Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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flr. 8 Dr. Vlochs Wochenschrift. Seite 143 gebracht, rechnen können? Mehrere in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (1844) unter dem Titel „Ein Wort an Juden und Slawen" erschienene Artikel von David Kuh brachten Schwung und Wärme in diese Bewegung. In ergreifenden Akzenten redet Kuh zuerst die Slawen an. Er ruft ihnen zu: „Wenn nur ein einziger von Euch. Ihr slawischen Gelehrten, der rohen Menge vorangeht und sich vom Judenhatz emanzipiert, dann hat dieser eine nicht nur für die Juden, nein, für sein V o l k, ja, mittelbar für die Welt, segensreich gewirkt und auch unsterblich...." „Es wird eine Zeit kommen." so fährt er begeistert fort, . in der die Geschichte einen eigenen Thermometer haben wird, um Zeugnis zu geben von der Herzenswärme der kultivierten Völker, und dieser Thermometer wird die G eschichte der Juden sein. Gebet Acht, Ihr W e st s l a w e n. daß nicht Euer Name dann aus den Gefrierpunkt zu stehen kommt!" Schwungvoll klingt auch sein Appell an die Juden: ..... aber so klein auch ihr Häuflein, stolz sind sie auf die Produkte ihres Geistes, denn ob auch seit mehr als einem Jahrtausend gehaßt, verachtet und geknechtet, haben sie doch die Frische ihres Geistes, seine Freiheit und jeine Elastizität bewahrt." Er fordert sie zur eifrigen Pflege der slawischen Literatur auf und träumt in seiner phantastischen Schwärmerei bereits von einer Zeit, in welcher die Rabbiner und Prediger das Gotteswort allwöchentlich auf der Kanzel „in der Sprache des Landes ertönen lassen würden". Recht komisch mag heute sein gewiß wohlgemeinter Rat klingen, alles fremdartig Aeutzcrliche abzustreifen, wenn er diesen mit den Worten begründet: „Ist die ehrwürdige Tracht der alten Sarmaten ihren Nachkommen an Euch. Ihr Juden, zum Spott geworden, so müßt Ihr sie abwerfen. Warum sollt gerade Ihr so treu ihr anhängen?" Diese sentimentalen Räsonnements des sonderbaren Phantasten, die wir zur Ergänzung der von Donath nicht im extenso mitgeteilten Auszüge anführen, verfehlten nicht ihren Eindruck auf die maßgebenden jüdischen Kreise des Vormärz, die sich für die Förderung tschechischer Interessen zu erwärmen ansingen, besonders, als auch der sehr geachtete Nebesky der Verständigung zwischen Tschechen und Juden das Wort redete: denn „daß der Jude im Reiche etwas gelte, müsse ihnen ihr größter Feind zugestehen". Unter Berufung auf Lessing. Herder und Mickiewiecz ergoß sich Nebesky in überschwängliche Lobeserhebungen über die Juden und pries in allen Tonarten die Idee der Annäherung dieses ältesten und einzigartigen Kulturvolkes mit den Tschechen als etwas für letztere Glückverheißendes und Großes. Aber nur kurze Zeit währte dieser Begeisterungstaumel. schon im Jahre 1846 war der Enthusiasmus in beiden Lagern völlig verrauscht. Donath führt unter anderem als Grund dafür die sich damals in Prag häufig wiederholenden Judenkrawalle an, für welche M. Hartmann das ganze böhmische Volk verantwortlich machte. Alle, für die tschechische Muse und die slawisch-jüdische Verbrüderung einst so begeisterten Dichter, wie Frankl. Hartmann und Kaufmann, gingen — angeekelt von den rohen Judenhetzen — ins tschechenfeindlichs Lager über und nur Kapper blieb dem Tschechojudentum treu. Ob ihm diese Treue gelohnt wurde? Wir glauben kaum. Er. der in beiden Sprachen dichtete, galt bei den Tschechen als Deutscher und bei den Deutschen als Tscheche. Vielleicht hat ihn diese Doppelnatur, trotz seiner poetischen Begabung, um seine Unsterblichkeit gebracht. Aber er blieb bis an sein Lebensende (er starb 1879 in Pisa) ein treuer Jude. Darum wird er auch als Ghettodichter und Verfasser der Erzählung „Genenda" im Gedächtnis der Nachwelt fortleben. Korrespondenzen Aufruf! zur Förderung der Palästina-Schulkasse der freien Vereinigung in Frankfurt a. M. (Filialkomitee Wien). Geehrte Glaubensgenossen! Die rapid zunehmende Bevölkerung Palästinas kaun und soll von derChaluka allein nicht erhalten werden. Diese soll ausschliesslich für Kranke, Witwen und Waisen, Erwerbsunfähige und wirklich tüchtige Berufstalmudisten bestimmt sein. Die grosse Anzahl besonders der Heranwachsenden Jugend muss dem Erwerbsleben zugeführt werden. Bei dem nunmehr eingetretenen politischen Umschwung in der Türkei, der einen bedeutenden Fortschritt im wirtschaftlichen Leben zur Folge haben wird, ist die Errichtung von Schulen nach europäischem Muster und weiteren Berufsbildung unbedingt notwendig, wenn wir nicht ein Proletariat züchten wollen, welches die Juden auf die letzte Gesellschafcsstufe herabdrücken würde. Die freie Vereinigung in Frankfurt, a. M. hat ein Palästina- Schulkomitee gebildet, welches schon in einigen Kolonien Schulen im Anschlüsse an die bestehenden Talmud-Thora-Lehranstalten errichtet hat, in denen von bewährten, streng religiösen Lehrkräften Unterricht in Elementargegenständen und einer Landessprache erteilt wird. Als organische Ergänzung des Schulwerkes werden Berufsbildung^ und Handwerkerschulen ins Leben gerufen. Die sehr bedeutenden Auslagen dieses Unternehmens erheischen die Mithilfe allen geschätzten Glaubensgenossen, die für unsere gedrückten Brüder im allgemeinen und speziell für Palästina Herz und Sinn haben. Wir bitten um geneigte Zuwendung von Spenden und Jahresbeiträgen an die Adresse der Firma Jakob Neurath, Wien, II., Untere Augartenstrasse Nr. 17. Hngo Bondi, Moritz Felsenburg, Sam. Goldmann, Bernd. Hofbauer, Emil Neurath, Nathan Pollak, Bernhard Schiff, Leopold Selmeczi. Juden! Brüder! Knapp zwei Jahre sind es, seitdem Abraham Goldfaden, von Hunderttausenden geleitet, zur ewigen Ruhe gebettet wurde. Wer war Abraham Goldfaden? Das werden wohl die Wenigsten nicht wissen! Was er aber war, was er wollte und warum er stritt und litt, das wird vielfach verkannt oder gar bewußt herabgewürdigt. Goldfaden war nicht nur der Dichter begeisterter und begeisternder Nationallieder, nicht der ewig herumirrende Schmierendirektor, sondern der Schöpfer und Begründer des jüdischen Theaters, lieber hundert Schwierigkeiten, Hemmnisse und Vorurteile hinweg, bereitete er das Theater vor, das heute in Ost- Europa und besonders in Amerika in voller Blüte steht. Moderne Dichtungen, von genialen Schauspielern dargestellt, beherrschen gegenwärtig das Repertoire einzelner weniger jüdischer Bühnen. Neue Talente treten aut, die infolge schlechter pekuniärer Verhältnisse entweder ganz verschwinden, oder von der unerbittlichen Not getrieben, Stücke schreiben, die nur den primitivsten Anforderungen genügen. Diesem Uebelstand könnte durch Schaffung e:nes Preises, der alle drei Jahre im Betrage von 1000 Kronen zur Verteilung kommen und dem besten Drama, das während dieses Zeitraumes geschaffen wurde, zuerkannt werden soll, abgeholfen werden. Der Preis wird zu Ehren des Begründers der jüdischen Bühne den Namen ,,Goldfadenpreis" führen und die Zuerkennung desselben soll durch eine Kommission von jüdischen Literaten und Kunstkennern erfolgen. Auf diese Weise wird sowohl den Intentionen des toten Dichters entsprochen, als auch ein Mittel geschaffen werden, die jungen Talente anzue.fern, wirkliche echte Kunstwerke zu schaffen und so den Kunstgeschmack des jüdischen Theaterpublikums zu verfeinern. Juden! Was alle Völker als ihre wichtigste Institution betrachten — das Theater — sollte das bei uns vernachlässigt werden? Nein und tausendmal nein! Das Theater — diese Welt im Kleinen — soll und muß zeitgemäß ausgebaut und ausgestaltet werden, damit es uns zur Zierde gereiche und damit wir in einer so wichtigen Sache, wie es das Theater schon ist, nicht hinter Völkern zurückstehen, deren Kultur viel tiefer steht als die unserige. Wir wenden uns daher an alle Juden mit der Bitte, uns in dieser für das jüdische Volk so dringenden Angelegenheit zu unterstützen und nach Möglichkeit dazu beizutragen, damit dieses hohe Werk auch gelinge. Briefe und Wertsendungen wollen an die Aresse: Akademischer Verein „Jüdische Kultur" in Wien, II., Biumauergasse 20, gerichtet werden. Akad. Verein „Jüdische Kultur“ in Wien. Ben Awigdor, Warschau. Dr. 8. Bernfeld, Berlin. Dr. M. Berkowicz, Wien. Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Aacher) Czernowitz. Doktor A. Coralnik, 8. Dubnow, St. Petersburg. Chief-Rabbi Dr. M. Gaster, London. Jakob Gordin, New-York (gest. am 11. Juni 1909). Rabbi Dr. M. Grunwald, Wien. Sch. Hochberg, Warschau. Leon Kobrin, Brooklin. Dr. K. Lippe, Jassy. J. L. Lubetzky, Wien. Ch. D. Nomberg, Warschau. Dr. Max Nordau, Paris. Dr. Alfred Nossig, Berlin. Dr. Daniel Pasmanik, Genf. J. Leibsuch Perez, Warschau. Dawid Pinski, New-York. 8 Rabinowicz (Schalom Aleichem). Abraham Reisen, Krakau. Dr. J. Thon, Krakau. Dr. Jakob Thon, Jaffa. G. Selikowitz. Dr. Ch. Schitlowsky, Dr. Ch. Wortsmann, New-York. Wien. Dienstag, den 25. Iänner d. I. fand unter Vorsitz des Obmannes Herrn Bernhard Hofbauer im Festsaale des Hotel „Zentral" ein von der Wiener freien Vereinigung veranstalteter Vortragsabend statt. Herr Jakob Rosenheim, Delegierter der Palästinakommission der freien Vereinigung aus Frankfurt a. M., sprach in gewohnter, glänzender Weise über „Die Aufgaben des überlieferten Judentums in Palästina." Nach Schilderung der bestehenden Institutionen in Palästina, betonte er, wie dringend notwendig es sei - angesichts der neuen Verhältnisse in der Türkei — der