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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-03-18 · 11 (18.3.1910) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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ra Seite 192 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 11 Ei« antisemitischer Polizeikommissär in Konstantiuopel. Bor einigen Tagen geriet in Konstantinopel während der Ueberfiedlung von einem Bezirk in den andern mit den Möbelpackern ein Jude namens Gamliel in Streit, so daß der Jude sich gezwungen sah, beim zuständigen Polizeikommisiär Klage zu führen. Anstatt der vorgebrachten Klage auf den Grund zu gehen, herrschte der Polizeikommisiär den Juden und seine mit ihm erschienene Familie an, beschimpfte sie und rief schließlich: „Die Juden wurden aus Rußland und Rumänien vertrieben und bald werden sie auch aus der Türkei verjagt werden!" Der Chacham Baschi Nahoum, bei dem die Juden sich über das Verhalten des antisemitischen Polizeikommisiärs beschwerten, hat hierüber beim Minister des Innern offizielle Klage geführt. Der Boykottbeschluß der Rigaer Juden. Nahezu die gesamte Preffe Rußlands beschäftigt sich mit einem Beschluffe der Rigaer Juden, der alle Achtung verdient. Der Dubelener Polizeimeister hat nämlich bei allen Villenbefitzern am Strande des Rigaer Sees, in Bilderlingshof, Mariunhof, Jrguenberg Unterschriften für eine Erklärung gesammelt, daß sie im kommenden Sommer an Juden keine Wohnungen vermieten werden. Eine Ausnahme machte der Polizeimeister bloß mit der Sommerfrische Dubelen, die er den Juden gnädig freigab. In einer jüngst stattgehabten Versammlung der angesehensten jüdischen Bürger von Riga hat nun der Herr Polizeimeister die gebührende Antwort erhalten. Die Anwesenden verpflichteten sich ehrenwörtlich, im kommenden Sommer überhaupt keinen Badeort oder eine Sommerfrische in der Nähe von Riga zu besuchen. Demnach wird der Herr Polizeimeister auch die Dubelener Villeukolonien judenrein behalten, so lange er die übrigen Badeorte den Juden verschloffen hält. Die Ausweisung der Juden aus Rußland. Die Ausweisung von Juden aus Rußland erreicht nach einem heute dem Hilfsverein deutscher Juden zugegangenen Telegramm aus Petersburg eine Höhe wie nie zuvor. Während früher sogar zur Zeit Plehwes die mit Ausweisung Bedrohten gegen die Willkür der letzten Administration durch das Ministerium des Innern häufig geschützt wurden, gehen jetzt die Ausweisungen vom Ministerium selbst aus. Augenblicklich werden Hunderte von Familien aus Riga, Kasan, Morschansk ausgewiesen, die zum Teil Jahrzehnte dort gewohnt haben. Das Wohnrecht der Juden in Moskau. Aus Petersburg wird berichtet: Das Amtsblatt publiziert einen Gnadenakt des Zaren, durch welchen allen jüdischen Familien in Moskau, die zur ersten und zweiten Gilde gehören und bisher kein Wohnrecht in der Stadt Moskau und den Städten des Gouvernements Moskau besitzen, das Recht erteilt wird, ohne besondere Erlaubnis, wie sie der Beschluß des Ministerpräsidenten vom 22. Jänner 1899 vorschreibt, in den erwähnten Städten zu wohnen. Durch diesen Gnadenakt wurden mehrere jüdische Familien vor sicherer Vertreibung geschützt. Jüdische Sekten unter den Doner Kosaken. Im Kubaner und Doner Bezirke gibt es schon seit Jahren verschiedene religiöse Sekten, die sich in ihren religiösen Anschauungen von der offiziellen, ruffischen Kirche stark unterscheiden. Vor einigen Jahren entstand nun unter den Kosaken eine neue Sekte, die den Namen „Das neue Volk Israel" führt und ungefähr tausend Familien zu ihren Anhängern zählt. Die Mitglieder der Sekte beobachten die Gesetze, halten jedoch auch einige christliche Feiertage. Ein Teil der Sekte hat sich jetzt abgesondert und predigt verschiedene, epikuräische Lehren, die, wie es scheint, gefährliche Dimensionen annehmen, da die Verwalter der Kosakengebiete jetzt bei der Regierung die Anwendung energischer Maßnahmen zur Unterdrückung dieser neuesten Sekte betreiben. Die Familie Pedroechi in Padua. Ein römisches Blatt schreibt: Der Stolz der Paduaner ist nicht ihre uralte Universität, welcher die wißbegierige studierende Jugend aus allen Weltteilen zuströmt, auch nicht ihre berühmten Kunstdenkmäler, sondern das alte, weltberühmte „Cafs Pedrocchi". Die Stadtbewohner orientieren sich stets nach dem „Cafe Pedrocchi". Frägt man nach der Post, so erhält man zur Antwort: „Gegenüber dem Pedrocchi". Die Universität?: „Nächst dem Pedrocchi". Dieses berühmte Kaffeehaus hat der Jude Carlo Pedrocchi im Jahre 1831 erbauen lassen. Das Gebäude mit seinen offenen Loggien und korinthischen Säulen macht auch heute noch den Eindruck eines sehr schönen altertümlichen Palais. Pedrocchi, der einer uralten italienischen jüdischen Familie entstammte, hatte die Ambition, daß sein Kaffeehaus das schönste in Europa sei. Er ließ unverschließbare Türen anbripgen, so daß das Cafe Pedrocchi seit seiner Eröffnung auch niemals geschloffen war. Carlo Pedrocchi starb kinderlos und er hinterließ sein Kaffeehaus der Stadt Padua, die es in eigener Verwaltung weiterführt. Pedrocchi war einige Zeit auch Bürgermeister von Padua. Gegenwärtig ist der Bürgermeister gleichfalls ein Jude, M. Levi, auch der Rektor der Paduaner Universität ist ein Jude u. zw. der jüngst zum Senator ernannte Professor Vittorio Polacco. Der König von Italien beim Bildhauer Bito Pardo. Aus Rom wird berichtet: Vor einigen Tagen erschien König Victor Emanuel mit seinem Adjutanten unangemeldet in dem im Schlosse Saint-Ange gelegenen Atelier des Bildhauers Vito Pardo, um die neueste Schöpfung des aus einer alten venezianischen jüdischen Familie stammenden Künstlers zu besichtigen. Es ist dies ein Kolossalmonument zum Andenken an die Schlacht bei Castelfiardo und die Einverleibung Umbriens in das vereinigte Königreich Italien. Das Monument, eine sechs Meter hohe Reiterstatue des Generals Cialdini, um den sich ungefähr 40 verschiedene Figuren erheben. Der König verblieb nahezu eine Stunde im Atelier des Künstlers, dem er seine herzlichste Gratulation für das ausgezeichnete Gelingen des großen Werkes ausdrückte. Jermolow und Luzzatti. Der gewesene russische Ackerbauminister, Senatsmitglied Jermolow, hielt, wie „Rjetsch" mitteilt, in einer Versammlung der Vertreter des Handels und der Industrie einen Vortrag, in welchem er die Notwendigkeit einer italienisch-russischen Handelskammer darlegte. Jermolow lobte hiebei „seinen alten guten Freund Professor Luzzatti, der nicht nur in Italien, sondern in der ganzen Welt berühmt ist und mit der Idee der Entwicklung der Handelsbeziehungen zwischen Italien und Rußland sehr sympathisiere". Mit feiner Ironie empfiehlt nun „Rjetsch", die geplante russisch-italienische Handelskammer nicht in Petersburg, sondern in Rom zu errichten, da Jermolow sicher sein könne, daß man ihn in Rom freundlich aufnehmen werde, während aber sein weltberühmter Freund, Minister Luzzatti, wenn es ihm einfiele, nach Petersburg zu kommen, im Verlauf von 24 Stunden ausgewiesen würde und es Jermolow sicherlich peinlich wäre, sich für Luzzatti einzusetzen, da er in diesem Falle von seinen antisemitischen Leibblättern als Judenknecht würde verschrieen werden. Eine jüdische Konferenz gegen Frauenhandel. Am -4. April findet in London eine von jüdischen Organisationen beschickte, internationale Konferenz gegen den Frauenhandel statt. Die Konferenz wird vom 4. bis 8. April tagen. Das von der Londoner jüdischen Gesellschaft zur Bekämpfung des Mädchenhandels, von der die Einladungen ausgegangen sind, aufgestellte Programm ist bereits fertiggestellt. Montag den 4. April: Empfang der auswärtigen Gäste bei Lady de Rothschild.

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