Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 10 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 173 Masaryk bildet, wie die meisten der nach Wahrheit dürstenden Geister, die ohne Vorurteile und unabhängig sind, eine Partei für sich. Ich beneide ihn nicht darum, daß er im Parlamente ist, in einem Hause, wo es so wenig Männer seinesgleichen gibt, daß man sie an den Fingern einer Hand abzählen könnte.- Masaryk überragt . die Mehrzahl der Herren Abgeordneten ebenso an Wissen wie an Charakter. Die große Majorität des hohen Hauses ist kaum im Stande, einen M a s a r y k auch nur zu verstehen. Es kommt gewöhnlich vor, daß bei kleineren Völkern, wie es die Tschechen im Vergleiche mit Russen, Deutschen, Engländern, Franzosen, Italienern sind, solchen Männern eine große Rolle zufällt, während sie in Vergessenheit vegetierten, wenn sie einem großen Volke angehören würden. Bei Masaryk trifft das Gegenteil zu. Wäre er ein Engländer oder Amerikaner, so würde er seinem Volke und seinem Lande unverhältnismäßig mehr bedeuten, als den Tschechen, welche auch dahin neigen, ihren kleinen Luegern nachzulausen und es nichd zuzulassen, daß ihre Mag. Husse nicht erst in Konstanz verbrannt werden, weil sie dies als fortgeschrittene Nation daheim selbst besorgen können. Ich wünsche, von heute in zehn Jahren nicht nur dem 70 jährigen Masaryk zu gleicher geistiger Frische im hohen Alter wieder Glück wünschen zu können,' sondern vor Allem auch dem böhmischen Volke dazu, daß es bis dahin erlerne, einem solchen Manne wie es M a s a r y k ist, in treuer Ergebenheit zu seiner hohen Bildung und zu seinem gediegenen Charakter, wie seinem Patriarchen der Weisheit anhänglich zu sein. Es gibt vielleicht nicht nur in Oesterreich, aber auch in Böhmen Männer, deren öffentliches Auftreten glänzender, deren schriftlicher und rednerischer Ausdruck flotter und künstlerischer ist, als jene Mas a r y k s, aber es gibt nur Wenige, die sich an Universalität und Gründlichkeit mit ihm messen können. Und dieses wage ich auszusprechen, obwohl ich immer meine deutsche Gesinnung mit sehr starkem Nachdruck betone. In diesem Lande der Wilden ist es wahrhaftig fast notwendig, sich zu entschuldigen, wenn man als Deutscher so vermessen ist, einen Tschechen zu feiern." Für uns Juden liegt die besondere Bedeutung des gefeierten Lehrers und Politikers in seiner bekannten Stellung zur Juden frage. Darüber schreibt Professor Dr. KarlVeleminsky, ein jüdischer Parteigänger Masaryks, in dessen südböhmischem Organe „Jiskra" Folgendes: — „Nachdem Prof. Masaryk wegen Zerwürfnisse mit Dr. Vaßuty u. A. auf sein Abgeordneten-Mandat verzichtet hatte, widmete er sich neuerdings der akademischen Lehrtätigkeit und wissenschaftlichen Arbeiten. Sein Einfluß wächst auffallend, besonders bei der Jugend. Die führenden politischen Parteien nahmen dies sehr mißfällig wahr, etwas wie Konkurrenzneid regte sich in ihnen. Aber es gab keine Gelegenheit, gegen Masaryk aufzutreten, bis die H i l s n e r - A f f a i r e, dieser Schandfleck des tschechischen Volkslebens, kam. Gewisse Leute mißbrauchten die dunklen Instinkte des Volkes für ihre egoistischen oder reaktionären Ziele, verbreiteten den entsetzlichen Aberglauben, daß die Juden zu Ritualzwecken Christenblut brauchen. Niemand besaß den Mut, dieses wüste Treiben der Reaktionäre abzuschreien. Prof. M a s a r y k erzählte später, er selbst sei in seiner Kindheit in diesem abscheulichen Aberglauben erzogen worden. Und vielleicht gerade deshalb, weil er seine Nichtigkeit durchblickt hatte, trat Masaryk so entschieden dagegen auf, daß der Glaube des böhmischen Volkes in diesem Falle so nichtswürdig mißbraucht werde. Wie auf Einen Ruf tauchten alle lauernden Feinde M a s a r y k s hervor und schossen gegen ihn die schmutzige Verleumdung ab, Masaryk wäre von den Juden bestochen worden. Beweise für ihre Behauptung brachten sie natürlich keine bei. Dies war ja unmöglich. Heute können wir offen die Wahrheit sagen: Masaryk brachte sein Auftreten nicht nur keinen Gewinn, sondern im Gegenteile, die ärgsten Verluste und Leiden. Wer seinen geraden, ehrlichen Charakter von der Nähe aus kennt, der begreift es, daß Masaryk gegen den klerikalen Aberglauben auftreten mußte, daß er wann immer wieder dagegen neuerdings auftreten würde, selbst wenn ihm auch noch so große Verluste drohten. So wie gegen Neruda, ebenso wurden auch hier wieder die Klerikalen Masaryks. ärgste Feinde. Sie sahen, daß Masaryk bei den Gebildeten den Glauben wieder erwecke, daß er selbst von seinem Suchen der wahren Religion erfüllt sei, daß er aber die lautere, reine Religion anderwärts als bei den Kirchen suche. Deshald überfielen sie ihn wütend und nannten ihn einen Ungläubigen, Atheisten. Aber zum Glücke wirken solche Verleumdungen bei uns doch nicht mehr. Allen Anschlägen menschlicher Verworfenheit, Dummheit und Finsternis zum Trotze geht Masaryk aus allen seinen Kämpfen als Sieger hervor. Seine wahre Größe wird deutlich sichtbar. Seine Anschauungen erringen allseilige Anerkennung, sie sprechen ja sogar schon aus den Spalten der „Mroäui Listy“ und aus den Reden der jungtschechischen Führer. Es wird die Zeit kommen, welche es nicht begreifen wird, daß niedrige Bosheit sich an den größten Mann heranwagen durfte." Die „Oesterreichische Wochenschrift" unterrichtete ihre Leser jederzeit von allen Kämpfen M a s a r y k's gegen d-u tschechischen Jesuitismus. Wir Inden sind chm als einem der seltensten und edelsten Vorkämpfer für Wahrheit und Recht zu größtem Danke verpflichtet. Unser innigster Glückwunsch zu M a s a r y k's 60. Geburtsfeste lautet: „Ad muitos annos l“ Korrespondenzen Aus der Plenarsitzung des israelitischen Kultusvorstandes vom 16 Jänner 1910 unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alsred Stern. Beginn 10 Uhr vormiitcrgs. Im Präsidialberichte teilt der Präsident mit, daß der Vize-Präsident Herr Dr. Gustav Kahn seit einiger Zeit erkrankt ist, sich jedoch nach den heute eingelaufenen Berichten erfreulicherweise auf dem Wege der Besserung befindet, so daß zu hoffen ist, daß er baldigst wieder in gleicher Weife wie bisher seine außerordentliche Kraft der Gemeinde widmen werde. Das Vertreterkollegium hat bereits in feiner letzten Sitzung den herzlichsten Wünschen für die Genesung des Vize-Präsidenten Ausdruck zu geben beschlossen, und ich bin überzeugt, daß auch das Plenum einmütig sich diesen Wünschen anschließt. (Zustimmung.) Im Einlaufe: Dankschreiben der Frau Rosa Z i fferer für die Gratulation des Kultusvorstandes anläßlich der ihr gewordenen Allerhöchsten Auszeichnung, und des Ehepaares M. Gutmann für die Glückwünsche des Kultusvorstandes anläßlich seiner goldenen Hochzeit. Entscheidung des k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht, womit der Berufung des Vereines „Schomre Hadath" gegen die Verfügung der k. k. n.-ö. Slatthalterei, betreffend das Verbot der Betversammlungen dieses Vereines, keine Folge gegeben wird. Entscheidung des k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht, daß einer Beschwerde desselben Vereines gegen einen Erlaß der k. k. n.-ö. Statthalterei. betreffend die Ablehnung der Einberufung des Schiedsgerichtes seitens des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde, ebenfalls keine Folge gegeben wird. Hiezu bemerkt der Präsident, daß gegen den Verein „Schomre Hadath" in dieser Weise zum Schutze des israel. Tempelvereines Brigittenau, welchen der Verein „Schomre Hadath" eine vollständig unberechtigte, schädliche Konkurrenz gemacht hat, vorgegangen werden müßte.