Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Dr. Blochs Wochenschrift. Seite. 150 Landsmann Helsen... Dieser arme Teufel wäre aber niemand anderer als er selbst. Wie ein Hund auf der Straße halte er in den letzten Monaten gelebt. Aber nun ginge es nicht weiter... Er wolle sein eigenes Lob nicht singen, aber jeder wisse, was er für die Galizianer in Wien geleistet habe... Es gehöre gar nicht viel dazu, um ihm zu helfen. Er müßte jetzt nur einen neuen Anzug haben» um angesehene Glaubensgenossen besuchen zu können. „Es handelt sich um meine Existenz." rief Wieseltier zum Schluß mit Pathos. „Brüder, ich lege meine Angelegenheit in Euere Hände..." Er schwieg und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Einige Minuten herrschte lautlose Stille. Plötzlich steckte der Ratenhändler die Hand in die Tasche und begann mit Silbergeld zu klappern. Das hielt Wieseltier für ein Zeichen und entfernte sich aus dem Zimmer. Sofort sprang der Hausierer auf und schrie: „Das ist ein polnischer Dreh.*) Wenn er schnorren will, kann er zu uns nach Hause kommen! Meine Sorgen wünsch' ich ihm." „Was will er von uns," murmelte auch der Schuhmacher verdrießlich. „Ich Hab' gemeint, wer weiß was er uns zu sagen hat." Der Ratenhändler hatte inzwischen eine Krone aus der Tasche gezogen und sie vor sich hingelegt. 'Dawid ging auf fhn zu und sagte: „Vielleicht könnten Sie ihn bei sich anstellen, damit er etwas verdient." Auch Nachtigall trat für Wieseliier <ein. „Allen unfern Feinden gesagt, wie es ihm geht," sprach er seufzend. „Oi, oi, oi, wie plagt er sich schwer." Aber der Ratenhändler erwiderte: „Mein Packel**) kann ich ihm nicht anvertrauen. Was tu ich, wenn er nicht wiederkommt? Wenn es ihm schlecht geht, will ich ihm die Krone geben, mehr kann ich nicht tun. Ich Hab' arme Verwandte in Galizien." Darauf nahm er das Geldstück und schob es in die Mitte des Tisches. „Hm", sagte der Buchhalter, als jetzt Schweigen eintrat, „ich kenne viele, die eine Unterstützung brauchen: aber wer ist reich genug, um allen zu helfen". Er zog seine Börse und legte ebenfalls eine Krone hin. Dann wünschte er allen „Gute Nacht" und entfernte sich. Jetzt erhob sich der Schuhmacher und rief: „Ich Hab' noch eine Arbeit auszufertigen". Schnell warf er ein Nickelstück auf den Tisch und ging. Der Hausierer wollte ihm folgen. Aber der Ratenhändler packte ihn bei den Rockschössen und ließ ihn nicht los. Da begann der Hausierer in seinen Taschen zu suchen und legte schließlich seufzend einige Kupferkreuzer auf den Tisch. „Seine Sorgen wünsche ich mir," rief er unwillig, „Er hat einen ausgeruhten Kopf. Was fehlt ihm? Gr ist ein junger Mensch und hat kein Weib, kein Kind." — Der Ratenhändler lachte. Er verließ mit dem Hausierer das Lokal und Nachtigall folgte ihnen. Die Sitzung war zu Ende. Bald darauf erschien Wieseltier, der auf dem Hofe gewartet hatte. Er sah Dawid fragend an und dieser zeigte mit dem Finger auf das Geldhäufchen. Wieseltier nahm die Münzen und zählte sie, doch ebenso schnell warf er sie von sich, daß sie in alle Winkel rollten. Höhnisches Lachen drang über seine Lippen und er trat das Geld mit Füßen. „Pfui, pfui," brach er endlich los. „Soll ich mir dafür einen Anzug kaufen? Totenkleider kosten ja mehr. Hab' ich denn ein Almosen verlangt?" Er rannte durch die Stube und redete mit heftigen Gebärden auf David ein. „Das ist eine elende Bande. Ich werde ihnen die Maske vom Gesicht reißen. Was gehen sie mich an. *) Ein Kniff. **) Warenbündel Nr. tz Ich rühr' keinen Finger mehr für sie. Meinetwegen können sich die polnischen Juden auf dem Kopf -stellen. Kriecher sind sie und kleine Menschalich.*) Mich werden sie hier nicht mehr sehen... Jetzt werde ich nur an meine eigenen Interessen denken..." Erschöpft fiel er auf eine Bank und bedeckte das Gesicht mit den Händen. So saß er eine Weile und stieß traurige Seufzer aus. Doch plötzlich erhob er den Kopf und sah David lächelnd an. Dann stand er auf. suchte das Geld zusammen und steckte es in die Tasche. „Ich bin ein Narr," sagte er. „Warum soll ich mir dafür nicht ein gutes Nachtmahl kaufen? Was kann ich dafür, wenn diese Menschen kein -Herz haben. Aber das sag' ich Ihnen, Dawid, ich werde nicht mehr Herkommen, und wenn sie mich auch bitten." Sie gingen auf die Gasse. Als sie vor einem koscheren Restaurant vorbeikamen, blieb Wieseliier stehen und sagte: „Kommen Sie mit herein, Dawid, ich werd' Ihnen ein Glas Bier spendieren." Aber Dawid dankte und ging nach Hause, während Wieseltier in bester Stimmung das Gasthaus betrat. (Fortsetzung folgt.) gitattfow. Hauri Joh, Die Religion, ihr Wesen und ihr Recht. Berlin-Zehlendorf, 1909. Conr. Skopnik. In Leinen geb. M. 5.—. Diese im Winter 1908/09 in Davos gehaltenen populären Vorträge verraten eine Vertiefung in ihren Gegenstand und eine Kunst leichtfaßlicher Darstellung, daß ihr Erfolg uns nicht Wunder nimmt. Treffend sagt Hauri im Vorwort: «Ich habe den Eindruck gewonnen, daß das religiöse Leben der Menschheit sich auf zwei Hauptlinien bewegt, auf der des mystischen Goltesgenusses und auf der der sittlichen Gottesgemeinschaft, und daß es für den Wert oder Unwert der verschiedenen Religionen von entscheidender Bedeutung ist, ob sie dem einen oder anderen Ziele zustreben." Nachdem er nun mit erfreulicher Unparteilichkeit der Religion Israels die Palme gereicht hat, als der wertvollsten in der Geschichte der Religionen, weil es eine Religion der Geschichte ist und von dem Fortschritt de.r Menschheit zum Gottesreich auf Erden die Erfüllung ihrer Mission erhofft, stellt er die Lehre des Christentums ganz inkonsequent als diese Erfüllung hin und preist er ihren Stifter darum, weil er das Gottesreich nicht als etwas Künftiges, sondern etwa? Gegenwärtiges, bereits Erreichtes verkündet, eine verhängnisvolle Verkennung des prophetischen Messiasideals, das von der gesamte n Menschheit hier auf Erden erreicht werden soll in einer Zeit, deren Exponent und Wahrzeichen die Person eines gottbegnadeten Führers darstellen wird, wie ja jede Zeit ihren Mann zeitigt und in ihm die Auslese der sie bewegenden Kräfte darstellt, während das Gottesreich, das der christliche Heiland predigt, der Selbstvervollkommnung des Einzelnen nur den Weg zu jenem Ziele ebnet. Dem Sabbath, der Beschneidung, den Speisegesetzen, dem Festhalten an Familie und Volkstum, den großen, bis heute bewährten Trägern der jüdischen Lebeusenergie, wird nach der bekannten Schablone die reine Geisti feit des christlichen Universalismus entgegengehalten. Es heißt, die Basis des Vergleiches verschieben, wenn man diesen Wesenskern der reinen Menschheitsreligion der Propheten, denn nichts anderes birgt die neue Form in ihrem Besten, zu jenen hygienisch und volkserzieherisch so höchst bedeutsamen und trefflich bewährten Institutionen in Gegensatz stellt. . Die Frage müßte vielmehr für einen, der dem Menschheitsideal anhängt, lauten: Hat das Christentum in der Praxis dieses Ideal näher gebracht? hat es, was es tatsächlich geleistet hat, zu wirken vermocht, ohne Anknüpfung an die Sonntagsruhe, an die Familie, an das politische Leben, an die Forderungen der Volkswohlfahrtslehre, die in modernen Worten im Grunde doch den gleichen Tenor aufweist, wie jene alten jüdischen Satzungen? Sieht man von diesem Punkte ab. so bietet das Buch über Wesen und Geschichte der Religion und die Auseinandersetzung mit ihren modernen Gegnern vieles, was durchaus Beachtung verdient. R. Maurenbrecher Max. Von Nazareth uach Golgatha. Untersuchungen über die weltgeschichtlichen Zusammenhänge des Urchristentums. Berlin-Schöneberg. 1809. Verlag der „Hilfe". Die Geburtsstunde des Christentums fällt nach Maurenbrecher in eine Zeit, als die Jünger nach dem Tode des Meisters seine Sache verloren gegeben und ihre Gemeinschaft aufgelöst hatten. Ein völlig n ues Motiv kam nachträglich hinzu, das zu neuer Sammlung und Erhebung den Anstoß gab. Das Christentum, sowohl als Organisation wie als Glaube, ist nicht eine Stiftung des geschichtlichen Jesus, er gehört in die vorchristliche Religionsgeschichte:Die christliche *) Menschlein.