Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 187 von Lueger wider besseres Wissen dem Volk von Wien vorzulegen. In einer andern Epoche noch und bei einer andern historischen Gelegenheit begegnen wir einem Bürger des Namens Lueger. Es war dies das Jahr der furchtbaren, von Herzog A l b r e ch t ungeordneten Judenverfolgung, über welche uns die von Dr. I. Zeibig im „Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen" publizierte „Kleine Klosterneuburger Chronik" eingehend berichtet. In dieser Chronik heißt es nun (Bd. VIII, S. 245) wörtlich: „Darnach am schwarzen suntag Mordert man dieselben ..jaden, all die zeigten viel guets an, vnder der erden, zu „Wien und hat man allein verprent 240 person, ein jüdin „zu closterneuburg liess sich tauften und wardt genant „barbar a, hat vor zu der ehe den schebelein juden „gehabt, die nam darnach zu der ehe nicl äsen, des „lueger, eines ehrbaren burgers son.“ Die dem Flammentode entgangene Gattin des Juden Schebelein, die in der Taufe den Namen Barbara erhielt und sich mit Niclas Lueger zum zweitenmale verehelichte, war somit die Stammmutter des Bürgermeisters Dr. Karl Lueger. Diese historische Tatsache ist dem „Deutschen Volksblatt" nicht ganz unbekannt. Die „Oesterreichische Wochenschrift" hat bereits in Nummer 5 vom 5. Februar 1897 auf den Wortlaut jener Klosterneuburger Chronik hingewiesen. Herr Vergani hatte darob gegen uns den Vorwurf erhoben, daß wir in dem Bestreben, „Lueger in den jüdischen Schmutz hinabzuziehen", die alten Chroniken durchstöberten. Wir haben darauf in Nummer 6 obgenaunten Jahrganges geantwortet: „daß bei dem Studium der alten Chronik unser Interesse weniger von dem Namen Lueger gefesselt wurde, als vielmehr von dem Berichte über das Verhalten jener unglücklichen Juden, die durch die finsteren Dämone des Glaubenshasses einem gräßlichen Tode geweiht wurden. Uns, und wohl Jeden, der menschliches Gefühl im Herzen trägt, ergreift auf das tiefste das Schicksal dieser Armen, die ihr Leben lieber Preisgaben, bevor sie ihren Glauben verrieten, die den Scheiterhaufen bestiegen, um nicht dem Gott ihrer Väter abtrünnig zu werden. Alle, alle, Greise und Jünglinge, Frauen und Mädchen, gingen ruhig und gottergeben, ohne alle Pose des Heldentumes, das Bekenntnis des Einig-Einzigen auf den Lippen, in den Flammentod, den. die patentierten Verehrer der Religion der Liebe über sie verhängt hatten. Zu Wien allein hat man „Verprent 240 Person". * Wie viele haben durch das Opfer ihrer religiösen Ueberzeugung Leben und Vermögen gerettet? Eine Einzige! Alle, alle, wurden Märtyrer ihres Glaubens, eine Einzige ausgenommen, die berusin war, die Stammmutter Luegers, des grimmigen Judenhassers, zu werden. Uns greift das Schicksal dieser schlichten, glaubenstreuen Menschen ans Herz, die für ihre Ueberzeugung starben, ohne dabei selbst von dem Gedanken getröstet zu werden, daß sie dereinst als Märtyrer heilig oder selig gesprochen würden» Sie starben als Juden, weil sie nur als Juden hatten leben wollen. Und noch eines erschütterte uns beim Studium der alten Chronik. Wir sagten uns: So starben Bekenner einer Religion, Abkömmlinge eines Volksstammes, denen der erstbeste freche Lump, wenn er sich stolz Antisemit nennt, jede ideale Regung, jedes edle, bessere, höhere Ge« fühl abspricht. Das sind die Juden, die, verkommen in Habsucht, nichts als das gemeine Geld lieben, für das sie alles, alles zu opfern bereit sind . . ." „Das, Herr Vergani, lag uns am Herzen, als wir die alte Chronik lasen. Der Name Lueger interessierte uns nur so nebenbei. Mit dem Schauer der Ehrfurcht, dem ideales Menschentum uns einflößt, lasen wir von den Hunderten, die ihr Leben .für ihren Glauben opferten und nur einen Augenblick verweilten wir bei dem Namen der Einen, die ihr Volk, ihren Glauben, ihren Gott verließ, um ihr Leben zu retten." Wir wiederholen das, was wir im Jahre 1897 schrieben und das noch heute ohne Einschränkung gilt. Und ein künftiger Historiker, der das Lebensbild des verstorbenen Bürgermeisters gerecht und unparteiisch zu zeichnen unternehmen wird, dürfte vielleicht manche Wesenszüge seines Charakters auf Nachwirkungen des Blutes zurücksühren und in mancherlei Merkmalen seines Charakters den Geist der Ahnfrau, der Jüdin Schebelein, nachmals Barbara Lueger, verspüren. Vom Zabrmarkt des Lebens. Erster Bizebürgermeifter von Wien Dr. Porzer. Der Ur-Urgroßvater des Herrn Dr. Porzer war ein jüdischer Hausierer in Mähren, der von Dorf zu Dorf seine Ware feilbot. Dessen Sohn, der sich einige kaufmännische Bildung erworben hatte, zog nach Brünn und nahm, als Kaiser Josef II. anordnete, daß die Juden Familiennamen sich beilegen müssen, den Namen Neustem an. Früher hieß er kurzweg „Reb Jontef". Sein Sohn Heinrich überfiedelte anfangs der Dreißiger-Jahre nach Wien, wo er ein Geschäft mit rohen Kuh- und Ochsenhäuten etablierte. Mit einem Mädchen namens „Kohn" verheiratet, wurde Heinrich Neustem, der Sohn des „Reb Jontef", Vater mehrerer Kinder, deren Aeltestes ein Mädchen namens Betty war, und diese ist die Mutter des Herrn Dr. Porz:r. Schon 23 Jahre alt, nahm sie die Taufe, um den Wiener Kaffeesieder Porzer, in einer schmalen Seitengasse des Grabens in der Innern Stadt Wien, zu heiraten. Diese getaufte Jüdin hat sich um die Erziehung ihres Sohnes, der frühzeitig eine eminente Begabung und große Fähigkeit an den T ' legte, nicht bloß große Mühe gegeben, sie hat auch die größten Opfer gebrach:, um ihn zu seiner jetzigen Stellung zu erheben. Ein Sohn Heinrich Neusteins, ein Bruder der Betty und Onkel des Herrn Dr. Josef Porzer, war der Börsenbesucher N e u st e i n, dessen witzige Epigramme über stadtbekannte Persönlichkeiten seinerzeit in Wien kursierten. Ein Enkel aus dieser Familie, ein Kufin des Herrn Dr. Porzer war der erste Sekretär der Wiener israel. Kultusgemeinde, der auch gelegentlicher Mitarbeiter der „Oesterr. Wochenschrift" war, nämlich der Dichter Ludwig August Frankl Ritter von H o ch w a r t. (Vergl. „Oesterr. Wochenschrift" vom 18. September 1891, Nr. 37.) Die jüdische Hygiene in Dresden 1911. Die Gruppe „Hygiene bei den Juden" auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden 1911 soll zum erstenmale an öffentlicher Stelle einen Ueberblick über Wertung, Gestaltung und Entwicklung der hygienischen Ideen im privaten und öffentlichen Leben des Judentums seit den ältesten Zeiten bis auf die Neuzeit bieten. Die Ausstellung soll zum Auge sprechen und darum ausschließlich anschauliches Material bieten. Die einschlägigen Stellen des jüdischen Schrifttums werden nebst Quellenangabe und deutscher Uebersetzung gedruckt und auf einzelnen Blättern systematisch geordnet ausgestellt. Auch besonders bemerkenswerte, den Gegenstand behandelnde Codices fallen in diese Rubrik, deren Einrichtung die Aufgabe eines Kreises von Fachgelehrten bildet. Gegenstände jeder Art, die das jüdische Leben früherer Zeiten unter dem Gesichtswinkel der Wohlfahrtspflege im weitesten Sinne zu beleuchten geeignet find, werden im Original, in Nachbildung oder in Rekonstruktion von Museen oder privatenSammlern erbeten. Das städtische Museum in Frankfurt a. M. und die jüdischen Museen in Hamburg und Wien haben bereits mitzuarbeiten sich bereit erklärt. Die humanitären Bestrebungen der Juden in der Neuzeit sollen dadurch zur Darstellung gelangen, daß die jüdischen Gemeinden und Vereine von den ihrem Einfluß unterstehenden Synagogen, Schulen, Armen-, Kranken-, Alten-, Waisenhäusern, Schlachthöfen, rituellen Badeanstalten und Friedhofsanlagen Modelle, nur im Notfälle Photographien, sowie anschauliche Statistiken ihrer sozial-ethischen Budgets und des Vereinswesens einsenden. Zu diesem Zwecke empfehlen sich die Bildung von Lokalkomitees, wie sie für London und Wien zugesagt find, oder Maßnahmen der großen jüdischen Verbände, von denen zunächst die Jewifh Colonifation Association und die Großloge für Deutschland (U. O. B. B.) tatkräftig Mitwirken.