Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-03-18 · 11 (18.3.1910) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021885--19134-3044099
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 11 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 197 gingen die Tage in Einsamkeit und Sorgen. Er vom mit sich unzufrieden und mutzte nicht, was er mit seiner freien Zeit anfangen sollte. Wenn er am Morgen erwachte, war er erst guter Dinge und wartete auf irgend eine frohe Botschaft. Er hatte bei so vielen Leuten vor- Msprochen und die meisten hatten ihm ihre Hilfe zugesagt, aber die Post brachte ihm nie eine gute Nachricht. ... So zog er wieder die Decke über den Kops und wollte an nichts denken. . . „Schlafen, schlafen und alles vergessen!" — Was sollte er auch mit dem Vorwittag beginnen? So verschlief er den halben Tag, frühstückte zu Mittag, ging dann in die Universitätsbibliothek und las bis zum Abend. Dann atz er noch etwas und kehrte nach Hause zurück. . . . Das ging so wochen- und monatelang. Am liebsten hätte er schon seinen Platz im Leben gehabt. — Aber alle seine Bemühungen nützten nichts! Gewitz war er bestimmt, zu Grunde zu gehen, wie so viele andere, von denen man täglich hören kann. Doch zuweilen wies er die traurigen Gedanken von sich. War es seine Schuld, datz es nicht vorwärts ging? Noch war er kein Verlorener! Er stand nur zu sehr unter dem Eindruck seiner Umgebung. Wie wenig gehörte er hierher! Das Zimmer sah ärmlich aus und von der anderen Seite des Hofes sahen die.Fenster ganz gleichartiger Wohnungen herüber. Das Haus war voll Lärm und Geschäftigkeit. Alle diese Menschen hier lebten ihr kleines Leben gleichmätzig, ohne jede Abwechslung. Sie halten ihre Sorgen und Freuden und für sie war ein Tag wie der andere. Dawid mutzte sich sagen, datz ihn ein solches Leben niemals werde befriedigen können. Er setzte sich in die Sofaecke und suchte auf frohe Gedanken zu kommen. Da fiel ihm Hedwig ein, und indem er sich im Geiste mit ihr beschäftigte, schöpfte er neue Hoffnungen:. Er war jahrelang in der Fremde gewesen und hatte mit vielen Entbehrungen gekämpft. Doch jetzt führte ihn ein Erfolg wieder in diese Stadt. Es war an einem Spätherbstmorgen. Dawid satz in seinem Hotelzimmer und schrieb die letzten Seiten zu einem Buche, das ihm lieb und teuer war. Es war ein Tönen und Klingen in diesen Blättern. Was er jahrelang erlebt und in sich getragen, hatte er niedergeschrieben, und es berauschte ihn, wenn er darin las. Da klingelte das Telephon. Es war Hedwig. Wie lieb, er hatte ihr nicht geschrieben — und doch wutzte sie von ihm. Er sollte bei ihr zu Mittag speisen. Das war ihm nicht recht. Es wird grotze Gesellschaft sein und vieke werden ihn ausfragen. Jetzt kannten sie schon seinen Namen und sie werden mit ihrem Wissen prunken. Sie hätten das und das von ihm gelesen. würden sie sagen, nur um ihm Freude zu machen. „Nein, Hedwig, das geht nicht. Ich möchte zu Ihnen kommen, wenn Sie allein sind. . . Zum Tee? Ja! Ich und Sie und sonst niemand in Ihrem Salon. — Im Ofen brennt ein Feuer und die Bäume vom Garten blicken zum Fenster herein. . . Sie sitzen verträumt in Ihrem Stuhl und sehen mich an und ich beuge mich über Ihre Hand und küsse sie. . . So möchte ich bei Ihnen sein!" -Eines Tages ward es Dawid klar, datz er Hedwig liebte. Er hielt sich fern, aber immer deutlicher fühlte er es: „Sie ist es und keine sonst und wenn sie von mir geht, bleibt eine Leere, die sich durch nichts ausfüllen lätzt. . . ." Wenn sie nicht bei ihm war, war es, als wenn die Zeit stillstünde. Nun mutzte er warten, warten. Das Leben ging weiter und die Stunden gingen, doch er merkte es nicht. Früher hatte er so manches. das ihn im Innern bewegte: Theater, Kunstwerke und vor allem die Natur. Doch jetzt gab es nur ein Stundenzählen — bis sie kam. Dann versank alles, was noch so nah und drückend war. . . Wenn er wieder allein auf der Stratze stand, suchte er sich aufzuzählen, wie oft ihr Auge vertrauensvoll auf seinem Gesicht geruht hatte. . . Es war ein Rausch, der noch lange in ihm nachzitterte. . . . ’ Immer sah er dieses schlanke, braune Mädchen vor sich. Wenn sie traurig war, lag ein solches Web in ibrem Blick datz es ihn zu Tränen rührte. Aber niemand konnte auch so fröhlich sein, wie sie!... Es war so vieles, das ihn zu ihr zog. Er liebte den innigen Ton, den sie ihren Worten gab. Er liebte ihre kindlichen Bewegungen. Er liebte sie, weil ihn jede Erinnerung an sie mit Freude erfüllte. ... Er stellte sich ihr Bild vor: „Jetzt geht sie durch den Garten und denkt an mich." Er liebte sie! Das sagte ihm die Ungeduld, die ihn aus dem Hause und in ihre Nähe trieb. . . Endlich schrieb er es in einigen Zeilen nieder und trug den Brief mit sich. . . Bis er sie eines Sommernachmittags wiedersah. Erst gingen sie einige Minuten schweigend nebeneinander. Dann gab er ihr den Brief und sie las ihn auf der Stelle. . . Sein Herz pochte hörbar und als er den Blick erhob, sah er die Zweige der Bäume im Winde schaukeln. . . . Jetzt liefe sie den Brief sinken und ging langssam weiter, den Blick zu Boden geheftet. Er folgte ihr. „Ist es viel oder wenig", fragte er leise, denn ihr Schweigen bedrückte ihn. „O, es ist sehr viel", flüsterte sie und sah ihn einen Augenblick an. Pause. „Jetzt sind Sie mir gewitz böse?" ...» „Wie könnte ich!" Sie ergriff seine Hand und drückte sie. „Ich ahnte es ja, aber ich dachte nicht, datz Sie es sagen werden. „Ich hätte es nicht sagen sollen, gewitz, aber es war stärker als ich. Ich glaube, datz ich sonst keine ruhige Minute mehr gehabt hätte — darum schrieb ich es." . . i „Sie haben es ja auch nicht gesagt — nur geschrieben", bemerkte sie und lächelte. . . . Und wieder fühlte er ihren Händedruck. Aber ihre Augen waren traurig. „Es ist nicht viel, was ich Ihnen bieten kann", sagte er. „Aber in meinem Inneren ist eine Kraft, die mehr ist als alle Güter. . . Da gehe ich herum und sinne und wenn es gereift ist, wird es ein grotzes Werk sein... Denken Sie, wie viel das für mich wäre, wenn Sie an mich glauben würden. . . . Oft, wenn mich die Sorgen überkommen, mutz ich plötzlich lachen, denn ich fühle, wie reich ich bin. . . ." Er brach ab. nahm ihre Finger und kützte sie. Sie stand still neben ihm, ergriffen vom Ereignis dieses Tages und ihre Augen suchten etwas in der Ferne. - (Fortsetzung folgt.) jtierctar. Bon Ghetto zu Ghetto. Reisen und Beobachtungen von E. N. Adler. Autorisierte Uebertragung aus dem Englischen. 236 Seiten. Mit 50 Abbildungen. Gehestet M. 3.50, gebunden M. 4.50. Verlag von Strecker u. Schröder in Stuttgart. Der Verfaffer, einer der besten Kenner jüdischer Kultur un d Eigenart und als scharfsinniger Semitologe auch über den engereu Kreis der Fachwissenschaftler hinaus rühmlichst bekannt, gibt in dem vorliegenden Werk eine Art Kulturgeschichte der Juden unserer Tage. Eigene Beobachtungen, auf zahlreichen Reisen und in vier Erdteilen gesammelt, sind hier graziös, oft mit feinem Humor mitgeteilt. Ohne jede Voreingenommenheit beobachtet der Verfaffer, er sieht scharf und verurteilt gelegentlich unerbittlich; als Sohn des Chief-Rabbi von Großbritannien war er in der glücklichen Lage, manche Pforte auf-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.