Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 166 : Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 9 Als sich Dawid eines Tages eine Speisemarke holen wollte. perlangte das Fräulein seine Studenlenlegitimation zu sehen. Dawid wurde blaß und stammelte eine Entschuldigung., .Oh. Sie sind mir schon aufgefallen," sagte das Fräuleim „Die Mensa ist nur für Studenten da, merken Sie sich das." Beschämt schlich Dawid auf die Gasse. .Langsam ging er durch die Arkaden, an Gruppen von Studenten vorbei und fühlte, wie ihm kalt ums Herz wurde. Nun war ihm auch diese kleine Freude verdorben...! Ein paar Tage darauf überwand Dawid die Scheu und ging in die Volksküche. Das Essen schmeckte ihm gut. Wenn nur nicht diese traurige Umgebung gewesen wäre; diese Bettler und Krüppel, denen das Unglück auf dem Gesicht geschrieben stand. Dawid sah sich erst vorsichtig nach allen Seiten um. bevor er die Kellertreppen hinuntereilte, denn er fürchtete, vor dem Hause Bekannte zu treffen. Er verkroch sich in den finstersten Winkel des Kellers, verzehrte sein Essen und lief wieder fort. Wie oft reichte das Geld aber nicht einmal für die Volksküche! An einem solchen Tage bekam Dawid von den Eltern em Packet, das auch etwas Nahrungsmittel enthielt. Dawid konnte aber die zehn Kreuzer Bestellgeld nicht zahlen, und so nahm der Postbote das Packet wieder mit. Dawid ging ins Cafe, aber seine Freunde waren nicht da. Er spazierte in den Straßen und trat nach einiger Zeit wieder ins Cafe. Doch auch jetzt traf er keinen an. Dawid war verzweifelt. Nun ging das Packet wegen der paar Kreuzer vielleicht zurück... Er überlegte ein paar Minuten, ging dann zum Kellner und bat ihn um zehn Kreuzer bis zum nächsten Tage. Der Kellner sah ihn an und gab ihm das Nickelstück unter der Serviette. Niemand bemerkte es, aber Dawid war schamrot geworden. Das waren so kleine Demütigungen, die ihm Tränen erpreßten. Oft. wenn er eine Bitte aussprechen sollte, blieb ihm das Wort in der Kehle stecken. „Lieber hungern, als sich vor den Leuten erniedrigen," sagte er sich und trug seinen Kummer in sich verschlossen. . * * r Es war Mittag und die Glocken läuteten. Dawid schlenderte durch die Straßen der Inneren Stadt. Viele Geschäfte wurden geschlossen und die Angestellten liefen schnell an ihm vorüber. Er zählte in Gedanken: Brot: 6 Heller, Hering: 10 Heller, Butter: 8 Heller 24 Heller. So reichte es gerade. Langsam ging er seiner Wohnung zu und ärgerte sich über die Hast der Menschen, die zum Mittagstisch eilten: als wenn für sie nichts mehr übrig bliebe! Jetzt stand er vor einem Restaurant und es machte ihm Spaß, zuzusehen, wie die Tür immer auf- und zuging. Er überlegte, in welchem Geschäft er heute seine Einkäufe besorgen sollte. Er mußte jeden Tag einen neuen Händler aufsuchen, da es sonst aufgefallen wäre, daß er just zu Mittag das Abendessen einkaufte. Man konnte die Wahrheit erraten, und das wollte er nicht. Die Tür zum Restaurant stand inzwischen .keinen Augenblick still, der Geruch der Speisen drang aus Dawid ein und es zog ihn in den Speisesaal. Einige Minuten später saß er am , weiß grd eckten Tisch und machte seine Bestellung: „Ein Diner und ein Glas Bier." Beim Braten durchzuckte ihn der Gedanke, daß er mit leeren Taschen dasitze: aber er aß ruhig weiter mit gutem Appetit. Erst bei der Mehlspeise wurde ihm die Situation klar. Er war satt und wäre am liebsten schon wieder draußen gewesen. „Ob sie wohl die Polizei holen werden?" fragte er sich in Gedanken. Er wollte auch nicht durchgehen. Es war so plötzlich über ihn gekommen: es war fatal, aber geschehen war geschehen! Es schlug 2 Uhr. Im großen Saal saßen jetzt nur wenige Gäste. Dawid nahm eine Zeitung zur Hand., in die er sich scheinbar vertiefte, um sich noch einige Minuten Zeit zu gönnen. Es schlug V4 auf 3. Dawid blickte auf. Er war der letzte Gast und der Zählkellner stand ganz in der Nähe. „Herr Oberkellner!" Der Kellner kam, zog einen Zettel aus der Brusttasche und begann zu schreiben. Dawid sah sich sein Gesicht an und dachte: „Diesem Menschen kann ich mich nicht ausliefern." „Holen Sie mir, bitte, den Geschäftsführer," sagte er zum Kellner. „Mein Herr," sprach Dawid, als der Geschäftsführer an seinen Tisch kam. „Ich habe um 70 Kreuzer gegessen und habe kein Geld bei mir. Machen Sie mit mir, was Sie wollen... Wenn Sie mir aber vertrauen, dann bringe ich Ihnen den kleinen Betrag ganz gewiß in einigen Tagen." Noch nie hatte Dawid einen Menschen so erstaunt gesehen! Der Geschäftsführer blickte bald auf die Visitenkarte, die ihm Dawid überreicht hatte, bald auf den jungen Mann, der rubig und gefaßt vor ihm stand. „Ich will Ihnen glauben," versetzte er nach kurzer Ueberlegung. winkte den neugierig wartenden Kellner herbei und bezahlte für Dawid die Rechnung. Dawid verließ das Lokal. Mechanisch schleuderte er die Straße hinunter und dachte wehmütig an den Vorfall, den er unüberlegt heraufbeschworen und der so unerwartet günstig für jhn abgelaufen war. (Fortsetzung folgt.) Literat«». Die Judenpogrome in Rußland.* Im Jüdischen Verlag in Köln ist soeben ein Werk erschienen, das geeignet ist, die Aufmerksamkeit des Politikers, des Soziologen, des Menschenfreundes in gleich hohem Maße zu erwecken. Die furchtbaren Judenpogrome in Rußland, diese Begleiterscheinung der russischen Revolution und Reaktion, haben in diesem Buche. ihre aktenmäßige Darstellung und wissenschaftliche Beleuchtung gefunden. In 2 Bänden ist das ungeheure Material geordnet, gesichtet, gesiebt und zu einem Ouellenwerk ersten Ranges verarbeitet. Es ist das Verdienst des Zionistischen Hilfsfonds in London, dieses Werk ermöglicht zu haben. Er hat sofort nach den entsetzlichen Oktoberpogromen des Jahres 1905 eine Kommission eingesetzt, die in mühseliger, teilweise direkt lebensgefährlicher Arbeit die Tatsachen an Ort und Stelle untersucht, das Material gesammelt und es dann in ununterbrochener 4jähriger Tätigkeit »u dem vorliegenden Werke verarbeitet hat. Wie die Erscheinung der Pogrome selbst in der Weltgeschichte, steht dieses Buch in der Weltliteratur einzig da. Während der zweite Band in mehr als 100 Einzeldarstellungen ein genaues aktenmäßiges Bild der verschiedenen Pogrome gibt, die damals fast alle Jadengemeinden Rußlands durchrasten und, wenn man glaubwürdigen Berichten trauen darf, heute noch bedrohen, enthält der erste Band eine eingehende wissenschaftliche Verarbeitung des gesamten Materials. Diese beschränkt sich nicht nur auf die Oktoberpogrome. Sie geht den Ursachen dieser Metzeleien bis ins Einzelne nach, bezieht daher auch die früheren russisch n Judenverfolgungen in ihren Kreis ein, behandelt sie vom politischen, sozialen, psychologischen und nationalen Standpunkt aus, untersucht die verschiedenen Arten, in denen sie in Erscheinung getreten sind, spürt ihrer Organisation nach und beleuchtet ihren Zusammenhang mit den Strömungen der herrschenden Regierungspolitik und die Stellung, die die Bureaukratie zu ihnen einnabm. Gerade dieser Teil der Darstellung bildet eine überaus wertvolle Ergänzung unserer Kenntnis der russisch-gouvernementalen Verhältnisse und ist geeignet, wenn ihr nicht durch unwiderlegliche Beweisstücke widersprochen wird, das Schuldkonto der russischen Regierung und Verwaltung um ein schwerwiegendes Stück zu erhöhen. Die Darstellung untersucht dann weiter die Wirkungen der Pogrome, beleuchtet mit *) Herausgegeben im Aufträge des Zionistischen Hilfsfonds in London von ver zur Erforschung der Pogrome eingesetzten Kommission. Zwei Bände, groß 8° (XXI 940 Seiten). Band I: Allgemeiner Teil. Band II. Einzeldarstellungen. Preis, beider Bändel broschiert zusammen Mk. 8.—