Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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«ete 186 De. Blochs Wochenschrift. Nr. 11 Minister des Auswärtigen Jswolski, als Ministerpräsident Stolypin am Ruder «sind, welche ihre europäische Gesittungnicht genug loben lassen können. Aber, wenn die Preßorgane der russischen Regierung über die Begründung der Ausweisungen schreiben werden, werden sie sicherlich zur Behauptung kommen, daß man nicht anders mit einem Volk verfahren könne, dessen Verderbtheit und Korruption alle Mittel heilige, welche Vorteil bringen, deren Erwachsene das Volk erbarmungslos aussaugen und deren Jugend den Nihilismus und Terrorismus fördere. Man mutz gegenüber der unermüdlichen antisemitischen Verdächtigung auch die selbstverständliche und offenkundige Wahrheit immer wiederholen, daß die Juden in dem Kerker ihres Hungerrayons höchstens einander selbst aussaugen können und daß ihre 'Jugend mit 'ihren Verzweiflungstaten nur auf die Menschenhetze der Holigans mit und ohne Uniform antwortet. Die ganze Gehässigkeit des russischen Antisemitismus von Staats und Amts wegen, alle die Verdächtigungen der Juden als skrupellosen und aufrührerischen Volkes aber zeigen sich eben jetzt im schönsten Licht, da der Zar den Serbenkönig empfangen wird. Ihn, den gekrönten Terroristen, der seinen Vorgänger auf dem Throne ermordet hat. Ihn, der zu fkruppellosem Vorteil sein Verbrechen beging, das man nun aus skrupellosem politischem Vorteil für Rußland billigt. Aber, sowohl Serben als Russen sind geschworene Judenfeinde. Zu diesen Vorgängen gibt es nur die Kritik des Wortes, das zwar schon stark abgebraucht ist, aber das einzige ist, das die Situation genügend bezeichnet. Das ist das Wort des edeln Kaisers Friedrich, der vom Antisemitismus als der Schmach des Jahrhunderts gesprochen hat. Die Abstammung De. Kart Luegers. Vor der Majestät des Todes haben wir die Fahne gesenkt. All der Kummer und alles Leid, welches der verstorbene Bürgermeister Dr. Karl Lueger im Laufe und Behufe seines Aufstieges dem österreichischen und speziell dem Wiener Judentum zugefügt hat, war für einen Moment aus dem Gedächtnis ausgelöscht. Au der Bahre des Toten sollte der Haß schweigen: so denken wir Juden. „Der Tod sühnt und versöhnt", lehrt der Talmud. Dem Arier ist diese semitische Auffassung, wie es scheint fremd. Haß und Groll verstummen nicht im Angesicht der Leiche; weder die arischen Feinde des verstorbenen Bürgermeisters noch seine Parteimänner respektierten die Majestät des Todes. Am Tage seines Hinscheidens schrieb das „Alldeutsche Tagblatt" unter dem Titel „Einer Lebenskomödie Ende". Der Vernichter vieler Existenzen ist vernichtet. Von einer Trauer oder auch nur einer Teilnahme unsererseits kann keine Rede sein, denn der Mann, dessen Ueberreste im Rathause liegen und einer pomphaften Bestattung harren, war uns mehr als ein parteipolitischer Gegner, er war die Verkörperung aller gegen das deutsche Volk in Oesterreich gerichteten Plane und Unternehmungen, das jederzeit bereite Werkzeug der slavischklerikalen Politik. Seinen Tod mögen die Lenker dieser Politik betrauern, denen er seine volkstümliche, dmch keinerlei Grundsätze gezügelte Agitationskraft zur Verfügung stellte. Wie Dr. Lueger antiklerikaler Demokrat war, wie er dann vorgab, antiliberaler Antisemit zu sein und sich an Schönerer anbiederte, um schließlich, bar jeder ernsten Ueberzeugung, den nationalen Antisemitismus an das römische Pfaffentum preiszugeben und der gute Freund der Juden zu werden, das hat sich ja vor unseren Augen abgespielt. Lueger war für alles und für alle zu haben, die ihn seinem eigentlichen Ziele. Bürgermeister von Wien zu werden, näher bringen konnten. Wo immer es in politischer Hinsicht einen Streich gegen die Stellung der deutschen Oesterreichs zu führen galt, führte ihn Doktor Lueger mit, indem er sich mit Slaven und mit den jüdischen Sozialdemokraten verband, wie gelegentlich der Einführung des gleichen Wahlrechtes. Sein politisches Wirken war verwüstend, für die Deutschen unheilvoll, denn er war der Führer einer durch und durch korrupten, gesinnungslosen, nur von egoistischen Motiven getriebenen Partei, die immer den Feinden unseres Volkes zur Verfügung stand. Den Tod dieses Mannes können wir nicht betrauern und alle Regungen menschlicher Teilnahme, die sonst durch den Tod auch von Gegnern wachgerufen werden, werden in diesem Falle von der lebendigen Erinnerung an die grausame Rücksichtslosigkeit zurückgedrängt, mit der Dr. Lueger alle verfolgte, die über d as verfügten, was ihm fehlte: der Charakter. Das „Deutsche Volksblatt" hinwiederum bemüht sich in der Trauernummer vom 10. März das Hinscheiden des Bürgermeisters zu einer Judenschmähung und Judenhetze im großen Stile auszubcuten. Das geschah in der Form einer Zusammenstellung und Aneinanderreihung „markanter Aussprüche Dr. Luegers." Der bekannte und viel zitierte Satz des verstorbenen Bürgermeisters, daß nur ein „Dummkopf oder ein Schuft Antisemit sein kann", findet sich freilich nicht unter den zitierten Kernsprüchen. Das von Dr. Lueger verfaßte Programm der demokratischen Partei im Juli 1883 lautet im 4. Punkt: „Wir halten an dem Grundsatz der Gleichstellung aller Konfessionen, jedoch unter der Einschränkung fest, daß das Interesse der Gesamtheit nicht durch einzelne Bestimmungen der einen oder der anderen Koufession verletzt werde. Auch dieser Satz wurde wohlweislich übergangen. Erwähnenswert wäre auch eiuAusspruch vom25.Februar 1893 (Sitzung des niederösterreichischen Landtages.) Dr. Lueger: „Ich kann nicht umhin, auch der famosen Geschäftsordnung im Wiener Gemeinderate Erwähnung zu tun, die man eigentlich „Knebelungsordnung" neunen sollte. Die Majorität dreht fortwährend Stricke, um die Minorität zu bindeu." 1886 im Gusthof zum „Schwarzen Adler" sagt Doktor Karl Lueger zu Dr. Ferdinand Kronawetter: „Na, wir werden halt sehen, welche Bewegung stärker sein wird: die demokratische oder die antisemitische; danach muß man sich einrichten." In den Reden Dr. Luegers findet man denn auch für jede nur mögliche politische „Ueberzeugung" Kernsprüche nach Auswahl. Allein noch in einem andern Belange erfordert die Darstellung des „Deutschen Volksblattes" eine wesentliche Ergänzung. Der offenbar längst vor den: Hinscheiden des Bürgermeisters abgefaßte Artikel, erzählt über „Dr. Karl Luegers Abstammung": „Zum erstenmal begnet man dem Namen in einer Urkunde vom 6. Februar 1354, in welcher ein „Hainrich der Lueger" und Katrei seine Frau, „alle gesessen zu Engelschatchdorf", die Teilung eines Nachlasses unter den hiezu Berechtigten bezeugen. In den ältesten Wiener Grundbüchern findet sich am 10. Februar 1386 der Name eines Peter Lueger verzeichnet, der mit Händen des Bürgermeisters Pauln des Holzkäuffels ein Haus, das er anstatt seines Schwagers Chunrats vom Steg, purger zu Steher, vor offenem Gerichte in der Bürgerschranne für die Geldschuld, welche Jmrik der Jöchtel und seine Hausfrau Margret diesem schuldete, besaß und das vor dem Werdertore unter den Segnern gelegen war, um 12 Pfund Pfennige an Jannsen dem Linsezzer und seiner „Getrauten" verkaufte." „Im Jahre 1407 erscheint ein Jakob Lueger als Bürgermeister der allezeit getreuen „Newnstadt" (Wiener-Neustadt). In einem Schreiben desselben an die Wiener Bürger Paul Gehr und Wolfgang dem Lettner erklärt Frau Margret, Jakobs des Luegers Hausfrau, daß sie ein Haus, „gelegen zu Wienn in der Vilczerstraß, Hannsen, dem Riemer", und seiner Frau verkauft habe. Ein zwertesmal begegnet man den Namen der Frau Margaret, als Jakob des Luegers selige Witwe (ihr Mann war also seither gestorben), Bürgerin in der Newnstadt, in einer Urkunde in der sie ihre Wiese unterhalb Ebersiorf an einen Chorherrn und Verweser „Unserer Frauenkapelle auf der Stetten" zu Wien verkauft. In einer aus dem Jahre 1410 datierten Urkunde des Herzogs Albrecht,. in der gleichfalls die Newnstadt als Ausstellungsort erscheint, wird ein Lueger als herzoglicher Kämmerer und Vertrauensmann bezeichnet." „Von dem in Wien ansässig gewordenen Geschlechte der Lueger wird der Name eines Joachim Lueger in — welches Spiel des Zufalles — Gemeinschaft eines Matthäus Neumair und noch zwei anderen Wiener Bürgern als „geschworene Vierer" in einer Urkunde vom 27. März 1561 genannt." Wir müssen auch dem Erinnerungsvermögen des „Deutschen Volksblattes" ein wenig nachhelfen; es geht nicht an, eine tendenziös lückenhaft zugerichtete Geschichte derer