Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 12 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 202 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 12 fünfte Gebot in dein Maße erfüllt, wie es Dr. Gustav K o h n getan. Ich könnte eine Menge von Beispielen unbegrenzter Elternliebe anführeu. Im Jahre 1885 wurde Dr. Gustav K o h n in den KuÜusvorstand gewählt und dieser entsendete ihn im Jahre 1891 als Nachfolger Baumgartens in den Landesschulrat. Am 25. Februar 1897 wählte ihn der Vorstand der Kultus gemeinde zu seinem II. Vizepräsidenten. Seit dem 10. April 1904 fungiert er als I. Vizepräsident. Seine Tätigkeit im Kultusvorstaude und Landesschulrate wird von berufeneren Männern gewürdigt werden. Aber auch außerhalb des Vorstandes, in vielen jüdischen Vereinen, ich erwähne bloß die „Talmud Thora" und den Verein „Gleichenberg", entwickelte Dr. Gustav Ko h n eine segensreiche Tätigkeit. Die Talmud-Thvraschule brachte er zu ihrem heutigen Ansehen. Sie ist eine Musterschule geworden, zu der die Lehrer der Kommunalschulen pilgern, um ihre Einrichtungen zu sehen. Die Lehrer wissen es am besten, was Dr. Gustav Kohn für sie bedeutet. Seine Volkstümlichkeit wuchs von Jahr zu Jahr. Es wird in Wien und auch außerhalb unserer Stadt in den angrenzenden Gemeinden wenige geben, die Dr. Gustav Kohn persönlich oder wenigstens sein Wirken für das Judentum nicht kennen. Als sich. vor kurzer Zeit die Kunde seiner Erkrankung verbr.itete, gab es wohl Keinen, der nicht seine Genesung inbrünstig erflehte und es ist uns Gott sei Dank gegönnt, den Wiedergenesenen heute jubelnd zu ftiern, dessen Arbeit und Sorge stets der Allgemeinheit galt. Wir begrüßen Dr. Gustav Kohn in inniger Liebe, in stiller Bewunderung und aufrichtiger Verehrung mit bem Wunsche, daß der Allmächtige ihn uns allen noch ungezählte Jahre in Frische des Geistes und in Gesundheit des Körpers erhalten möge. Jude« im Kriustlerhaus. Begeisternd ist die XXXVI. Jahresausstellung jm Wiener Künstlerhaus gerade nicht. Es ist sehr viel Fleiß da. viel Nützliches und Farbiges für die Wände und Ecken in den Salons von Kommerzialräten, deren Geschäfte eine günstige Konjunktur gefunden haben. Aber etwas, das ans Herz greift, das ein Rufzeichen ist zum Stande der Kultur in der bildenden Kunst, winkt dem Besucher in keinem der vielen Säle enrgegen. Das Vorjahr war sehr fruchtbar, was die Quantität, oder, wenn man will, sogar was die Qualität betrifft. Aber, um ein Beispiel aus dem Leben der Schule zu nehmen: Es sind lauter von der Jury prämiierte und vom Publikum höchlichst belobte Vorzugsschüler da, aber nicht einer jener genialen Jungen, der in allen anderen Gegenständen bloß sein mühsames Fortkommen findet, aber in einem Zeichen von schwungvoller Begabung zeigt. Am meisten besticht noch die Landschaft und das Porträt, darunter namentlich das Damenporträt. Die zur Rasse gewordene Rassenlosigkeit der Wienerin mit den zu hinreißender Wirkung zusammengesetzten Schönheiten so vieler Nationalitäten hat viele Maler doch so weit erwärmt, daß sie den Pinsel nicht nur mit der technisch wohlgeschulten Hand führten, sondern auch mit den vom Herzen angeregten Nerven. So verhält es sich auch mit den Reizen der Landschaft, in denen gerade der der Großstadtluft entkommene Maler die Schönheit dankbar und mit Liebe wiedergibt, die er mit allen Sinnen , jauchzend genossen. Von der Allgemeinheit kehrt der Jude gern zu dem Besonderen zurück, mit deren Person oder mit deren Werken ihn innere Bande enger Zusammenhalten. Er stellt mit Genugtuung fest, daß auch auf dem Felde der bildenden Kunst jüdisches Können ebenso erfolgreich ist, wie aus jedem anderen Gebiete. Sie spielen eine sehr ehrenvolle Rolle im Künstlerhaus und ihre Gruppe hat es verstanden, sich trotz großer Hindernisse nicht nur beim Publikum und der Kritik, sondern auch bei den Kollegen durchzusetzen, welche ihnen natürlich nicht nur als Berufsgenossen, sondern zum großen Teil nicht eben als Judenfreunde gegenüberstanden. Man kann vom Standpunkt der Gerechtigkeit nicht sagen, daß sie alle erstklassig sind, und namentlich der Heranwachsende Teil täte besser daran, mehr zu arbeiten, als vor lauter Erörterungen nicht zur Praxis zu kommen. Die heutigen Führer der jüdischen Gruppe.haben schwere Jahre lang gerackert, bis sie zu jener Vollkommenheit gelangten, welche ihnen ohne alles weitere Zutun einen Platz in der Gesellschaft einräumte, welchen heute die verläusslustigen Jungen auf künstlerischen Kredit hin anticipando einnehmen wollen. Von diesen alten ist eine ganze Reihe von Namen in der Oeffentlichkeit bekannt, von welchen diesmal nicht alle Namen auf Bildern zu sehen sind, meist, weil sie sich mit großangelegten Werken für bestimmte Zwecke beschäftigen. Am interessantesten sind wohl die Maler des Jüdischen, die Leute, welche wenigstens in der Kunst eine Gruppe arrangieren, welche sie im Leben des Nationalitätenfestzuges leider versäumten. Warum haben wir uns bei dieser Gelegenheit nicht herausgetraut, da wir doch ein eigenes Volkstum mit schönen Gebräuchen besitzen. Wir haben uns durch eine Karikatur in einer mittelalterlichen Szene des historischen Festzugrs verspotten lassen, deren Maskierung irgend einem Buben einfiel. Wir hätten aber ganz gewiß den vollsten Ernst der Zuschauer gefunden, wenn eine Gruppe der Chassidim mit jüdischen Symbolen und mit der Markierung eines jüdischen Brauches beim Kaiser oorübergezogen wäre. Der mit Stolz offenbarte Wille zum Bekenntnis hat uns noch immer die Achtung unserer Gegner gebracht, und da wir nun einmal ein eigenes politisches Lager bezogen haben, so hätte dieses wohl Herolde haben dürfen. Während Sachsen aus der Bukowina ihr altfränkisch geprägtes Wesen gerne zur Schau tragen, hält man jedoch bei uns dieselben Formen fälschlich für Ueberrestr des Ghettos und versteckt sie beim Kaiserjubiläum sorgfältig, statt sie bei einer innerlich sehr bedeutungsvollen Gelegenheit demonstrieren zu lassen. Isidor Kaufmann und Lazar Krestin protestieren dagegen mit der ganzen Kraft, die sie als Künstler besitzen, und ihr Erfolg ist ein Erfolg der Juden an Achtung. Was so vielen Juden .selbst beim Festzug als Verlästerung und Verhöhnung vorgekommen wäre, das betonen diese Trotzmenschen unausgesetzt und bringen dem Publikum des Künstlerhauses das völkische Judentum immer wieder zum Bewußtsein. Und weil sie das Judentum lieben, weil jeder gute, schaffende Künstler den Inhalt seines Werkes lieben muß, machen sie sich auch den Christen sehr gut verständlich. Das sind nicht nur interessante Köpfe von jüdischem Typus, die man auf ihren frommen Bildern sieht, sondern die Vertreter eines Volkes der Gedanken, des Geistes, welche die Welt mit großen Ideen befruchtet haben. Wenn auf dem „Sabbath" von Kaufmann der Jude umgeben ist von aufgeschlagenen Büchern, so gewinnt man Respekt vor dem Volke, dem die Ruhe und die Freude seines Feiertages die Beschäftigung mit alter Weisheit ist. Die „Vibelerklärung" von Krestin ist in einer größeren und neueren Form die Wiederholung desselben Themas. Die Alten und die Jungen, die sich hier so inbrünstig mit dem Buch der Bücher beschäftigen, pm seine längst bekannten Schönheiten noch einmal hervorzuziehen und zu genießen, zeigen die Begeisterung des Juden für den Idealismus, seine Treue zur nationalen lleberlieferung. Kaufmann hat noch die meisterhafte Malerei Krestins auseinandergenommen, indem er noch. einen Rabbinatskandidaten, einen Kabbalisten und einen, über die Probleme der Alten sinnenden Jungen malte. Die Technik ist bei beiden hervorragend. Naturtreu bis zur Sklaverei in der Darstellung! des interessan-