Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 7 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 125 Hai Hiob die Probe voll bestanden, das Rätsel seines Leidens ist in seinem Bewußtsein gelöst und die Sache für ihn entschieden. — So erweist sich das Buch Hiob als eine Theodicee, eine Rechtfertigung Gottes und seiner Wellregierung gegenüber dem Unglück und dem Bösen in der Welt. Das Leiden des Gerechten ist keine Züchtigung wegen begangener Sünden, sondern von Gottes Liebe Verhängt, hat es den Zweck, die Frömmigkeit des Gerechten zu bewähren, durch Läuterung zu vollenden und die bewährte zu belohnen. Prolog und Epilog, die den Rahmen für das dramatische Zwiegespräch bilden und wahrscheinlich einem alten Volksbuchs vom „frommen Manne Job" entlehnt sind, werden gewöhnlich schon in den unteren Klassen durchgenommen. In der Oberstufe wird wohl der Lehrer darauf zurückkommen und auf die im Epilog erzählte Rechtfertigung Hiobs vor seinen Freunden (42, 7—9) und die reiche Wiedererstattung seines Besitzes (42, 10—13. 16) Hinweisen. Aber er wird den Schüler darauf aufmerksam machen müssen, daß dieser von einer frommen Seele m späterer Zeit zu Ehren Gottes und zur Beruhigung der Gemüter hinzugefügte Schluß keine befriedigende Lösung des Problems, um welches sich Alles im Buche dreht, bietet. Die wahre Lösung liegt — wie bereits angedeutet — im 28. Kapitel, welches besagt, daß der Mensch überhaupt zu keiner tieferen Einsicht in das Uebersinnliche, in die göttlichen Wege gelangen könne. Dies wird von Elihu durch die neue Lehre ergänzt, daß die Geschicke des Menschen von Gott zur höheren Erziehung .desselben bestimmt seien. Sie verfolgen den Selbstzweck, den Menschen „zum Lichte des Lebens" zu erziehen. Vom Zabrmarlrk des Lebens. Semitischer Antisemitismus. Ein hannoverischer Privatdozent semitischer Abstammung Dr. Theodor 8 es sing hat eine Reise nach Galizien gemacht und der Verlockung nicht widerstehen können, seine „Eindrücke" darüber schriftlich zu fixieren und fie gar der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" zu übersenden, wo fie ganz unbcgreiflicherweise die Ehre des Abdruckes gefunden. Was Herr Dr. Lessing aus Galizien mitteilt, war nichts als das Erzeugnis einer perversen, antisemitelnden Phantasie. Er erhielt von Professor Dr. S. Kalischer in Nummer 4 jenes Blattes und in einem Schreiben des Rabbiners Dr. Ofias Thon in Krakau an den Herausgeber Geheimrat Professor Ludwig Geiger die gebührende Abfertigung. Damit schien uns die Sache hinreichend erledigt. Allein Herr Dr. Lessing übt sich in das antisemitische Genre ein; er repräsentiert den Typus jener semitischen Antisemiten, welche derzeit sich zu mehren beginnen und an welchen man nicht achtlos vorübergehen darf. Herr Dr. Lesfing hat in Siegfried Jakobsohns Wochenschrift „Schaubühne" über Samuel Lublinskis Buch „Die Bilanz der Moderne" einen achtseitigen Artikel veröffentlicht! Er setzt über seinen Artikel die literarisch ebenso vornehme wie schöne Ueberschrift: „Samuel zieht die Bilanz". Und dann heißt es in einem nicht näher zu charakterisierenden Ton unter anderem folgendermaßen: „Auf ein paar ganz kurzen fabrenden Beinchen ein fettiges Synagöglein. sein Bäuchlein wie die Apsis well in die Außenwelt vorgestreckt. Gleichwie der Frosch sein Bäuchlein vorplustert, wenn er stolz tut und durch einen Tümpel schwimmt. Aber auf dem schwammige« Bäuchlein, kurz ausgepfropft, saß ein schwarz-rundes Köpfchen ... Aber das Männlein mauschelte sich gar naiv ins Zimmer und ließ Wortwürmlein fallen. Und das Gebürtchen kmxte sich wieder rückwärts und machte neue Abschiedssermönchen und mauschelt mit den Beinchen und streckte gar weit fern Bäuchlein heraus . . . Er heißt Samuel Lublinski und stammt aus Pinne in Posen." Die charakterlose Selbstprostitution hat nicht verfehlt, in anständigen, ch r i st l i ch e n Kreisen Aergernis zu erregen. Ein arischer Schriftsteller. Paul Z s ch o r l i ch, schreibt in der von Friedrich Naumann herausgegebenen „Hilfe" : „Ich kenne Herrn Lublmski nicht, kenne kaum sein Buch und setze einmal den Fall, ich würde es sachlich ebenso verurteilen wie Herr Less'ng. Auch dann noch müßte der anständige Mensch >n mir gegen diese literarische Flegelei protestieren, bte ich in einem seriösen Blatte abgedruckt finde. Ich protestiere gegen sie im Namen des Journalistenberüfes und des gesellschaftlichen Ansehens des Kritikers, denn wenn die Methode des Herrn Lessing erlaubt sein soll und geübt werden darf, so finkt die literarische Kritik auf das Niveau des Zuhältertums," Und weiter: „Ist schon diese niederträchtige und von kleinlicher Rackisucht diktierte Methode widerwärtig, so muß man fast noch mehr die Würdelosigkeit beklagen, in der hier der Semit Lessing den Juden Lublinski wegen seines Blutes verunglimpft. Und das in der von Siegfried Jacobsohn geleiteten „Schaubühne"! Wer je Herrn Jakobsohn von Angesicht zu Angesicht gesehen hat. der wird nicht auf die Vermutung ve« fallen, germanische Raffe vor sich zu haben. Da ist jede Gefichtsfalte fleischgewordener Talmud. Ich schätze darum Herrn Jakvbsohn durchaus nicht geringer. Aber ich beklage den Tiefstand an literarischem Geschmack (und Anstand), der darin liegt, daß ein Jude zur ordinärsten Judenverfolgung die Hand bietet. Herr Jakobsohn darf mir nicht sagen: ich kann in meiner „Schaubühne" bringen, was ich will, das geht sie 'nen Dreck an! So lange dieses Blatt in der Oeffentlichkeit erscheint und ernst genommen werden will, so lange ist es zu einem gewissen Niveau verpflichtet. Das ekelerregende Schauspiel. daß zwei mehr oder weniger getaufte Juden den dritten Juden lediglich deshalb anpöbeln, weil er ein Jude ist, diese literarische Affenkomödie fordert im Namen des Menschentums zum Protest heraus." Der „Budapester Spaziergänger" im „Neuen Pesler Journal", vom 6. Februar, behandelt einige verwandte Erscheinungen im politischen und sozialen Leben der ungarischen Hauptstadt: „Die Art. in welcher Judenstämmlinge und Spätgetaufte ihr zapfenfrisches Christentum betonen, ihre zähneklappernde Anstrengung. alle Vergangenheitsspuren zu verwischen und ihr ultramontaner Eifer sind oft dermaßen ergötzlich, daß darüber selbst ein Stoiker in Lachkrämpfe fallen könnte. Wie herzlich unbedeutend muß dieser Herr Professor Ballagi sein, wenn er. um erhöhte Geltung zu gewinnen, bei allen passenden ^znd unpassenden Gelegenheiten sein renoviertes Christentum spielen läßt und an „Andersgläubigen" und „Magyarisierten" seinen Witz übt! Ich glaube ja. daß es in Ungarn immer noch leichter ist, auf der Christusleiter denn auf der Jakobsleiter emporzukommen, aber sollten Leute, die sich dieses „Lifts" bedienen, nicht zumindest den guten Geschmack haben, Namen und Herkunft Anderer unangetastet zu lassen? Warum trägt Herr Ballagi sein Kreuz nicht in Demut? Warum bei jeder Gelegenheit auf dem Rücken? Wenn Präpotenz und Arroganz, wie in arischen Kreisen behauptet wird, wirklich spezifisch jüdische Rasseneigenschaften sind, muß man dann nicht mit Bestürzung wahrnehmen, daß Ballagi. der Sohn, von diesem Rassendefekt selbst mit echtem Taufwasser nicht zu befreien war? Kein Zweifel: das unterstrichene Christentum des Herrn Ballagi ist lückenhaft. In der Dreieinigkeit stimmt etwas nicht. Wir kannten den Vater, wir sehen den Sohn, aber wir vermissen den heiligen Geist. Herr Ballagi ist übrigens eine typische Erscheinung. Christliche Abkömmlinge jüdischer Väter und Uebe'rlüufer lieben es, klerikale Allüren anzunehmen. Bei uns gibt es eine ganze Menge von Neochristen, die sofort die Nase höher tragen, wenn sie eine andere gebogen sehen. Das ist wohl sehr komisch, aber zugleich auch begreiflich bei Leuten, die der Mitwelt nichts Anderes zu bieten haben, als einen Taufschein. Minder erklärlich ist es mir aber, daß sich die Christen von diesem Schein trügen lassen. Ich kann einen Antisemitismus. der sich ausschließlich wider jüdische Geschmacksausschreitunaen richtet, sehr wohl begreifen. Geschmackloseres aber als den christlichen Uebereifer getaufter Juden oder Judenstämmlinge kann ich mir nicht leicht vorstellen. Diese Leute, die selbst die Kirche für einen Lizitationssaal halten, in welchem man „mehr" bieten muß. verdienen den unbarmherzigsten Spott. Wäre ich Arier, ich würde einen speziellen Antisemitismus wider die ultramontanen „Getauften" predigen und eine starke Agitation entfalten, um diese Gilde zu isolieren. Diesen Ueberchristen ist es nur um die „Verbindung" zu tun. Sie assimilieren sich nicht stillschweigend, sondern forcieren geradezu den Anschluß, die Aufnahme ins Ariertum. So ist ja jüngst erst ein bekannter Millionär, das Mitglied einer reichen und vornehmen jüdischen Patriziersamilie. zum Christentum übertreten, wähnend, damit nun die letzten Wälle niedergerissen zu haben. Ein enormes Vermögen, die teuersten Automobile und ein Monokle reichten nicht