Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 170 stellt, sondern die Tüchtigsten der Gesinnung. Um den Respekt vor den Feudalen und Klerikalen zu vergrößern, haben die Christlich-Sozialen alle ihre Macht aufgewendet um die wirklichen Herrscher des Lebens, die Wissenschaften, herabzusetzeu und, Lueger selbst war es, der noch in seinen letzten Jahren die großen Stürme geführt hat, welche trotz allem Terrorismus der deutschnationalen Studenten die Schule von den Normalklassen bis zur Universität in die Hände der Klerikalen brachten. Das ist aber nicht nur sein einziges verhängnisvolles Erbe. Lueger hat die Völker Oesterreichs gelehrt, daß die Rücksichtslosigkeit und der Erfolg stärker sind als die Gesetze. Seinen Vorgängern Schönerer und Genossen hat die Staatsgewalt ihre Stärke gezeigt, weil diese Deutschnationalen über die Grenzen schielten. Aber Lueger, der diesen Fehler nicht machte, bekam alsbald beide Arme frei und er benutzte die Ellenbogen, ohne sich au ein inneres oder äußeres Hindernis zu stoßen. Er fegte die Staatsgruudgesetze über den Haufen und das war für den Staat weit verhängnisvoller als die schon larmoyanten Klagen über deren Verletzung ausdrücken können. Denn diese Gesetze enthalten die wichtigsten prinzipiellen Menschenrechte des Staatsbürgers, seine magna ckarta. Als dieses Fundament der Ordnung im öffentlichen Leben zerstört war, ein Bürger und ein Volksstamm vor dem andern nicht mehr sicher war, kam es denn auch zu jenen furchtbaren Formen des Völkerstreites und dem Kampf auf Leben und Tod, an welchem Oesterreich zugrunde zu gehen droht, als der einzige Staat, der von christlichsozialem Einfluß regiert wird. Man sieht, daß die Behörden mehr als kurzsichtig waren, als sie den großen antisemitischen Hunneuzug gegen die fleißigen und loyalen Juden billigten und teilweise förderten. Wie ein Wasser, wenn es nur an einer einzigen, dünnen und unscheinbaren Stelle die Schutzmauer durchsickert, bald im vollen Schwalle den ganzen Damm hinwegfegt, so riß das Unrecht gegen die Juden bald als verheerendes Beispiel alle Ordnung im Staate mit sich fort. ' Wenn heute eine Regierung alle Macht verloren hat und eine nach der anderen auf die Lösung des Problems verzichtet, im Staate Ruhe zu schaffen und die Völker zur Versöhnlichkeit zu bringen, so sind die Christlich-Sozialen daran schuld, und nur die Christlich-Sozialen. Sie haben das Beispiel dafür gegeben, daß man auf kein Staatsinteresse etwas zu geben hat, sondern nur auf die eigene Macht und Person. Sie besetzen den letzten Posten, den sie zu vergeben haben, mit ihren Anhängern. Sie hetzten die Bevölkerung mit demagogischen Schlagworten gegeneinander. So wurde Wien das Bild, dessen häßliches Spiegelblld die Provinz geworden ist und dessen verlockendes Beispiel die große Staatspolitik vergiftet. Verlockendes Beispiel, das der nun Tote bot und alle seine Freunde, die mit einem Christentum der Gehässigkeit und mit einem brennenden Egoismus von Erfolg zu Erfolg schritten. Vielleicht veranlaßt das alles die Bevölkerung und die Behörden zur Einsicht und Umkehr. Wir Juden wollen uns an der Bahre Luegers nicht für uns selbst beklagen. Wir wollen nicht darauf Hinweisen, daß wir trotz unserer Ergebenheit für Kaiser und Reich zu Staatsbürgern zweiter Klasse geworden sind; daß der Weg zur Macht so vieler Politiker über unsere Köpfe führte, daß wir so viele Titel und Würden mit unserem Unglück bezahlten, daß unsere besten Geister von Barrierestöckeu unterdrückt wurden, daß es in einem Rechtsstaat zu Schlagworten von Judenschußgeld, zu blutigen Verfolgungen kommen konnte. Aber auf das Prinzipielle der christlich-sozialen Herrschaft, mit der die Gegner leider viel zu früh einen faulen Frieden geschloffen haben, wollen wir verweisen. Auf die kulturelle und auf die politische Schädigung des Staates durch eine Politik der Verhetzung und Verdunkelung. Das wird jetzt nach dem Tode Luegers noch viel deutlicher werden. Es gibt nicht viel mehr Leute, die so viel gewinnende, persönliche Züge haben, wie Nr. 10 der verstorbene Bürgermeister. Sie werden mit ihrer Persönlichkeit nicht ihre eigeneu Ziele und die ihrer Partei verhüllen können. Das Geschäft des christlichen Sozialismus wird in seiner ganzen Häßlichkeit offenbar werden. Das Geschäft, das nicht nur auf unsere Kosten sondern auch auf die der Ruhe und der Kraft des Staates gemacht wurde. Bei diesem Anblick wird hoffentlich die Blindheit aufhören, in deren Schatten bis jetzt die christlich-soziale Herrschaft mit allen ihren Instinkten des Pöbels ihre großen Erfolge errang und mit dem ganzen Staate werden auch wir Juden dann unseren Frieden finden. vom Zabrmarkt des Lebens. Ein rumänischer Bojar als Minister. Vor wenigen Wochen ist es in der rumänischen Kammer zu Skandalszenen gekommen, wie sie in einer parlamentarischen Körperschaft wohl selten sich zu ereignen pflegen. Es handelte sich um eine Interpellation, welche der Deputierte F l e v a im Namen der konservativ-demokratischen Partei eingebracht hatte, worin dem Ministerpräsidenten Jonel Bratianu — Infamie vorgeworfen wurde, begangen dadurch, daß er — der Ministerpräsident — durch einen Strohmann ein Staatsgut angekauft und hiebei seine Stellung als Minister in der schnödesten Weise mißbraucht und den Fiskus um viele Zehntausende betrogen habe. Während der Rede F l e v a s sank Ministerpräsident Bratianu leichenblaß in seinen Fauteuil, seine Anhänger sammelten sich um den Interpellanten F l e v a und überschütteten ihn mit einer Flut von Beschimpfungen, zwischen den Anhängern und Gegnern des Ministerpräsidenten kam es zu einem Handgemenge, mehreren Deputierten wurden die Kleider in Fetzen gerissen, der Präsident des Hauses schwang unaufhörlich die Glocke, konnte sich jedoch im ohrenbetäubenden Lärm kein Gehör verschaffen, so daß er sich schließlich genötigt sah, die Sitzung zu sistieren. Die im Solde der Regierung stehende rumänische Preffe berichtete mit keinem Worte von den wüsten Raufszenen in der Kammer, nur ein einziges Blatt machte hievon eine Ausnahme und das war der „Adeverul". Dieses Blatt befaßte sich auch in eingehender Weise mit der Interpellation F l e v a und reproduzierte ein Faksimile des Kaufvertrages, aus dem ersichtlich war, in welch krasser Art Herr Bratianu seine Stellung als Minister mißbraucht und um welch enorme Summe er den rumänischen Staat geschädigt hat. Herr Bratianu war nun öffentlich bloßgestellt und sann nun auf Rache, wie er sich an den 2 jüdischen Redakteuren, die beim genannten Blatte journalistisch sich betätigen, sein Mütchen kühlen solle. Die heißersehnte Gelegenheit bot sich alsbald. Der berüchtigte Deputierte Dumitru Nicu I o r g a, ein Judenfresser Kax e^oyyiv brachte in der Parlamentsfitzung vom 24. Februar eine Interpellation über die „jüdische Preßagitation" in Rumänien ein. Der Interpellant Jorga — ein aus Oesterreich und aus Ungarn ausgewiesenes Individuum — ist ein schwacher Redner und ein noch schwächerer Logiker und es fehlt ihm gänzlich die Fähigkeit zusammenhängender, überzeugender Darstellung, an deren Stelle er durch leidenschaftliche Ausfälle, durch Schlagworte und durch Verleumdungen Wirkung zu erzielen sucht. Diesmal war dieser eigenartige „Volksvertreter" in Form und Inhalt einfach kläglich, und das Material, das er vorzubringen wußte, war zum Teile sehr kümmerlich und zum andern Teile unverschämt erlogen. Herr Jorga zitierte aus der rumänisch-jüdischen Wochenschrift „Curierul Israelit" Stellen und Artikel von verblüffender Harmlosigkeit, warf den Juden vor, daß sie vor 50 Jahren die ungarischen Honveds unterstützt hätten, und war außer sich vor Entrüstung, daß die jüdischen Reservisten aus der Ableistung des Militärdienstes für sich den Anspruch auf gewisse Rechte oder doch wenigstens auf eine gewisse Berücksichtigung herleiten. Mit besonderer Heftigkeit entlud sich die Schale seines Zorns über die paar rumänisch- Dr. Blocks Wochenschrift.