Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021884--19118-3044082- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 182 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 10 behindern ihn in seinem Schaffen und in seiner Entwicklung als Jude und als Mensch. Und wenn er in seiner künstlerischen Betätigung die jüdische Note sucht, bleibt er bei der äußerlichen Karikaturzeichnung Deshalb sind seine Menschen eine formlose, schwach umriffene Maffe, ohne Halt, ohne Knochengerüste. Der Ostjude von heute hingegen ist in seiner Seele Einheit. Mag er auch ein kleiner Jude und ein kleiner Mensch sein, immer sind Jude und Mensch bei ihm organisch verwachsen. Deshalb ist er in seiner Entwicklung und in seinem Schaffen vollkommener und gesünder; seine Menschen sind lebendiger und künstlerischer, seine Probleme inenschlicher und jüdischer. Das Stück „Zirikgekimen" von Schalom Asch ist mehr Stimmungsgemälde, behaftet mit allen Mängeln des Dramatikers Asch, aber auch mit allen Vorzügen des feinen Lyrikers und Psychologen Asch, als der er uns in seinen hebräischen und jüdischen Novellen entgegentritt. Eigentlich ist es kein Drama. Auf der Bühne geschieht nichts. Es sind Monologe und Dialoge mit gut ziselierten und pointierten psychischen Finessen. Die Idee ist eine alte. Sie ist mehrmals in der westeuropäischen und in der „Haskalah"-Literatur anzutreffen: die jüdische Jugend fühlt sich beengt im elterlichen Hause und will hinaus in die freie, große, leuchtende Welt. Bei den anderen ist diese Idee mehr rat onell behandelt worden, A s ch hingegen bringt die psychische Seite in den Vordergrund. Sein Duvid will hinaus aus der engen finsteren Stube. Das kalte, starre Leben und die „toten" Lieder lasten ihm auf dem Herzen. Er phantasiert von dem strahlenden Lichte, von einem neuen Gotte, einer neuen Thora in der neuen Welt, die jenseits seiner engen Gasse ihren Anfang nimmt. Er ist aber zu sehr verwachsen mit den kleinen und großen Büchern seiner Stube, um leichten Herzens diese alle Welt verlaßen und die wärmenden Strahlen der neuen Welt finden zu können. Er zieht fort .... Nach siebenjähriger Abwesenheit kommt er mit gebrochenem Herzen zurück. Die Prophezeiung seines frommen Schwiegervaters ist in Erfüllung gegangen: Die neuen Götter, die er sich selbst schuf, hat er mit eigener Hand zertrümmert und in seinem Lebensmute geknickt, steht er vor ihm und wünscht sich die alte Ruhe wieder. Wird er sie finden? Wird er wieder in der alten Welt leben können? — Der alte Schwiegervater antwortet: Vielleicht? Aber der kleine Jechaskale, sein Sohn, sagt: „Einen solchen Vater will ich nicht!" Das ist A i ch's Auffaffung des Problems, eine moderne und künstlerische Auffassung, und die Bearbeitung zeichnet sich, trotz der vielen Mängel, durch innerlich feine Poesie aus. Aufgeführt wurde das Stück mit geringen Mitteln und mit großem Erfolg. Hervorzuheben sind eigentlich alle Mitspielenden, Frau Siegler als Schwiegermutter, Fräulein Weintraub als Gattin Duvids, Herr Podzameze als Schwiegervater und Herr Siegler als Duvid trugen Jeder dazu bei, die Stimmung des Abends' zu vertiefen. Es sind Künstler, auf der Höhe ihrer Aufgabe. Im Ganzen kann sich der „Hasomir" zu seinem ersten Schritte beglückwünschen. So einen angeregten, künstlerischen, jüdischen Abend hatte es schon lange nicht in Wien gegeben. Litrrakrr. Gegen die Schundliteratur! Ab 1 Oktober 1909 begann zu erscheinen der III. Jahrgang der illustrierten Monatsschrift für volkstümliche Literatur: „Die Quelle". Unsere Dichter und Künstler in Wort und Bild. Die ersten Hefte dieser in ganz Oesterreich und Deutschland als gediegen anerkannten Monatsschrift werden enthalten unter Anderem: Illustrierte Charakteristiken über Marie Ebner von Eschenbach (ver^l. Oktoberhcft), Adolf Pichler, E. v. Handel-Mazetti, F. v. Saar, W. Fischer (Graz), Emil Ertl rr. nebst umfassenden, zumeist ungedruckten Novkllen von Adolf Pichler, Ludwig Anzengruber rc. Ferner zahlreiche Bilder und volkstümliche Aufsätze über Hans Thoma, Millet, Uhde, Leibl, Segantini, Hugo Wolf, Beethoven rc., sowie ungedruckte, prächtige Humoresken. Novellen and Gedichte unserer ersten Autoren. Der österreichische Altmeister Stephan Milow, über dessen Bedeutung Literarhistoriker, wie Dr. Ka l Storck, Professor Dr. Eduard Engel (vergl. Rrclam Nr. 5005, Max Heffe's Volksbücher Nr. 423/4 und Nr. 491/2) in ihren Literaturgeschichten sich so lobend geäußert haben, hat die seit Jahrzehnten vergriffene, umfaffende Erzählung „Verlorenes Glück" in gänzlicher Umarbeitung zum Erstdrucke beigesteuert. Preis jährlich mit Postzusendung nur K. 4.—. per Heft 30 Heller. Probeuummern nur an wirkliche Jntereffenten durch jede Buchhandlung und durch die Auslieferung für Oesterreich: Volksbuchhandlung Ignaz Brand u. Co., Wien, VI., Gumpendorferstraße 18. Alle früheren Nummern sind bis auf den geringen Restbestand der I. I. David-, beiden Peter Rosegger- und besonders L. Anzengruber-Nummern, die um M. 1 (K 1.20) bar uachgeliefert werden, völlig vergriffen, was wohl der beste Beweis für die wirkliche Güte dieser den weitesten Volksmaffen bestimmten, konkurrenzlos billigen Monatsschrift ist. Herausgeber: Dr. Robert Reinhard, Wien, III., Heumarkt 7 Daselbst werden auch direkte Abonnements angenommen. Oestcrr. Postsparkaffenkonto Nr 104.513. Das Lebe« der Propheten «ach der arabischen Legende. Von Rabbiner Dr. I. Eisenberg erscheint gegenwärtig die von ihm selbst besorgte Uebersetzung arabischer Handschriften ins Hebräische, die Prophetenlegenden behandeln. Es ist höchst anziehend, zu verfolgen, wie sich diese von den Arabern geschaffenen Legenden in der Midraschliteratur wiederspiegeln, denn das ist vom wissenschaftlichen Standpunkte das wertvollste an der Arbeit Dr. Eiseubergs, daß der Nachweis erbracht ist, daß die Quellen vieler diesbezüglicher Midrascheczählungen in arabischen Werken zu suchen sind. Die Uebersetzung ist in leichtem, flüssigen Hebräisch gehalten. Es sei bemerkt, daß Doktor Eisenberg die Handschriften auch schon im arabischen Originaltext ediert und daß er beide Ausgaben mit orientierenden Fußnoten versehen hat. Die erste Lieferung der hebräischen Ausgabe bringt uns „Hiob" und „Moses" und wir sehen mit Interesse den andern angekündigten Heften, die die Legenden bis auf Jesus forts.tzen, entgegen. A. H. Prague. Annuaire des Archives Israölites 5670. Pari Eue ßaudin, 26, Archives Isra61ites. Der kleine Kalender enthält an literarischen Beilagen eine geschichtliche Revue und eine Ehrentafel des französischen Judentums für das abgelaufene Jahr, vom Grandrabbin Haguenauer eine Erzählung „I-e Talmud“, vom Kommand. Lipman ein Gedicht „ Justice“, in dem die Ungerechtigkeit Viktor Hugo's gegen das Judentum gegeißelt wird, der übrigens praktisch, was der Verfasser nicht berührt, sich als J.idenfreund gezeigt hat, und einige richtige Bemerkungen über Synagogenbauten von M. Godchaux. Im Kalendarium werden die Tage angeführt, an denen keine rituelle Trauung stattfind n darf, und die Preise für die synagogalen Ehrenfunktronen, die in vielen Fällen Einer dem Anderen kauft, um ihm eine Freude und Auszeichnung zu bereiten. E. Bibliothek der Gesamtliteratur Verlag von Otto Hendel, Halle a. d. S. ReuperJ. Im Reiche desLöwen. Klassische Tierfabeln aus aller Welt. Illustriert von A. Weßner, M. 1.-. Das anspruchslose Heftchen enthält eine vorzügliche Auslese deutscher, böhmischer, mährisch-wallachischer, polnischer, russischer, norwegischer, holländischer, flämischer, französischer, spanischer, maltesischer, italienischer, altrömischer, rumänischer, altgriechischer, arabischer, kurdischer. persischer, altindischer, japanischer und afrikanischer Fabeln. Eine hebräische (Nr. 87, Kopf und Schweif der Schlange) ist nach Daumer mitgeteilt. Leo Smolle. Mein liebes Wien. Schilderungen und Erzählungen aus der Kaiserstadt. Mit 20 Originalaufnahmen von Wiener Stadtbildern. Preis gebunden K 2.40. Verlag von Karl Graeser u. Cie. Wien. IV/2. Dieses Buch gehört vor allem der Jugend. Es ist keine Geschichte Wiens. Es schöpft nur Einiges heraus aus der Fülle seiner mehr als tausendjährigen Geschichte und schlingt darum die blühenden Ranken einiger der hübschesten Wiener Erzählungen. Das Büchlein will mehr anregen als gründlich belehren. Was es in erster Linie anstrebt, ist, schon in den Kleinen die Freude an dem schönen Wien zu vertiefen und ihnen den Geist und Charakter der alten Kaiserstadt aus ihrer Vergangenheit verständlich zu machen. Diesem Zwecke entspricht es vorzüglich. E. Krirfkasterr§ „Non quis, sed quid“: Sie haben Recht! Da das Purimfest in diesem Jahre auf Freitag den 25. März fällt, würde es sich empfehlen — um Mißverständnissen und falschen Deutungen vorzubeugen, diesmal am Purimfeste von Veranstaliungen öffentlicher Purimbälle abzusehen und jedes öffentliche Auftreten von Masken zu verhindern. Eventuell wären solche Veranstaltungen für die den christlichen Ostern nachfolgenden Tage zu verschieben. Josef R-, Wien: Dr. Rudolf Schwarz-Hiller ist aus dem Verbände des Judentums nicht ausgetreten. „Folklorist". Eine sehr einleuchtende Erklärung des Wortes „Holekreisch" gibt Rabbiner Dr. Levy in Brumath, Elsaß. Nach dem ersten Ausgange der Wöchnerin findet bekanntlich die „Holekreisch" statt. Das Bettchen oder die Wiege des Kindes wird von den herbeigeeilten Kindern, nachdem sie verschiedene Thoraverse, welche man ihnen vorsagt, im Chore nachgesprochen haben, in die Höhe gehoben, wobei sie einander zurufen: „Holekreisch, wie soll's Kind heißen?" Es bekommt dann seinen profanen Namen. Dies heißt richtig: „haut 1a creche“, d. h. „hoch die Wiege", und dieser französische Aufruf ist im. Volksmunde zu Holekreisch oder Holekrasch geworden. O. P. in N. Es ist richtig, daß einige Rabbiner beim Sudemahl speisen, einige aber nicht. Neuer Verein in Brünn. Die Errichtung eines Bethauses kann ohne Bewilligung des Kultusvorstandes nicht erfolgen. F. B. Der achte Tag Schewat 5619 fiel auf den 13. Jänner 1859. Dr. L. in Krakau. Der famose Privatdozent Dr. Theodor Lessing in Hannover, welcher in der jüngsten Zeit antisemitische Schmähartikel veröffentlichte, ist von jüdischen Eltern geboren, war später Protestant, jetzt ist er merkwürdigerweise wieder Jude.