Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 10 Dr. Bloch’s Jaftrnanflxxvn Zentraloraan für die gesamten linteressen des Judentums. -□ □- Wien, 18. Miirz 1910 LrscLetnt jeden Frettag. - Brief-Adresse: Wien. IX/i. Hahugaffe 15. ® Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. O Cr= ■■ ==D o? Vrrugsprris für Vefierreich: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespaltene Petttzeile 24 Heller. C o O . -Q o K. ft. Poflsxarkaffrnarnt Sleartng-Verkebr Nr. S10.976. RedaMon und Administration: Virn IX/i, Hahngasse Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. Inhalt: Leitartikel: Zarenmoral. — Die Abstammung Dr. Karl Luegers. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Erster Vizebürgermeister von Wien Dr. Porzer. Die jüdische Hygiene in Dresden 1911. Der Einfluß der Ernährung auf jüdische und christliche Kinder. Ein wichtiges statistisches Buch über die Juden. Vittorio de Roffi. Teilverzeichnis der im Feldzuge gegen Italien und Preußen im Jahre 1866 „für Tapferkeit" mit Tapferkeitsmedaillen dekorierten und mit allerhöchster Belobung ausgezeichneten jüdischen Soldaten. — Ein erneuter Appell für Erwerbung einer jüdischen Kolonie und Gründung eines Schwesternheims „Jeschuat Ziou" in Jerusalem. — Korrespondenzen: Der 70. Geburtstag des Vizepräsidenten der israelitischen Kultusgemeinde k. k. Landesschulrat Dr. Gustav Kohn. Der Preßbureauchef der ungarischen Regierung. Teplitz-Schönau. Juden in der kaiserlich ottomanischen Bank. Ein antisemitischer Polizeikommissär in Konstantinopel. Der Boykottbeschluß der Rigaer Juden. Die Ausweisung der Juden aus Rußland. Das Wohnrecht der Juden in Moskau. Jüdische Sekten unter den Dauer Kosaken. Die Familie Pedrocchi in Padua. Der König von Italien beim Bildhauer Vito Pardo. Jermolow und Luzzatti. Eine jüdische Konferenz gegen Frauenhandel. Der Postmeister bei den Makkabäern. Die neuen Mitglieder des London County Concil. Ernennung von Rufus Jsaacs zum Generalanwalt. Die Familie Montagu in der englischen Regierung. Der Arbeitsnachweis in East-End von London. Eine jüdische Schutzbrigade gegen Verunglimpfung der Juden auf der Bühne. Juden als Tabakpflanzer. Eine Organisation der Marschalliks. — Vermischtes. — Feuilleton: Jünglingsjahre — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Zarenmoral. Der König von Serbien rüstet zur Fahrt an den Hof in Zarskoje Selo, mit prächtigem Gefolge. Die Börsenspekulationen, die er mit kühlem Sinne machte, während in glanz Europa die Mütter um das Leben ihre: Söhne zitterten, erlauben ihm durch ihren glücklichen Verlauf ein imponierendes Auftreten. Minister und Generale werden sich in strotzenden Uniformen hinter ihm drängen und die Orden mit den wertvollen Andenken zusammen werden Listen füllen. Peter I. wird vor das Väterchen Zar mit möglichster Pracht und Grandezza treten, um zu zeigen, ein wie mächtiger Balkankönig er sei. Nur eine Erscheinung wird in seinem Gefolge sein, eine gebieterische Erscheinung, die unsichtbar ist und die doch alle Augen sehen, die nicht spricht und die doch alle Ohren hören werden: Das Gespenst des unglücklichen Alexander, den König Peter in jener elften Nacht des Juni 1903 durch gedungene Meuchelmörder ums Leben hat bringen lassen, um seinen Thron einzunehmen. Ein Schrei der tiefsten Entrüstung durchhallte damals Europa, als Peter Karageorgiewitsch durch eine noch dampfende Blutlache zum Konak watete, um sich hier eine geraubte Krone auf den schon ergrauten Kopf zu setzen. Was im Leben und im Gesetze immer Mord heißt, ist in der Geschichte oft noch eine Heldentat und ein patriotisches Beginnen. Dann allerdings nur, wenn die blutige Tat einem Tyrannen galt, von dem man sich nicht anders befreien konnte, und an dessen Stelle nun eine gerechte und gute Herrschaft tritt. Peter von Serbien hat zwar keinen Tyrannen, sondern blotz einen Schwächling getötet, der sein Land nicht geschädigt, sondern bloß vernachlässigt hat. Immerhin aber hatte er noch Gelegenheit, sich mildernde Umstände vor dem Richterstuhle der Mitwslt zu erwerben, indem er eine gute und besorgte Herrschaft übte. Was hat er aber in Wirklichkeit getan? Er hat seinen wahnwitzigen Sohn Georg nach Belieben schalten und walten lassen, er hat sich den Verschwöreroffizieren mit Haut und Haaren verkauft und hat ihnen die höchsten Stellen eingeräumt, er hat sein Land in fieberhafte Abenteuer gestürzt. Wie eben einer wirtschaftet, der schwach ist und die Aufmerksamkeit von sich abzulenken sucht, der sich eines schweren Verbrechens aus schmutziger Habsucht bewußt ist und in jedem Augenblick die gerechte Strafe befürchtet. Er ist denn und blieb denn auch für Europa der Mörder auf dem Königsthrone, und trotz aller heißen Bemühungen seines Milovanovic, des Ministers des Aeußeren, weigerte sich jeder Monarch, ihn zu empfangen, was für Peter von Serbien die Entsühnung und Ehrenrettung bedeutet hätte. Bloß der Zar erklärte sich jetzt bereit dazu. Trotzdem erst im Vormonat ein Serbe öffentliche Klage darüber geführt hat, daß ihm Peter das bedungene Unterhändlergeld für den Königsmord noch nicht gezahlt habe, trotzdem Peter vor den Nachstellungen seines eigenen Sohnes nicht sicher ist, wird er von Nikolaus II., der nicht nur der Herrscher von Rußland, sondern auch der Papst der griechisch-orthodoxen Religion ist, empfangen und als Freund willkommen geheißen werden. Weil es der Vorteil von Rußlands Politik so verlangt, wird Nikolaus II. dem Serbenkönig die blutige Rechte drücken, wird das Herz an das seine legen, das vor sieben Jahren tückische Mordpläne spann. Nach Petersburg wird der Karageorg wohl auch noch andere Höfe besuchen. Aber diese können dem unwillkommenen Gaste nicht mehr ausweichen, dürfen wegen berechtigten Gefühlen keine Nützlichkeit versäumen, nachdem einmal der mächtige Zar den Königsmord gutgeheißen und den Täter als seinen Freund bewillkommnet hat. Auf Rußland wird die Verantwortung vor der Geschichte lasten, daß es den Gang der Kultur im zwanzigsten Jahrhundert aufgehalten und die rohen Instinkte gefördert hat, indem an seiner höchsten Stelle der Königsmord gebilligt wurde. Dagegen halte man eine Nachricht, die gerade einläuft, während diese Zeilen geschrieben werden. Aus einer ganzen Reihe russischer Städte werden so viel jüdische Familien ausgewiesen, daß man wieder von einem Nationalunglück der russischen Juden sprechen kann und die jüdische Wohltätigkeit im Westen wird wieder für.einen Akt der gemeinsten despotischen Willkür große Summen auftreiben müssen. Die Ausweisung ist ohne jeden Grund erfolgt, in ruhigen Zeiten des Staates und während als