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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-02-25 · 8 (25.2.1910) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 142 De. Blochs Wochenschrift. Jtr. 8 das russische Reich seine Adlerfliigel über das Land ausbreitet, scheint das Morgenrot der Erlösung mit Pracht und Glanz über uns. Wir besitzen alle bürgerlichen u id religiösen Rechte in demselben Matze, wie die übrigen Nationen dieses großen Vaterlandes. Wir werden niemals belästigt, noch überfallen, noch werden unsere Privilegien und Freiheiten eingeschränkt. Es gibt noch weitere 5000 unserer Glaubensgenossen des karaitischen Kultus, die in Kairo, Egypten, Jerusalem, Palästina, Konstantinopel und in einigen österreichischen Städten zerstreut leben. Wir anerkennen bloß das mosaische Gesetz, indem wir alle seine Vorschriften und Gebete auf ein Jota befolgen, ohne was hinzuzufugen oder wegzunehmen. Unsere Gebräuche, Sitten und Traditionen unterscheiden sich vollständig von denjenigen der Juden, die sich RabPniten nennen. Wir Karaiten bedienen uns nicht ihrer Vorschriften des Schlachtens der zur Nahrung bestimmten Tiere, wir beobachten auch nicht ihre Speisegesetze und verschwägern uns nicht mit ihnen. Wir haben unsere Synagogen für den Gottesdienst und die Gebete und dienen lo dem Herrn, dem Gott unserer Väter, dem Gott Israels. Unsere Gebete sind in hebräischer Sprache, kompiliert durch Weisen aus undenklichen Zeiten und enthalten die herrlichen. Psalmodien Davids, des süßen Sängers in Israel. Wir birten Euch, geliebte Brüder, inständigst, wenn dieses Sendschreiben Euch erreicht, uns die Gunst zu erweisen und uns. wenn möglich, in hebräischer Sprache oder in einer anderen europä-schen Sprache oder auch im abessymschen oder äthiopischen Dialekt (obgleich von den Russen niemand Eure Sprache versteht) folgende Fragen zu beantworten: 1. Warum nennt ihr Euch Falascha oder Kara? 2. Was unterscheidet Euch von den Rabbiniten d 8. Leitet Ihr Eure Abkunft von Abraham, Isaak und Jakob ab? 4. Wenn ja, beobachtet Ihr die Religion Eurer Vorväter? 5. Habt Ihr in Eurer Mitte jene Israeliten, die sich Rabbiniten nennen; verschwägert Ihr Euch mit Ihnen und esset Ihr von ihren Speisen und ihrer „Schechitah"? 6. Beachtet Ihr das Gesetz der Beschneidung, haltet Ihr den Sabbath heilig und feiert Ihr das Pessachfest? 7. Besitzet Ihr irgendwelche Aufzeichnungen über Euere erste Ansiedlung dort? 8. Welchen Kalender benützt Ihr und auf welches historische Ereignis stützt er sich. Wir zählen unsere Jahre von der Erschaffung der Welt, haben 12 Monate im Jahre, u. zw. Nissan, Jjar, Sivan, Tamus, Ab, Elul, Tischri, Heschwan, Kislew, Tebeth, Sch'wat und Adar, welch letzter Monat in einem Schaltjahre wiederholt wird. Wir zählen jetzt das Jahr 5656. Wie führet Ihr diese Zählungen? 9. Wie richtet Ihr Euer Wochenfest ein? Zahlet Ihr die vorgeschriebenen 50 Tage vom zweiten Pessachtage oder vom ersten Sonntag, der mit einem der Festtage zusammenfällt. Wir beginnen das Omerzählen mit einem Sonntag während des Pessachfestes entsprechend dem Gesetze: „Sieben volle Wochen sollen es sein!" Aus diesem Grunde fällt unser Wochenfest immer auf einen Sonntag. 10. Beobachtet Ihr das Gebot der Schaufäden mit einem blauen Faden? Traget Ihr die Schaufäden jeden Tag oder bloß während des Gottesdienstes? 11. Habt Ihr den Pentateuch, prophetische oder andere Bücher welche die Religionsgesetze, Geschichte und Moralsätze enthalten? 12. In welcher Sprache und von wem wurden sie geschrieben? 13. Wo haltet Ihr Eure gottesdienstlichen Uebungen ab? Besitzet Ihr Synagogen? In welcher Sprache verrichtet Ihr Eure Gebete, wann und wo wurden sie verfaßt und zusammengetragen? 14. Fastet Ihr an bestimmten Tagen des Jahres? 15. Habt Ihr in Eurer Mitte die Nachkommen Ahrons, der Leviten, Rabbiner oder Prediger? 16. Beachtet Ihr das Purimfest? Ehrt Ihr das Andenken Mordechais und Esthers, die die Juden in Persien errettet haben? 17. Lernt Ihr hebräisch und seine Schriften? 16. Wir wünschen auch über Eure Beschäftigungen und Berufe zu erfahren, ob Ihr wohlhabende Männer mit Kapital und Industrie- Unternehmungen in Eurer Mitte habt? Lebt Ihr in günstigen Verhältnissen? Wie kleidet Ihr Euch? Wie ist Eure Hausführung? Habt Ihr Religionslehrer für Eure Kinder? In welchem Alter heiraten Eure Kinder? Wie groß ist Eure Zahl? Ueberwiegen die Männer oder die Frauen? Bedient Ihr Euch im Privatleben der aethigrischen oder einer anderen Sprache? Dieses Sendschreiben ist in hebräischer und französischer Sprache abgefaßt, das letztere kann Euch von derselben Person, an welche es adressiert ist, leicht übersetzt werden. Wir hoffen, daß Eure Antwort nicht lange werde auf sich warten laffen und wir das Vergnügen haben werden, zu hören, daß Ihr Karaiten seid, gleich uns. Lasset uns wiffen, wie unsere Briefe Euch direkt, ohne Mittelpersonen, erreichen können, und verständiget uns, ob Ihr nicht mitunter Vertreter nach Europa, Rußland, Egypten und Jerusalem entsendet. Indem wir den Segen AhronS auf Euer Volk herabflehen, bleiben wir mit Bruderliebe u. s. w. Es folgen die Unterschriften N'ssim Mokbizobs und anderer 6 karaitrscher Führer. Auf diests Sendschreiben kam wohl nicht von den Falaschas selbst, sondern vom Generalkonsul M o n d o n- Bediaillex aus Adis Abada eine ausführliche Antwort, in welcher alle Fragen beantwortet wurden. Der Konsul teilt mit. daß er kaum in der Lage sein werde, das Schreiben den Falaschas zukommen zu lassen, die Fragen aber auf Grund eigener Kenntnis beantworte. Die Falaschafrage hatte aber das Interesse der Karaiten bereits in solchem Maße wachgerufen, daß zur B.sprechung derselben eine Konferenz der Vertreter der Karaitengemeinden aller Länder nach Theodosia, in der Krim, einverusen wurde. Es wurde beschlossen, eine Karaitcncxpedilion nach Aethiopien ausznrüsten. Diese Expedition scheint jedoch niemals zustande gekommen zu sein." _ Ein Vorkämpfer des Tschechojndentums in der Mitte des LS. Jahrhunderts. Von Dr. L. Lazaru s. Ein zukünftiger Historiker des Judentums dürste vielleicht sein Augenmerk auf eine Seite jüdischen Geisteslebens richten, die trotz ihrer hohen Bedeutung von der zünftigen Geschichtsschreibung bisher ziemlich vernachlässigt wurde. Es ist nämlich eine ebenso interessante wie dankenswerte Aufgabe, den tiefgehenden Eindruck abzuschätzen, den die nationalen Lebensäußerungen der Völker, unter denen Israel weilte, a'^f letzteres gemacht haben. Die wunderbare Anpassungsfähigkeit und merkwürdige Versatilität des jüdischen Volkes waren zumeist die Ursache der befremdlichen Erscheinung, die in der staunenswerten Tatsache gipfelte, baß Israel, oft zu seinem eigenen Nachteile, der Bannerträger nichtjüdischer Kulturbestrebuncen und nationaler Aspirationen wurde. In selbstloser Hingabe an die materiellen und moralischen Interessen des von ihnen bewohnten Landes, wurden die Juden die begeistertsten Verkünd e r der jeweilig vorherrschenden nationalen Idee, und namentlich auf dem Gebiete der vaterländischen Wissenschaft und Kunst zeichneten sie sich, als treue Mitarbeiter an den volll i ch e n Bestrebungen ihrer Umgebung aus. Wie sie nun einst die ihnen fremden Kulturwerte mit ihrem eigenen „bodenständigen", nationalen Besitze zu verschmelzen verstanden hatten, dafür liefern uns für das Altertum - der jüdische Merandrinismus und für das Mittelalter die jüdisch-arabische Blüteperiode hervorragende Beispiele. Aber auch der Anteil, den das Judentum der Neuzeit an dem Wiedererwachen des Nativ nalitätsbewußtseins in den verschiedenen Ländern hat, dürfte nicht gering zu veranschlagen sein, und erst einer späteren objektiven Geschichtsschreibung bleibt es Vorbehalten, Mommsens Urteil über die Juden als „ein Element der Dekomposition und der nationalen Zersetzung" einer ordentlichen Revision zu unterziehen. Wer hätte beispielsweise gedacht, daß die Erstarkung der slawisch-nationalen Bewegung in unserer Zeit und in. unseren Landen auf die literarische Tätigkeit von Männern zurückzuführen ist. in deren Kreis einst jüdische Dichter und Schriftsteller einen hohen Rang einnahmen? Dies für den Aufschwung des Tschechentums um die Milte des 19. Jahrhunderts nachgewiesen zu 'haben, ist das Verdienst eines jungen jüdischen. Slawisten und Schülers des Herrn Hofrats V. Jagiö in Wien. Dr. Oskar Donath, Realschulprofesior in Eöding, hat im Archiv für slawische Philologie (XXX. Band, 3. und 4. Heft) eine mit gründlicher Sachkenntnis gearbeitete Studie über den jüdischen Repräsentanten. des damaligen Tschechojndentums veröffentlicht. Die interessante Monographie behandelt in eingehender Weile das Leben und Wirken Siegfried Kappers, eines einst berühmten, aber heute unverdienterweise völlig vergessenen deutschböhmischen Dichters jüdischen Glaubens. Mit großem Fleiße hat Donath das ganze Quellenmaterial zusammengetragen und unter möglichst erschöpfender Benutzung der einschlägigen Literaturdenkmäler ein anschauliches Bild von den Schicksalen und der literarischen Tätigkeit des einst so beliebten Ghettodichters entworfen. Nach einer anziehenden Schilderung der Knaben- und Jünglingsjahre Kappers, der im Jahre 1821 als Sohn armer Eltern in Smichow geboren wurde, macht uns Donath mit seinem Studienaang näher bekannt. Wir erfahren, daß Kapper als Mitschüler Moritz Hartmanns und Alfred Meißners am Prager Klementinum Philosophie studierte und schon damals in der Prager Poetengesellschaft, zu der auch Ludwig August Frankl gehörte, einen achtunggebietenden Rang einnahm. Im Jahre 1841 finden wir ihn in Wien, wo er medizinische Studien betrieb, ohne deshalb seine literarische Tätigkeit zu vernachlässigen. Hier begegnete er auch einem alten Freunde aus Prag. Wenzel N e b e s k f, von dem die Idee einer tschechisch-jüdischen Bewegung ausging, die auf jüdischer Seite von David Kuh und Siegfried Kapper aufs eifrigste gefördert wurde. Dieser denkwürdigen. aber bis heule - in weiteren Kreisen unbekannten Verbrüderung des slawischen und des. jüdischen Volksgeistes hat Donath . eine erschöpfende Darstellung gewidmet und mit dankenswerter Ausführlichkeit den Nachweis geführt, daß schon in den 40er Jahren eine nationale Verständigung zwischen Slawen und Juden angebahnt wurde. Nebesk^ nannte die Juden ein famoses, wunderbares Volk, voll von Geist und Tat, die schon den Deutschen vortrefflich geholfen haben; er hofft, daß sie auch den Slawen, die damals von der Regierung unterdrückt wurden, helfen werden. Fast dreimal soviel Juden als unter den Deutschen lebten damals unter den Slawen; warum follten diese letzteren nicht auf die Mithilfe eines so eifrigen, geistreichen Volkes, das so viele tüchtige Männer in Kunst und Wissenschaft hervor-

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