellte sich Palechoo vor: Wie schön war es vor dem Osterfeste, wenn nach oen langen Regengüssen die ersten Sonnenstrahlen in die durchnätzten Gätzchen drangen. . . . Die Wasserpfützen schillern in allen Farben des Regenbogens und die nassen Schindeldächer glänzen. . . . Jetzt beginnt man die Möbel und Geräte hinauszustellen, denn in den Stuben wird das grotze Fest vorbereitet. . . . Schön war es auch im Winter, wenn die Häuschen halb im Schnee versunken waren. Auf der Stratze ist kein Mensch und alles ist um den grotzen Ofen im Zimmer versammelt. Durch die Schneemassen vor dem Senster dringt nur wenig Tageslicht in die Stube. Man ist wie in einer Höhle eingesperrt und sucht sich die Zeit mit Erzählen von Geschichten zu vertreiben. . . . Wie unglaublich erscheint es da, datz in den grotzen Städten, nur wenige Meilen entfernt, das Leben trotz Schnee und Kälte Weilerbraust! . . . Und in Dawids Phantasie reihte sich Bild an Bild: Jahre waren vergangen. Er satz mit dem Onkel im Gasthaus „Zum goldenen Fisch" und wie heute, hörte er traurige Lieder und die Violine weinte — wie heute! Wie ein schöner Traum erschienen ihm jetzt seine Kinderjahre! Dawid fühlte, datz er diese Erinnerungen wie einen Schatz immer mit sich tragen werde, denn sie waren der beste Teil von seinem eigenen Selbst. In den Jahren des Kampfes hatte ihn sein Weg weit weg von seinem Volke geführt. Doch da waren Stimmungen und Feierlagsgebräuche aus seiner Heimat, die ihn mit vielen Fäden an dieses Volk und an seine Tradition knüpften, und er mutzte den Pfad, der ihn wieder zurückführen sollte, wiederfinden... Jetzt kam ein Liedchen, das Dawid in die Wirklichkeit zurückversetzte. Er mutzte sich die letzte Strophe oft wiederholen und fühlte, wie ihm die Tränen in die Augen traten: Und die Jahre ziehen, ziehen. Und ich werde älter, älter, Und die Träume fliehen, fliehen. Und das Blut wird kälter, kälter. — Patzten diese Worte nicht auch auf ihn? Nun war er ein Mann und sollte alle Bitternisse des Lebens auskoisten.

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