Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 174 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. io Vorträge aus jüdischer Geschichte. Der Präsident berichtet, daß der Zyklus der diesjährigen, vom Kultusvorstande veranstalteten Vorträge aus jüdischer Kultur und Geschichte am 2. Dezember 1909 mit einem Vortrage des Herrn Rabbiners Dr. Mar Grunwald: „Zum hundertfünfzigsten Geburtstag Friedrich Schillers" begonnen und vom gleichen Vortragenden mit einem glänzenden Vortrage über Moses Montefiore am 3. März l. I. geschlossen wurde. Die in dieser Saison abgehaltenen Vorträge waren folgende: Dr. Mar Grunwald: „Zum 150. Geburtstag Friedrich Schillers", „Moses Maimonides und der Streit zwischen Glauben und Wissen", „Ferdinand Lassalle". ..Die Rachel". Altjüdische Frauenlektüre",-„Moses Montefiore". Rabbiner Dr. Goldschmidt aus Protznitz: „Aus den Hieroglyphen Aegyptens". Dr. Adolf Kohut, Berlin: „Jmanuel Kant in seinen Beziehungen zu Juden und Judentum". Dr. Armin Abeles: „Das volkstümliche Vortragswesen im Judentum". Dr. I. Ziegler, Karlsbad: „Unser Lehrer Moses". Dr. Hermann Vogelstein, Königsberg: „Die Juden in Rom im Zeitalter Dantes". Dr. I. M. Bach: „Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen und die jüdischen Gelehrten". Dr. M. Rosenmann: „I. N. Mannheimer". Es müsse ausgesprochen werden, daß diese Vorträge durchwegs inhaltlich ausgezeichnet waren, sachlich sowie der 'Form nach nichts zu wünschen übrig liehen und sich des vollsten Beifalles und lebhaftesten Interesses der immer zahlreich erschienenen Zuhörerschaft erfreuten. Allen Vortragenden gebühre der wärmste Dank des Kultusvorstandes. (Lebhafte Zustimmung). Erinnerungen zum Voranschlag für das Jahr 1910. Seitens des Herrn Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Jakob Kohn ist an den Vorstand eine Anregung eingelangt auf Ergänzung des jedes zweite Jahr erscheinenden statistischen Berichtes des Matrikelamtes nach verschiedenen Richtungen und hat das Vertreterkollegium beschlossen, diesen Anregungen nach Tunlichkeit Folge zu geben. Eine zweite Anregung des Genannten, einen Teil oder die Gesamtheit der Wohltätigkeitsagenden der Gemeinde an vrioate Vereinigungen zu übertragen, muhte vom Vertreterkollegium als derzeit undurchführbar abgelehnt werden. Bei Begründung dieser Ablehnung wurde konstatiert, datz in Wien 39 Bethausvereine, 15 Bildungs- und Ilnterrichtsvereine und 150 Wohltätigkeitsvereine existieren. Diese letztere Zahl erfahre jedoch noch eine Erhöhung, dah sich unter den ersterwähnten Kategorien von Vereinen auch solche befinden, die sich mehr oder minder mit Wohltätigkeitsagenden befassen, so z. B. Waisenverein, Blindeninstitut, Taubstummeninstitut usw. Exhumierung zweier Leichen aus dem Döblinger Friedhofe. Der Präsident berichtet, dah die Gattin eines vor vielen Jahren verstorbenen und auf dem Döblinger Friedhofe beerdigten Schriftstellers an die Kultusgemeinde, unter Berufung auf ihre derzeitige völlige Mittellosigkeit um Bezahlung der von der Kommune verlangten Renovotionsgebühr herangetreten sei. Der Frau wurde bedeutet, dah diesem Ansuchen nicht entsprochen werden könne, da die Kultusgemeinde nicht in der Lage sei, an die Kommune Renovationsgebühren zu bezahlen, zumal solche Gebühren auch in folgenden Dezennien immer neu bezahlt werden müssen. Die Begräbnisstätte für Israeliten am Friedhofe auf der Türkenschanze sei kein konfessioneller Friedhof, nicht von der israelitischen Kultusgemeinde errichtet und stehe nicht unter ihrer Verwaltung. Es habe sonach der Vorstand der isr. Kultusgemeinde gar kein Recht, daselbst irgend welche Dispositionen zu treffen. Die Gattin des Schriftstellers hat sohin über Veranlassung des Präsidenten um Exhumierung der Leichen ihres Gatten und Sohnes aus dem Döblinger Friedhofe und um deren Wiederbestattung auf der isr. Abteilung des Zentralfriedhofes angesucht, welchem Ansuchen vom Vertreterkollegium Folge gegeben wurde. Nachdem der von der Kommune zur Zahlung der Renovationsgebühr festgesetzte Termin dem Ende entgegenging, bei Nichtbezahlung die Leichen exhumiert und in das Beinhaus (Massengrab) transportiert werden, mutzte der Beschlutz des Vertreterkollegiums sofort in Vollzug gesetzt werden und wird heute die nachträgliche Genehmigung des Plenums eingeholt. (Einhellig genehmigt.) D i e b o s n i s ch e L a n d e s - V e r f a s s u n g! Ich will Ihnen, meine Herren, ein kleines Resümee über eine Angelegenheit geben, die Ihnen allerdings zum grotzen Teil aus Zeitungs-Mitteilungen bekannt sein dürfte. Sie mögen daraus ersehen, in welch intensiver und zum Glücke erfolgreicher Weise das ^Präsidium der Kultusgemeinde in dieser Sache bemüht gewesen ist. In dem ursprünglichen Verfassungsentwurf für Bosnien und die Herzegowina war geplant, die Wahlen in den Landtag nach konfessionellen Kurien vorzunehmen und zwar je eine Kurie für die Katholiken, Griechisch- Orthodoxen und Mohammedaner. Von einer jüdischen Kurie war nicht die Rede. In solchem Sinne hatte sich auch der Minister in der Delegation in Budapest geäutzert. Das Präsidium der Kultusgemeinde sowie auch der Oesterreichisch-Jsraelitische Bund, dessen Präsident ich zu sein die Ehre habe und dem auch der Kultusvorstand angehört, waren nun bemüht, von der bosnischen Judenschaft abzuwehren, dah sie als minderwertig deklassiert werde und so gleichsam eine eapitis äeminutio erleide. Nachdem die bosnischen Juden anlätzlich des 60jährigen Regierungsjubiläums bei Seiner Majestät in Audienz erschienen waren, begaben sie sich zur Kultusgemeinde, und hier in diesem Saale fanden die Versammlungen der bosnischen Juden statt, und zwar der sephardischen und der askenasischen Juden separat, sowie sie auch separat an verschiedenen Tagen ihre Huldigung Seiner Majestät unterbreiteten. Es war nun meine Aufgabe, sowie auch die Aufgabe des cheute leider kranken Kollegen, Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn, den Herren zunächst ans Herz zu legen, datz, wenn sie getrennt marschieren, wohl getrennt oder vereint geschlagen werden, sie eine politische Gleichstellung jedoch niemals erlangen werden. Es ist mix gelungen, eine Vereinigung der Sephardim und der Askenasim zustande zu bringen. Diese in Sarajevo zustande gebrachte, hier in diesem Saale initiierte Vereinigung ist urkundmähig festgestellt. Die segensreichen Folgen dieser friedlichen Vereinigung stellten sich auch bald ein, indem zu der von der Regierung in Sarajevo veranstalteten Enquete über die Verfassung, in Vertretung der Iudenschaft, sowohl der Präsident der sephardischen Gemeinde, Bankier Salom, wie auch der Präsident der österreichisch-ungarischen Gemeinde Dr. R o t h k o p f zugezogen wurden. Den vereinten Bemühungen dieser beiden Vertreter der Judenschaft in der Enquete war es auch zu danken, datz über die Wahlrechtsfrage der Juden im Lande eine günstige Stimmung geschaffen wurde, eine Stimmung, die allerdings nicht lange anhielt. Denn als es sich um die Kodifizierung der jüdischen Wahlkreise in dem Entwürfe Han-