Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sk. 10 Dr. Vlochs Wochenschrift. Sette 171 jüdischen Wochenblätter, die in Rumänien erscheinen, obgleich deren Haltung von geradezu demütiger Bescheidenheit und Mäßigung ist, und er geriet außer sich bei dem Gedanken, daß in Kurzem sogar ein rumänisch-jüdisches Tagblatt „Progresul" erscheinen soll. Da offenbar das ihm vorliegende Material unter keinen Umständen ausreichte, um irgendwie den Rahmen einer parlamentarischen Interpellation auszufüllen, griff er in seiner Phantasie zu dem bekannten antisemitischen Mittel von Pauschalverdächtigungen, machte ohne einen Schatten des Beweises die Juden für das Attentat auf den Ministerpräsidenten und für die sozialistische Bewegung in Rumänien verantwortlich, und es fehlte nicht viel, daß er den ausgewiesenen Sozialistenführer Dr. Rakowsky für einen Juden oder doch wenigstens für einen bezahlten Agenten der Juden erklärte. Und er empfahl der rumänischen Regierung, durch ihre diplomatischen Vertreter auf die verschiedenen im Auslande veröffentlichten Artikel und Schriften über die Judenfrage zu antworten! Zum Schlüsse leistete er sich die unglaubliche Frechheit, von der Regierung zu fordern, den geplanten Kongreß der jüdischen Reservisten unter keinen Umständen zu gestatten, und er hatte die perfide Geschmacklosigkeit. hinzuzufügen, daß im Gegenfalle „Niemand dafür bürgen könne, daß die christliche Bevölkerung des Landes die bisherige Ruhe bewahren werde!" Mit anderen Worten, Herr I o r g a drohte mit Straßenkrawallen und Pogroms, falls die Regierung nicht gegen öffentliche Kundgebungen der Juden einschreite! . . . Kaum hatte Herr I o r g a seine mit Gift durchtränkte Rede beendet, als sich der Ministerpräsident Bratianu sofort von seinem Fauteuil erhob und folgende Regierungserklärung vom Stapel ließ: „Die rumänische Verfassung gewährt Preß- und Versammlungsfreiheit einz'g und allein den rumänischen Staatsbürgern, und da die Juden des Landes zum weitaus größten Teile Nicht-Staatsbürger find, so wird die Regierung unter keinen Umständen die Abhaltung eines Judenkongreffes auf rumänischen Boden gestatten! — Uebrigens wäre es im Interesse der Juden,— meint Herr Jonel Bratianu — sicherlich gelegen, den Feinden des Landes (gemeint sind die Sozialdemokraten) mit Nachdruck entgegenzutreten!" Fürwahr, der gute alte Rabbi Akiba hat an Herrn Jonel Bratianu gewiß nicht gedacht, als er seinen bekannten Ausspruch getan: „Es ist schon Alles dagewesen!" Nein, so eine Regierung war noch nicht da! In dreister Verleugnung der im Berliner Vertrag übernommenen Verpflichtung wagte es Rumäniens Ministerpräsident, der erste Würdenträger dieses durch und durch korrupten, faulen und bankerotten Bojarenstaates, in offener Parlamentsfitzung die Blutsteuer und Heeresdienste leistende jüdische Bevölkerung des Landes als Nicht- Staatsbürger, als Vogelfreie zu bezeichnen! Und die Signatarmächte — schweigen! Quousque tandem? . . . Reichsratsabgeordneter Dr. Strauch er über seine Klubkollegen. Ein jüdisches Wochenblatt, dessen Herausgeber Herrn Dr. S t r a u ch e r nahesteht, ihm befreundet ist, bringt folgende Mitteilungen: „vor „Jüdische Klub“ im österreichischen Parlamente besteht nicht mehr. Wohl mag er noch im Klubverzeichnis des Abgeordnetenhauses figurieren; sein ältestes Mitglied mag noch an den Obmänner-Konferenzen teilnehmen — in Wirklichkeit hat dieser Klub jede Tätigkeit eingestellt. Sitzungen und Beratungen finden nicht mehr statt; die drei jüngeren Mitglieder versagen ihrem Obmanne die primitivste Ehrenbezeugung: den G r u s s. Eigentlich hat ja in diesem Klub nie eine Einigkeit geherrscht. Jeder wollte sprechen, obwohl ausser dem Obmanne keiner irgend ein politisch oder wirtschaftlich wichtiges Fach beherrscht; jeder wollte Politik ' treiben, wiewohl der grössere Teil aus politischen Neulingen besteht; zur Ausarbeitung eines Frogrammes fehlte den Herren Zeit und Lust. Es hat auch an groben Verstössen gegen den politischen Takt nicht gefehlt. So ist Herr Stand zweimal nach Czernowitz, dem Wahlbezirke seines Obmannes, zum Zwecke politischer Agitation gekommen, ohne denselben früher anzufragen oder nur bloss zu verständigen; Herr Dr. Mahler wieder hat hinter dem Rücken des Klubs anlässlich der Annexions-Vorlage der Regierung Versprechungen gemacht und ist dann vom Klub in demonstrativer Weise desavouiert worden. Die Duellforderung Dr. Gabel- Dr. Mahler hat den Klub lächerlich gemacht. Bei vielen wichtigen Abstimmungen waren die meisten Herren im Hause gar nicht anwesend. Ist’s ein Wunder, wenn unter solchen Umständen der Klub während seines dreijährigen Bestandes nichts geleistet, wenn er sich im Parlament gar kein Prestige erworben, wenn er von der Regierung als eine quantite negligeable betrachtet wird? Ein derartiger Zustand ist unhaltbar. Obmann Doktor Straucher hat zum Schlüsse der vorigen Session in Briefen an seine Klnbgenossen darauf hiugewiesen. Diesen Briefen ist historische Bedeutung leider uicht abzusprechen. Darin konstatiert Dr. Straucher, dass die vier Mitglieder des „Jüdischen Klub“ nichts mit einander verbindet, weder Freundschaft noch Disziplin, weder eine gemeinsame Politik noch ein gemeinsames Programm. Er erklärte weiters, dass er so lang die Geschäfte des Klubs nicht weiter führen werde, bis nicht seitens der drei Herren Garantien dafür gegeben werden, dass sie im Einvernehmen mit ihm handeln und auch sonst die ihnen als Mitgliedern des Jüdischen Klubs obliegenden Pflichten erfüllen werden. Als Antwort auf dieses Schreiben haben die drei Mitglieder des Klubs, Dr. Gabel, Dr. Mahler und Stand mit ihrem Obmann Dr. Straucher jeden Verkehr abgebrochen . . . Es fällt uns schwer, diese beschämenden Tatsachen in die Oeffentlichkeit zu bringen. Sollen wir sie aber verschweigen? Sollen wir die jüdische Bevölkerung in dem Wahne leben lassen, dass sie eine parlamentarische Vertretung hat, die für sie arbeitet und kämpft, während hier bloss einige Abgeordnete, die auf dem jüdisch-nationalen Schilde in die Höhe gelangt sind, deren Wahl ein seltenes Mass von Mut erforderte und viele Familien-Existenzen in den Ruin stürzte, in selbstgefälliger Weise die Parlamentsfauteuils abdrücken, ohne bisher den Beweis erbracht zu haben, dass sie die für ihr hohes Amt unerläs:- hen Eigenschaften* wie Fleiss, Eifer, Opferwilligkeit und — Mnt besitzen . . . Man erlasse mir, die bisherige „Tätigkeit“ des Jüdischen Klubs noch eingehender zu analysieren. Es kann ihm nicht einmal die Wohltat jenes Spruches zugebilligt werden, der da sagt, dass es genüge, das Grosse gewollt zu haben. Die Herren wissen ja gar nicht, was sie wollen . . . Dr. Straucher, dem selbst seine ärgsten Feinde kluge Taktik, warmes, jüdisches Empfinden und eine eiserne Arbeitskraft nicht absprechen werden, hat das Recht, vom jüdischen Volke zu verlangen, dass es ihm verlässliche, brauchbare Mitarbeiter zur Seite stellt. Sonst wäre es besser, dass sich der Klub auflöst, statt ein solches Scheindasein zu führen. L.u Das „Deutsche Volksblatt" hat den Artikel, „der keines weiteren Kommentars bedarf", wörtlich seinen Lesern zur Kenntnis gebracht!! Das ist nicht zu verwundern. Ob das harte Urteil, welches Herr Dr. Straucher als Obmann über die geistigen und fachlichen Qualitäten seiner Klubmitglieder verlautbaren läßt, ein gerechtes und unparteiisches ist, können wir unmöglich entscheiden. Für eines nur hat er den unwiderleglichen Nachweis erbracht, daß er selber für seine Stellung kaum geeignet ist, daß er eigentlich noch politisch unreif ist. Der Obmann einer parlamentarischen Vereinigung, welcher über seine Klubgenoffen verkünden läßt, daß keiner von ihnen „irgend ein politisch oder wirtschaftlich wichtiges Fach beherrscht", ist eine durchaus neue Erscheinung auch in dem bunten Wechsel der an Kuriositäten und Abnormitäten reichen Geschichte des österreichischen Parlamentes. Abg. Straucher und die „Oesterr. Wochenschrift". In einer Versammlung des jüdischen „National-Bereines" vom 2. d. M., in welcher Herr Dr. Straucher Gelegenheit nahm, den Segen seiner parlamentarischen Tätigkeit mit allem Aufwand seiner Lungenkraft zu preisen, führte er bittere Beschwerde über die „Oesterr. Wochenschrift" — „das Leibblatt der Wiener Kultusgemeinde", wie er sich auszudrücken beliebte, — weil wir seine Verdienste um die Gewährung einer eigenen Wahlkurie für die Juden in Bosnien nicht so laut und so nach-