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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-03-25 · 12 (25.3.1910) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
12 (25.3.1910)
Date
1910-03-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 12 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 209 Im Jahre 1892 unter den Auspizien der Bnai Brith Loge in Jerusalem gegründet, gewann die „Jüdische Central-Bibliothek" bald die warmen Sympathien der Freunde der jüdischen Kultur und Palästinas. Durch die hochherzige Bücherschenkung des wegen seines selbstlosen Idealismus in jüdischen Kreisen wohlbekannten Bialystocker Arztes Dr. Joseph Chasanowitz sowie durch anderweitige reiche Bücherzuwendungen erhielt die Bibliothek die Bedeutung, die sie jetzt besitzt. Seit dem Jahre 1902, besitzt die Bibliothek ein eigenes Heim, das zunächst aus dem rechten Flügel eines geplanten monumentalen Gebäudes besteht, der aber inzwischen für die Bedürfnisse zu eng geworden ist. Bedauerlich ist es, daß ein grober Teil der Bücher wegen Mangels der Mittel zur Errichtung von Bücherschränken nicht nutzbar verwendet werden kann. Die Bibliothek wird von mehreren jüdischen Organisationen, dem Exekutiv-Komitee des Bnai Brith-Ordens in Amerika, dem Hilfsverein der Deutschen Juden, der Großloge für Deutschland M. O. B. B. und der Israelitischen Allianz in Wien, gefördert. Im Interesse einer weiteren Ausgestaltung dieses ausgezeichneten Kulturwerkes nach innen und außen hin wäre, speziell angesichts ^des in Palästina wachsenden und nach der Herrschaft trachtenden kulturellen Einflusses der verschiedenen europäischen Nationen, eine tatkräftige Förderung desselben seitens aller unserer Stammesgenossen sehr wünschenswert. Die erste jüdische Rechtsanwältin in Holland. Wie Amsterdamer Blätter melden, hat Fräulein Jeanette H o o f i e n, eine Glaubensgenossin, an der Amsterdamer Universität das Doktorat der Rechte mit Auszeichnung abgelegt. Frl. Hoofien ist die erste Jüdin in Holland, die den Titel Dr. juris führt. Rettnngsgesellschaft jüdischer Frauen in London. In London hat sich vergangene Woche eine freiwillige Rettungsgesellschaft jüdischer Frauen gebildet, die ganz nach den vom Kriegsministerium und dem Roten Kreuz festgesetzten Prinzipien ihre Tätigkeit entfalten soll. Dieses Rettungsd eiachement besteht ausschließlich aus jüdischen Damen. Das Detachement wird nicht nur in Friedenszeiten, sondern auch im Kriegsfälle in Tätigkeit sein und Gelegenheit haben, den jüdischen Soldaten gute Dienste zu leisten. Natürlich wird diese jüdische Rettungstruppe auch allen Nichtjuden, die ihrer sofortigen Hilfe bedürfen, in vollem Matze zur Verfügung stehen. Lord Rothschild hat seine Sympathie für diese neue Bewegung damit bekundet, datz er die Stelle eines Ehrenkommandanten annahm. Rabbiner Michael Adler wurde zum Ehrenfeld rabbiner ernannt. Die aktiven Kommandanten des Detachements sind Dr. I. Snowman und Dr. M. A. Dutch. Die erste Generalversammlung fand vorigen Montag in der eigenen Rettungszentrale, Erster Road, Brondesbury, statt. Den Vorsitz führte Baron Charles de Rothschild, der in längerer Rede den Zweck dieser neuen Institution auseinandersetzte. Es sprachen noch Vertreter der englischen Kriegsverwaltung, der Organisation vom Roten Kreuz u. m. a., die alle diese erste jüdische freiwillige Rettungsabteilung mit freudiger Genugtuung begrüßten. Christliche Konkurrenz in der Mazzosbäckerei. Aus London wird uns berichtet: Große Erregung herrscht in jüdischen Kreisen von Lecks, weil eine große christliche Biscuitfirma in diesem Jahre eine große Mazzosbäckerei etabliert hat und auf diese Weise den jüdischen Mazzosbäckern in empfindlicher Weise Konkurrenz macht. Die jüdischen Mazzosbäcker wandten sich an die jüdische Gemeindeverwaltung und drohen, die Lieferung von Gratis-Mazzos zur Verteilung an Arme einzustellen, wenn gegen die christliche Konkurrenz in diesem, jüdisch-rituellen Gewerbe nicht entsprechend vorgegangen werde. Besonders groß ist die Entrüstung gegen einen Rabbiner, der die Aufsicht der christlichen Mazzosbäckerei übernommen hat. Freispruch geständiger Pogromhelden. Wie ..Rjetsch" meldet, hat das Elisabethgrader Bezirksgericht sämtliche Angeklagte in dem Prozesse über die Pogrome von Rikopol und Radisdinje, trotzdem die meisten geständig waren, freigesprochen. Diese vollständige Außerachtlassung jeder Rücksicht auf das Gesetz wird dem Umstande zugeschrieben, daß der Zar fast sämtliche Teilnehmer an den verschiedenen Pogroms, die von den Gerichten bisher verurteilt wurden, konsequent begnadigt hat. Man scheint nun den einfachen Weg zu wählen und Pogromhelden gegenüber gar nicht erst mit einer Verurteilung vorzugehen. Für Finnland, aber nicht für Juden. In der letzten Sitzung der internationalen Kulturethischen Organisation ereignete sich ein interessanter Zwischenfall. Auf Vorschlag des Professors Forel wurde eine Resolution angenommen, in welcher die Unterdrückung Finnlands durch Rußland verurteilt wird. Da meldete sich ein anwesender rumänischer Jude zum Worte und erklärte, daß er sich als Iude der Protestresolution anschließe, bitte jedoch, daß gleichzeitig auch gegen die Unterdrückung und Verfolgung der Juden in Finnland der Protest ausgesprochen werde. Diese Ausführungen brachten die internationalen Kulturethiker in große Verlegenheit, es entstand ein Tumult, dem Professor Forel dadurch ein Ende machte, daß er erklärte, die Tatsachen, die der Redner hervorgebracht habe, müßten erst genau geprüft werden, ehe eine Resolution in diesem Sinne gefaßt werden könnte. Die Versammlung beschloß in diesem Sinne. Baron Günzburg über den Zweck der Rabbinertagung in Petersburg. Am 16. März wurde in Petersburg die Tagung der von der russischen Regierung eingesetzten Rabbinerkommission, der auch jüdische Notabeln zugezogen wurden, eröffnet. Zum Präsidenten der Kommission wurde Baron David Günzburg ernannt. Ueber Zweck und Aufgaben der Tagung äußerte sich Baron Günzburg wie folgt: " * * ' ' ..Vor allem darf nicht übersehen werden, daß die Rabbinerkommission nicht das Recht besitzt, Gesetzentwürfe auszuarbeiten. Wir haben nur das Material zusammenzutragen. Berichte an die Regierung zu erstatten, die dann von unseren Arbeiten nach ihrem Gutdünken Gebrauch machen kann. Daran müssen wir denken, um uns nicht in weitgehende Pläne einzulassen, welche die Regierung vollständig unbeachtet lassen wird. Es ist ja natürlich leicht, die Schaffung jüdisch-nationaler Gemeinden mit ausgedehnten Rechten zu fordern, wir dürfen aber den praktischen Wert solcher Forderungen nicht außer acht lassen und ich kann Ihnen nur sagen, daß solche Forderungen keinen praktischen Wert haben. Wir müssen mit der Wirklichkeit rechnen. Werden wir uns in engem Rahmen bewegen, uns mit Vorschlägen zur Verbesserung unserer Schulverhältnisse begnügen, so können wir. glaube ich, hoffen, daß die Regierung unsere Entwürfe anerkennen und verwirklichen wird. Was nun das Programm unserer Arbeit betrifft, so umfaßt sie die wichtigsten Fragen. Das Wort ..Kehillah" kommt allerdings nicht darin vor und gewiß ist das kein Zufall: damit soll schon angedeutet werden, datz die Regierung nicht geneigt ist. eine nationaljüdische Gemeinde mit größeren Rechtsbefugnissen zu bestätigen. Aber die übrigen Programmpunkte werden uns die Möglichkeit bieten, die Frage zu berühren und einen Entwurf auszuarbeiten, welcher den gegenwärtigen äuße ren Verhältnissen und der Stimmung in Regierungs kreisen angepaßt ist.

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