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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-03-04 · 9 (4.3.1910) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
9 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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'Jh. 9 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite läö .. Es 7 folgt, das politische Programm. Der Referent Cocea verliest die einzelnen Paragraphen, die unverändert angenommen werden.. Nur die Judenfrage gibt auch hier zu Debatten Anlaß. Cocea meint, da mit den Worten: „Das Wahlrecht wird für alle Einwohner des Landes ohne Unterschied her Nationalität, Religion und des Geschlechts, die keine Untertanen eines fremden Staates sind, gefordert", auch die, Juden gemeint seien, so sei es nicht notwendig, sie besonders zu erwähnen. Calin behauptet aber, dies würde ein Versteckenspielen heißen, und stellt den Antrag, einen besonderen Absatz einzufügen, mit der Forderung der Gleichberechtigung der Juden. Der Antrag wird angenommen." Kein vernünftiger und recht denkender Mensch wird den rumänischen Juden verargen, daß sie dort Anschluß suchen, von wo ihnen eine Erlösung winkt. Da das „europäische Gewissen", angesichts all der ausgesuchtesten Verfolgungen' und Bedrückungen, welche die rumänischen Juden nunmehr seit Jahrzehnten zu erdulden haben, eine unerschütterliche Ruhe bewahrt, bleibt den unglücklichen Menschen tatsächlich nichts anderes übrig, als zur Selbsthilfe Zuflucht zu nehmen und den Kampf mit ihren Verfolgern auf Leben und Tod aufzunehmen. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß die Juden in diesem ungleichen Kampfe unterliegen, daß die Regierung die erste beste Gelegenheit, da ihr die Sozialdemokraten unbequem werden, dazu benutzen wird, den Juden einen Pogrom auf die wehrlosen Leiber zu Hetzen, aber dann wird für ein solches Blutvergießen ausschließlich Europa die Verantwortung zu tragen haben, dessen Signatarmächte nun länger als dreißig Jahre den Vertragsbruch Rumäniens dulden, es dadurch zu unausgesetzten Rechtsbrüchen seinen jüdischen Untertanen gegenüber aufmuntert und so die verzweifelte jüdische Intelligenz und das Proletariat in einen Verzweiflungskampf treibt. Inzwischen bereitet die sozialdemokratische Partei Protestversammlungen gegen bie ihr von der Ministerbank zugeschleuderte Insulte, als wäre sie „der Feind Rumäniens". Die Partei erklärt diese Insulte für eine Verleumdung: sie hasse und bekämpfe lediglich das korrupte und ausbeuterische Bojarenregiment, welches selber das rumänische Volk knechtet und aussaugt. Die Rothschilds im englischen Parlament. In vier verschiedenen Linien blühen gegenwärtig die Nachkommen von Mayer Anselm Rothschild, der es vom kleinen Geldwechsler bis zum reichen Bankherrn in Frankfurt am Main brachte und den Grund zu der Weltmacht des Hauses Rothschild legte. In vier verschiedenen Linien — die sich nach ihren Wohnsitzen die Wiener, die Londoner, die Frankfurter und die Pariser Linie nennen. Alle besitzen seit dem 21. Oktober 1816 den österreichischen Adel, und seit dem 29. September 1822 den österreichischen Freiherrnstand. Das Haupt der Londoner Linie aber, Nathaniel Mayer Freiherr von Rothschild, kann sich Lord Rotschild nennen, er ist Peer von England und sitzt als solcher im Oberhause. Er zählt, nebenbei bemerkt, zu den entschiedensten Gegnern des zur zeit am Ruder befindlichen liberalen Kabinetts Asquith. Während der letzten Session war die Familie Rothschild auch im Unterhause vertreten, und zwar durch Mr. Lionel Walter de Rothschild, den ältesten Sohn von Lord Rothschild. Aber sei es, daß Mr. Lionel Walter de Rothschild kein Vergnügen an der Beschäftigung mit der Politik empfand, sei es, daß er-keine Aussicht hatte,. Wiedergewählt zu werden — jedenfalls ließ er sich bei den Neuwahlen, die.England in so starke Aufregung versetzten, nicht als Kandidat aufstellen. Dennoch fehlt der Name Rothschild auch diesmal nicht, unter den 670 Parlamentsmitgliedern. Ein Neffe von Lord Rothschild, Mr. Lionel Nathan de Rothschild, ist an die Stelle seines Vetters getreten. Er ist eins der jüngsten Mitglieder des neuen Unterhauses, nämlich erst knapp 28 Jahre alt und der älteste Sohn von Mr. Leopold de Rothschild, der als „Mr. Leo" einer der erfolgreichsten Rennstallbesitzer Englands ist. Die Mutter des jungen Mr. Lionel Nathan de Rothschild ist eine Perugia aus Triest, eine von den Schwestern Perugia, deren Schönheit in ihrer Jugend Aussehen erregte. Eine andere dieser schönen Schwestern ist die Gattin des Mr. Arthur Sassoon, den König Eduard VII. mit seiner besonderen Freundschaft beehrt, und als dessen Gast er sich erst neulich wieder längere Zeit in Brigthon aufhielt. Es mag eingeschaltet sein, daß die alte englische Aristokratie die Intimität des Königs mit internationalen Finanzmännern wie Mr. Artur Saisoon, der einer jüdischen Juwelenhändlerfamilie entstammt, und Sir Ernest Cassel, der in Köln am Rhein zur Welt kam und anfangs Kommis in einem deutschen Bankhause war, sehr ungern sieht. An der Freundschaft des Königs mit den Rothschilds haben die Engländer dagegen nicht das mindeste auszusetzen. Denn wie die Rothschild in Wien Oesterreicher und in Paris Franzosen geworden sind, so sind sie auf dem Boden Englands längst als Engländer heimisch geworden. Man sieht es auch nur als eine ihrem Reichtum und ihrem Landbesitz in berechtigter Weise entsprechende Erscheinung an. daß immer der Chef des Bankhauses N. M. Rothschild & Söhne in London als Lord im Oberhause und ein jüngerer Sproß der Familie im Unterhause einen Sitz hat. Rothschild und der „Bibelkuß". In England wurde am 1. Januar dieses Jahres der seit Jahrhunderten übliche „Bibelkuß" bei Ablegung, eines Gerichtseides abgeschafft und dementsprechend auch die bisher üblich gewesene Eidesformel abgeändert. Die „Daily Mail" erinnert bei dieser Gelegenheit, daß der „Bibelkuß" schon einmal eine politische Rolle gespielt habe und daß in dem betreffenden Falle der „Bibelkuß" ad hoc aufgehoben wurde. Es war zur Zeit, als der Senior des Londoner Rothschild-Hauses in das Haus der Lords berufen wurde. Nach dem Gesetze hätte Rothschild formell erst dann als Lord im Oberhause platznehmen dürfen, wenn er den vorgeschriebenen Cid geleistet und das ihm hierauf dargereichte Neue Testament vorschriftsmäßig geküßt hatte. Lord Rothschild weigerte sich iedoch. unter Berufung auf seine jüdische Religionszugehörigkeit. das Neue Testament offiziell zu küssen, und tatsächlich wurde er auch deshalb dreimal von den Lords zurückgewiesen. Als er schließlich 'zum viertenmale unter den Lords erschien, stellte er den Antrag, ihm zu gestatten, die jüdische Bibel zu küssen. Erst nach langen Unterhandlungen und auf Intervention der Königin, gelang es damals, die Lords zu bewegen, den „Bibelkuß" ad hoc aufzuheben und Lord Rothschild zu gestatten, den „Bibelkuß" auf das Alte Testament auszuführen. Erst dann ward er ein vollgültiges Mitglied des englischen Oberhauses. _ Jüdische Mathematiker, die nicht studiert haben. Die amerikanischen Blätter bringen noch immer spaltenlange Artikel über einen Vortrag, den der 13 jährige Hörer der Harward-Universität in Boston, James Sidis vor einem Gelehrten-Auditorium über höhere Mathematik hielt. James Sidis ist der Sohn eines aus Russisch-Polen eingewanderten jüdischen Arztes, der mit 10 Jahren d'e Reifeprüfung mit ausgezeichnetem Erfolge abgelegt und vor zwei Jahren in die Universität aufgenommen wurde, wo er sich hauptsächlich dem mathema-

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