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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-03-04 · 9 (4.3.1910) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
9 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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FEsifö' :■ :- ,.,• .<Sks- ^eue 156 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 9 tischen und naturwissenschaftlichen Fache widmet. Das Thema, über welches Jung-Sidis sprach, lautete: „Das vierte Maß" und behandelt ganz neue Theorien über die Messung der Körper. Die von Sidis aufgestellten Theorien werden nun in den fachwissenschaftlichen Blättern eingehend besprochen. Daß 2uden besonders in der Mathematik Hervorragendes geleistet haben, ist eine bekannte Tatsache. Ein besonders interessanter Fall aus dem russischen Ghetto sei hier angeführt. Vor drei Jahren erzählte der russische Schriftsteller Garrin das folgende Erlebnis eines Odessaer russischen Eymnasialprofessors. Als der Professor eines Tages außerhalb der Stadt spazieren ging, fiel ihm ein Bretterzaun um einen Lagerplatz auf. der voll mit verschiedenen Zahlen beschrieben war. Er trat näher und sah nun, daß es nicht zusammenhanglose Ziffern, sondern mathematische Berechnungen seien. Er beschloß, den Schreiber dieser' mathematischen Formeln auszuforschen. Nach einiger Zeit fand er sich wieder auf demselben Platze ein und fand zu seiner Ueberraschung einen alten Mann, lang und dürr, mit weißem Barte am'Bretterzäune stehen und eifrig rechnen. Der Professor trat auf den Alten Zu, doch konnte ,er sich mit ihm nicht verständigen, da der alte Mann Jude war und nur jüdisch oder hebräisch verstand. Der Professor ließ den interessanten Juden nicht mehr los und ging mit ihm zu einem Professor der Mathematik, dem nun der Alte mit Hilfe eines Dolmetschers erzählte, daß er ein wichtiges mathematisches Problem gelöst habe, das er nun veröffentlichen wolle. Als der Jude seinen Vortrag beendet hatte, sprach der Professor der Mathematik traurig: „Mein lieber, unglücklicher Freund! Viel, viel früher als Sie hat diese Formel ein großer Gelehrter, der Engländer Jsaac Newton gelöst." Der alte Jude blieb bei dieser Eröffnung ganz ruhig und meinte gelassen: „So? Dann möchte ich seine Bücher lesen. Könnten Sie mir sie vielleicht leihen?" Sie werden sie ja ohnehin nicht lesen können, sie sind lateinisch geschrieben und sie verstehen wohl nicht lateinisch?" „Lateinisch kann ich allerdings nicht lesen," antwortete der alte Jude noch immer ruhig, „aber ich gehe nach Hause und beginne lateinisch zu lernen. Zeit habe ich genug dazu!" Und der alte Jude tat, wie er gesagt. Er ging heim und fing an, Latein zu lernen. Eines schönen Tages fand man ihn in seinem einsamen, kalten Stübchen tot mit einem lateinischen Wörterbuch in der Hand. Die Wände seines Zimmers waren mit mathematischen Problemen vollgeschrieben. Es gab fast keinen Gegenstand in seiner armseligen Stube, der nicht Ziffern oder andere geometrische Zeichnungen von der Hand des Alten aufwies. _ Otto Julius Bierbanm an der Tempel-Klagemauer. Der dieser Tage verstorbene Dichter Otto Julius Bierbaum beschreibt in dem bei Georg Müller erschienenen Buche ..Die Uankeedoodle-Fahrt?" auch seinen Aufenthalt in Jerusalem. Wir entnehmen diesem interessanten Werke folgende Bemerkungen über die Tempelklagemauer. Dort ergibt sich etwas Krasses: Die äußere Erniedrigung großen Leides. Die Klage der Juden um das verlorene Zion als Attraktion für Touristen, das ist ein Rekord auf dem Gebiete menschlicher Gefühllosigkeit, ein unüberbietbarer Beweis für den Irrtum deffen, der am Kreuze starb, um die Menschheit zu einer Gemeinde der Liebe zu machen. Doch muß ich sofort hinzufügen, daß sich am widerwärtigsten eine Gesellschaft westlicher Juden benahm, die den Jammer ihrer Blutsgenossen mit ekelhasten Witzen begleitete. Die meisten anderen kühlten nur ihr kritisches Mütchen an den Klagenden, indem sie Weisheiten wie diese zum besten gaben: Damit werden die Juden ihren Tempel nicht wieder aufbauen; oder: Statt so zu jammern, sollte das Gesindel sich waschen; oder: Diese Schweinebande spielt Komödie; Hier sieht man wieder mal deutlich, daß die Juden eine niedere Rasse sind, so würdelos tragen nur Halbwilde ihren Schmerz zur Schau. Die klagenden Juden aber (Männer, Frauen und Kinder) hatten, kein Ohr für Witz und Kritik. Sie lehnten ihre Stirnen an das schmierige Mauerwelk, unempfindlich auch gegen die Wolken von Fliegen, die um jeden Kopf herumbrummten, und stöhnten ihre alte, schöne Klage, die auf deutsch so lautet: Wegen des Tempels, der wüste liegt, Sitzen wir einsam hier imd weinen. usw. Es gab alte Frauen, die steif und starr dastanden und die Worte wie kindischgeworden herplapperten — aber es rannen ihnen die Tränen die knochigen Wangen herab; andere flüsterten bloß und hielten bte Augen geschlossen; ein alter Mann näselte mehr zornig als klagend vor sich hin und starrte wild auf hebräische Schriftzeichen, die über ihm an der Wand ausgemalt waren; ein rotblonder junger Mann sang den Text in einem lächerlichen und dennoch ergreifenden Diskant; aber erschütternd war ein junges Mädchen, das sich in einen Winkel gedrückt und nur schluchzte, Schultern und Rücken bebten ruckweise wie in einem Krampfe. Bei keinem dieser Menschen hatte ich den Eindruck einer bloßen konventionellen Kulthandlung. Es waren lauter Ergriffene. Ich denke mir, Christus hätte mich mit meinem Kodak davon gejagt, wie damals die Schacherer aus dem Tempel, aber ich konnte es nicht unterlassen, obwohl ich mich dessen schämte, den ausdrucksvollen Jammer zu photographieren. Meine Frau war besser als ich: sie weinte mit. Stüdentenunruhen in Prag im Jahre 1767. Aus dem »Leskf Lasopis distoricky« (Böhmische historische Zeitschrift), Jahrgang 15, 4. Heft vom 1. November 1909. Am 20. Juli 1767 wurden auf dem Altstädter Pranger zwei leichte Frauenspersonen ausgestellt. Unter den Neugierigen, welche sich rings um den Pranger drückten, befand sich auch der Jude Josef Kassowitz. Dem riß jemand den Hut ab und warf ihn auf den. Pranger. Der erboste Jude gab seinem nächsten Nachbar Johann Fiala, Schüler der 5. Gymnafialklasse, eine Ohrfeige. Des schuldlos Ueberfallenen nahmen sich die Studenten an und demonstrierten lärmend durch drei Tage gegen die Juden. Sie verlangten, daß jeder Jude jedem Studenten bei Begegnung durch Hutabnehmen Achtung beweise. Welcher Jude es nicht tat, wurde nicht nur von den Studenten, sondern auch von zahlreichen Freiwilligen der gewerblichen Prager Jugend, welche sich diesfalls mit den Studenten einverstanden erklärten, geprügelt. Zur Dämpfung des Sturms berief der Stadthauptmann Franz Graf Pi'ichovskF Militär, welches drei Studenten arretierte und dem akademischen Magistrate zur Bestrafung übergab. Dieser ließ sie in dem Altstädter Rathause in Haft setzen. Dies betrachteten die Studenten als grobe Verletzung ihrer Privilegien, veranstalteten dem Stadthauptmanne eine Katzenmusik und schlugen ihm die Fenster ein. Es nützte nichts, daß das Gubernium allen Professoren befahl, den Studenten, falls sie mit den Demonstrationen nicht aufhören, mit dem Verluste eines Jahres und Entziehung ihrer Privilegien zu drohen, auch führte es nicht zum Ziele, daß auf Befehl des Guberniums dem Urheber der Unruhen, dem Juden Kassowitz, auf dem Altstädter Ringplatz öffentlich 25 Stockstreiche aufgemessen wurden. Gegen den Stadthauptmann und den Magistrat wurden Pamphlete geschrieben und verbreitet, von denen eines, welches hier folgt, am 13. August an das Tor des Karolinums aufgeklebt wurde. Es lautete also: »Nos cives academici praesentibus pälam notum facimus magistratui academico: nisi ülico hi tres domini studiosi, qui in Vetero-Pragensem curiam — vaeh. pudor inauditus! — ducti adhuc ibi detinenlur, nisi inquam illico dimissi fuerint, horrendum nos tumultum stragesque terribiles excitaturos. Proh Deum immortalem! cives a Carolo et Ferdinando imperatoribus privilegiis, matriculae inserti, praecipue in hac triurbe Pragensi ad curiam inhomines. infames et Hebraeos docuntur. Ö infamiam non tantum nobis studiosis, sed et magistratui nostro illatum! Quod si injustum hanc nostro nomini labemmagistratus academicus delere nön adläboraverit, tum non modo in Hebraeos, verum etianr. in Hebraeorum fautores et defensores, qui sunt supremi magistratus academicus quam Vetero- — Pragensis, gravissime animadvertemus et longe plura scomata, quam isto infamato scurrae Przichowsky, in publicis plateis affigemus. Dictum nobis fuit} gnbernium majus esse caput magistratu academico, concedimus, sed majus est caput Carolus cum Ferdinando ipso gubemio - ergo nulla solutio. Datum 13 Aug l767

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