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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-03-11 · 10 (11.3.1910) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
10 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
– (sequence 13)
Language
German
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flr. 10 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 181 Feuilleton. Mnglingsjahre. Roman von Hermann Blumenthal. XV. Aus Davids Auszeichnungen. 1. Du kennst diese Stadt erst, wenn du dich einsam und elend in ihr umhergelrieben hast. Unbeachtet schreitest du durch die Menge wie ,ein Schatten und keiner reicht dir die Hand, keiner spricht zu dir. Ohne Ziel schlenderst du dahin. An den Straßenecken hemmst du für einen Augenblick deine Schritte; aber alle Wege scheinen dir gleich aussichtslos und so irrst du weiter durch die Gassen, bis du dich in diesem Häusermeer müde gelaufen hast. Ich zeichne die Straßen, wie ich sie in einsamen Stunden gesehen habe. Um mich wogte der Lärm, doch meine Gedanken ruhten nicht. ... Mit der Zeit ward ich in diesen Gassen heimisch und jeder Winkel würde mir zu einer Erinnerung. Ich schritt dahin, zählte die Pferdebahnwagen und blickte durch die Mauern in die Wohnungen der Leute. . . . Und jede Gasse, jeder Fleck ward mir ein Stück Eigenlebens: von jedem Dinge, das mich umgab, trage ich nun meine eigene Vorstellung in mir. . . . ßo oft ich diese große, verkehrsreiche Straße passiere, muß ich an die Zeit Ludwig XIV. denken. Ich sehe prunkvolle Säle und wunderschöne Frauen mit Perlenketten und funkelnden Ohrringen, in Seidenkleidern, mit Goldbrokat und seltenen Stickereien verziert. . . . Hinter diesem breiten Haustor denke ich mir einen Gasthof aus alter Zeit. ... In der Wirtsstube zechen die Krieger und singen sentimentale Lieder und auf dem Hofe scharren die geschirrten Rosse ungeduldig die Erde... Bald wird sich das Tor auftun und die Soldaten werden über die Fahrstraße in die Ferne reiten. . . . Ich biege in ein enges Gäßchen ein und vor meinem geistigen Auge erscheint ein Kramladen mit wunderlichen Möbeln und vergilbten Büchern angefüllt. . . Es ist Abend. Beim Eingang sitzt ein Mütterchen, einen Strick-, strumpf in der Hand und über ihr hängt eine kleine Kupferlampe, die den schmalen Raum mit gelblichem Licht erfüllt. . . . Jetzt kommt ein Platz und ich stelle mir einen schattigen Garten und eine Villa im Grünen vor. Die staubige Landstraße dehnt sich in die Ferne und die Sonne brennt heiß: aber hier ist es kühl und das Häuschen träumt hinter mächtigen Baumkronen versteckt. . . 2. Es gibt Straßen, deren Aussehen schwer guf mir lastet. Ein Angstgefühl überkommt mich und traurige Gedanken regen sich in meinem Hirn. Hier — so bin ich überzeugt — könnte ich nichts erreichen. In einer solchen Straße wohnte ich einmal. . . Kaum daß ich sie betrat, mußte ich an einen todkranken Mann denken. Er liegt allein in seiner Kammer und sein erlöschendes Auge sucht den Strahl der Sonne, die durch eine Dachluke ins Zimmer fällt. . . Ich beginne, mich mit diesem Mann näher zu beschäftigen. Doch plötzlich erscheint vor mir ein schmutziges Wirtslokal: Der Fußboden ist feucht. Betrunkene Männer brüllen und auf den nassen Tischen liegen zerbrochene Gläser herum. . . . Wie froh war ich, als ich dieser Gasse endlich den Rücken kehren konnte! Ich kenne eine Bank auf einem stillen Platz. Wenn ich jetzt dort vorbei muß, mache ich einen Bogen, um die Bank nicht zu sehen. . . . Auf dieser Bank pflegte ich stundenlang zu sitzen und ich hatte dort nicht einen frohen Gedanken. Es entging mir nichts, was sich auf dem Platze zutrug. Kinder spielten im Sand und um die Mittagszeit kam ein alter Bettler, der neben mir sein Mahl verzehrte. Täglich fuhr der Gemüsekarren zur selben Stunde vorbei und die Dienstmädchen besorgten ihre Einkäufe. . . . Alle paar Minuten hörte ich das schrille Läuten der Klingel an der Eingangstür des Delikatessengeschäftes. Ich wußte alle Preise auswendig und jede Aenderung im Schaufenster fiel mir auf. Ich stelle mir vor, daß es vielleicht nichts Unangenehmes für mich wäre, den Platz im Gespräch zu passieren oder im Wagen vorbeizufahren, aber damals hatte ich viel freie Zeit uüd es gab Tage, an denen ich mit keinem Menschen sprach. Es kommen aber auch Stunden, in denen ich alles mit anderen Augen sehe. — Ich habe nichts Frohes erlebt und doch bin ich vom Lärm und Trubel wie berauscht. Ich denke nach: Niemand hat mir Hoffnungen gemacht. Ich habe nichts zu erwarten und weiß nicht recht, wohin mich meine Schritte führen und doch gehe ich schneller, als wenn ich etwas Dringendes besorgen müßte. . . . Wie sonst sehe ich die düsteren Bilder, aber sch scheue mich nicht, daran zu denken." Was hat das alles mit mir zu tun? frage ich mich. . . . 3. Ich wandere und wandere. Jetzt bin ich in einer stillen Gasse und ein Erlebnis schwebt mir vor: Wie heute, schritt ich aü einem Sommerabend durch diese Gasse. Ich war allein und hätte gern mit jemand gesprochen. Da traten zwei Herren aus einem Hause und gingen vor mir her, so daß ich ihre Unterhaltung hören konnte. Der Eine ist vor wenigen Tagen aus Indien zurückgekehrt und er erzählt von seinen Reisen, von fremden Menschen und Tieren und von Tigerjagden im Urwald. Ich werkte mir jedes Wort und meine Phantasie bekam Flügel. Ich konnte mir das Gehörte ausmalen. . . Vergessen waren die kleinen Sorgen des Tages, vergessen die Einsamkeit. — „Indien!" Dieses eine Wort wirkte wie ein Zauber, der alle trüben Stimmungen hinwegwischte. (Fortsetzung folgt.) „Zirikgekimen in 8 Akten von Schalorn Asch (zum ersten Male in Wien im Jüdischen Theater, II., Taborstraße. Hotel Stefanie, unter der Leitung des vorbereiteten Komitees des Jüdischliterarischen Vereines „Hasomir" aufgeführt). Ein jüdischer Abend, jüdische Gesellschaft, jüdische Probleme, jüdisches Fühlen, jüdische Luft, — das ist das Fazit des Abends, den das vorbereitende Komitee am 7. d. M. bei den „Polischen" veranstaltete. Der „Nissach Posten" (östlich jüdische Weise) ist immer jüdisch, auch wenn man ihn „verdeutscht". Während die „Polischen" gewöhnlich nur den jüdischen Witz, das jüdische Lachen kultivieren, zeigt dieser Abend auch den jüdischen Ernst. Das dem Stücke vorangehende Varietä eröffnete Herr Spivakow und erntete mit seinem Liedervortrag vielen Beifall. — Unser alter Freund, Herr Podzamcze, hielt wie immer mit seinen echt jüdischen Melodien das Publlkum in Spannung. — Einen großen Erfolg errang Herr Rosenstei« mit dem Vortrage einiger Goldfadenlieder. Er ist zwar Natursänger, doch wird sich mancher Künstler seinen kräftigen und schönen Tenor wünschen. In einer kurzen Konferenz, die der hebräische Schriftsteller Herr A. Loubehky hielt, legte er dar, warum die jüdische Literatur in der hebräischen und jüdischen Sprache auf einer viel höheren künstlerischen Stufe steht, als die jüdische Literatur der Westjuden in den europäischen Sprachen. Der Seelendualismus des Westjuden, die Spaltung in zwei organisch nicht verwachsene Teile, Jude und Mensch,

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